Praxistest

Skoda macht es einfach clever Die schlichte Schönheit des Octavia

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Der Octavia ist der ungeschlagenen Bestseller der Tschechen. Das soll auch in Zukunft so bleiben und so hat man den Neuen ordentlich aufgerüstet.

(Foto: Holger Preiss)

Ein Auto für Poser war der Skoda Octavia noch nie. Dezent hielt er sich im Hintergrund und wurde vielleicht gerade deshalb ein Verkaufsschlager. An diese Tugenden knüpft der dritte Octavia an. Doch hat er gegenüber seinen Vorgängern an Charakter gewonnen und ist noch ein wenig mehr Simply Clever. Wenn da nur nicht diese Leseschwäche wäre.

Kennen Sie das? Ihnen begegnet auf der Straße ein Mensch und Sie nehmen ihn nur im Unterbewusstsein wahr. Von dort kommt dann das Signal: Schau dich noch einmal um! Das tun Sie. Und Sie sind froh, dass Sie es getan haben, denn was Sie dann bewusst wahrnehmen, erfreut Ihre Sinne durch schlichte Schönheit. Genau so müssen Sie sich auch die Begegnung mit dem neuen Skoda Octavia vorstellen. Chefdesigner Jozef Kabaň hat alles, was an der zweiten Modellreihe als schnörkelig empfunden werden konnte, in klare Linien verwandelt.

Schöner durch den MQB

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Die dezente Eleganz des Octavia drückt sich auch in den Scheinwerfern aus.

(Foto: Holger Preiss)

Die tropfenförmigen Scheinwerfer mit dem Octavia-Schriftzug weichen scharf gezeichnetem Klarglas mit kristallenem Wimpernschlag. Das Tagfahrlicht zieht sich wie ein Lidstrich unter dem Scheinwerferauge entlang. Kabaň verzichtet auch auf eine ansteigende Schulterlinie. Erst am Ende der Fondfenster zieht er einen mit der coupéhaften Dachlinie kooperierenden Winkel in die Höhe. Auch am Heck hat der Octavia in der dritten Generation seine Rundungen verloren. Zwar bleibt die prägnante C-förmige Lichtkontur der Rückleuchten erhalten, präsentiert sich jetzt aber in einer eckigen, kristallinen Struktur, die im Topmodell durch LED-Lichtleiter gebildet wird.

Dank des von VW zur Verfügung gestellten Modularen Querbaukastens (MQB) gibt es im Octavia III noch einige andere Annehmlichkeiten. Der Radstand wuchs im Vergleich zum Vorgängermodell um fast 11 Zentimeter. Dadurch verkürzt sich der vordere Überhang, was zu einer deutlichen Dynamisierung in der Seitenansicht führt. Aber all das wird erst deutlich, wenn man sich Zeit für die Betrachtung des neuen Tschechen nimmt. Wenn der Blick schweift, ist es wie erwähnt das Unterbewusstsein, dass als Erstes die Information sendet. Allerdings ergaben empirische Studien während des Praxistests des Octavia 2,0 TDI in der Ausstattungslinie Elegance mit 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, dass auch das Bewusstsein der Probanden angesprochen wird, denn kaum einer ließ den Spruch "schickes Auto" hinter verschlossenen Lippen schlummern.

Raum, Raum – man glaubt es kaum

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Vor allem im Fond hat der Octavia an Platz zugelegt.

(Foto: Holger Preiss)

Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass die veränderten Proportionen nicht nur einen optischen Gewinn gebracht haben. Der Octavia ist auch was die inneren Werte betrifft ein Prachtkerl geworden. Allein der Gewinn an Kniefreiheit im Fond hat mit 7,3 Zentimetern und einer Kopffreiheit von fast 10 Zentimetern Mittelklassecharakter. Selbst hoch aufschießende Reisende müssen im Tschechen nicht befürchten, dass sie irgendwelche Körperteile ungelenk verdrehen müssen und Kinder können in ihren Sitzen fröhlich mit den Beinen baumeln. Der Kofferraum wuchs im Vergleich zum Vorgänger erneut um 5 auf satte 590 Liter.

Das wäre dann auch ein Volumen, das Diskussionen darüber, ob das dritte und vierte Paar Schuhe der Begleiterin mitzunehmen ist, gelassen überspringen lässt: "Natürlich Schatz, nimm doch auch die Roten noch mit. Man kann nie wissen." Bleibt die Rückbank leer, kann sie (jedenfalls bei den Modellen ab Mai) auf Wunsch per Knopfdruck vom Kofferraum aus umgelegt werden. Jetzt eröffnet sich ein Raum von 1580 Litern für Zuladung und die sind über eine der niedrigsten Ladekanten in der Kompaktklasse zu befüllen. Lediglich 70 Zentimeter muss das Ladegut nach oben gewuchtet werden. Vertäuen lässt es sich mit diversen Spannnetzen und an mannigfach angebrachten Haken und Häkchen.

Helferlein mit Leseschwäche

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Klar sind auch die Strukturen am Arbeitsplatz des Piloten.

(Foto: Holger Preiss)

Derart entspannt kann sich auch der Pilot an seinem Arbeitsplatz in das beigefarbene und mit Alcantara bespannte Gestühl plumpsen lassen, das es für 820 Euro Aufpreis gibt. Anfänglich erschien es etwas weich, erwies sich dann aber auf langen Autobahnstrecken als extrem bequem und anschmiegsam. Die Wangen sind leicht ausgeformt, verhindern so bei schnellen Kurvenfahrten das Herausrutschen aus dem Sitz, könnten aber einen Tick straffer sein. Ansonsten erfreut das aufgeräumte Cockpit mit seinen klar strukturierten Rundinstrumenten und wer sich für das Fahrassistenzpaket Traveller für zusätzlich 2590 Euro entschieden hat, der darf auf den von feinen Klavierlackintarsien gerahmten, 8 Zoll großen Touchscreen blicken, der mit einer Auflösung von 800 x 480 Bildpunkten eine ausgezeichnete Auflösung bietet.

Für das Geld gibt es aber noch mehr. Im Traveller-Paket ebenfalls enthalten sind: das Radio-Navigationssystem Columbus inklusive DAB+, Spurhalteassistent, Fernlichtassistent, Außenspiegelabblendung, elektrisch anklappbare Außenspiegel mit Boarding-Spots sowie Komfort-Telefonfreisprecheinrichtung mit Bluetooth, Sprachbedienung und Phonebox, 3-Speichen-Multifunktionslenkrad für Radio und Telefon. Außerdem gibt es eine Verkehrszeichenerkennung. Allerdings erwies sich die fünfjährige Tochter des Autors bei der Ansage etwaiger Geschwindigkeitsbegrenzungen als zuverlässiger als die von Skoda verbaute Technik. Bis zu drei Mal auf jeder Fahrt verkündete das System, dass die "Verkehrszeichenerkennung zurzeit eingeschränkt" sei. Schade!

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Mit 590 Litern Kofferraumvolumen ist der neue Octavia Klassenbester.

(Foto: Holger Preiss)

Um so zielführender erwies sich die Investition von 390 Euro für den schlüssellosen Zugang und das Start-Stopp-System, die Bi-Xenon-Scheinwerfer mit dynamischer Leuchtweitenregulierung für 965 Euro und die 90 Euro für eine 230V-Steckdose in der Mittelkonsole zwischen den Vordersitzen: kein lästiges Rumschleppen von 12V-Adaptern, sondern einfach die handelsüblichen Stecker in die Dose schieben und Smartphones, Handys oder DVD-Player mit Strom versorgen.

Das sind eigentlich auch die kleinen Höhepunkte, die man von Skoda erwartet und die die Daseinsberechtigung für den Claim der Tschechen sind: "Simply Clever". Ein Universalhalter im Cupholder der Mittelkonsole schafft Platz für Mobiltelefon oder iPod. Für die Ablagefächer in den Türen kann ein eigener Abfallbehälter geordert werden. Und auch verdursten muss an Bord keiner. Bis zu acht Flaschen können in eigens dafür vorgesehene Halter gestellt werden: je eine 1,5-Liter-Flasche in beiden Vordertüren, zwei 0,5-Liter-Flaschen in der Mittelkonsole vorne, je eine 0,5-Liter-Flasche in den beiden Hintertüren und optional zwei 0,5-Liter-Flaschen in der heruntergeklappten mittleren Armlehne hinten.

Kraftvoller 2-Liter-Diesel mit gefühlten 180 PS

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Der 2-Liter-Diesel gibt sich angenehm potent und bei vorsichtiger Fahrweise entsprechend genügsam.

(Foto: Holger Preiss)

So gewappnet, bleibt nur noch der Blick auf die Motorisierung und das Fahrwerk. Die eindeutige Empfehlung geht hier zum großen Diesel. Das heißt, dass der Testwagen mit dem 2,0-Liter-Triebwek bestückt war, das dem Fahrer die Zügel über 150 Pferde in die Hand gibt. Insgesamt fühlen die sich aber wie 180 PS an. In 8,6 Sekunden sprintet der 1355 Kilogramm schwere Tscheche auf Tempo 100. Vorausgesetzt, man hat zuvor den Fahrmodischalter auf Sport getoucht. Die Elektronik regelt jetzt das Drehmoment deutlich höher auf den Schaltpunkt zu und ermöglicht so ein deutlich spritzigeres Fahren.

Allerdings sind bei derart hochtourigen Stoßgebeten die vom Werk angegebenen Verbrauchswerte mit 4,5 Liter Diesel im Kombinationslauf wie so oft unglaubwürdig. Der Testwagen genehmigte sich im Stadtverkehr und einem auf Eco gestellten Fahrmodischalter 5,9 Liter. Angegeben waren 5,4 Liter. Im Gesamtzeitraum des Testes auf über 1000 Kilometern genehmigte sich der Octavia 7,3 Liter Diesel. Wer es aber auf der Autobahn richtig krachen lässt, der darf getrost mit 8,9 Litern und mehr rechnen. Hier kommt es auf die Länge der Strecke an.

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Auch am Heck ist der Octavia deutlich dynamischer geworden.

Dabei überzeugt der Motor immer durch hohe Laufruhe, der sein maximales Drehmoment von 320 Newtonmetern bereits zwischen 1750 und 3000 U/min zur Verfügung stellt. Die Höchstgeschwindigkeit hat man in Mlada Boleslav mit 219 km/h ausgemessen. Der Testwagen in Pazifik-Blau brachte es sogar auf satte 230 km/h. Das lag natürlich nicht an der Farbe. Die sei hier nur erwähnt, weil sie neu im Skoda-Programm ist und an das Petrol der ersten Octavia-Generation erinnert.

Was überhaupt nicht mehr daran erinnert, ist das Fahrwerk. Zwar ist auch der neueste Octavia in der getesteten Motorisierung noch mit einer Verbundlenkerhinterachse ausgestattet, die wurde aber neu konstruiert. Sie besteht jetzt aus einem nach unten geöffneten Querprofil, in das jeweils an den äußeren Enden ein Einlegeblech geschweißt wurde. Die unterschiedlich langen Einlegebleche sorgen dafür, dass sich verschiedene Torsionsraten erzielen lassen. Das wiederum sorgt für eine größere Verwindungssteifigkeit und eine verbesserte Straßenlage.

Im Zusammenspiel mit dem schon erwähnten deutlich gewachsenen Radstand sorgt das für ein angenehm stabiles Fahrverhalten. Auch auf das weiche Aufschaukeln auf schnell folgenden Querrinnen auf Autobahnen verzichtet der neue Octavia. So schluckt er auch grobes Kopfsteinpflaster klaglos und verbreitet keinen Unmut im Innenraum. Den gibt es aber auf solcher Strecke durchaus, denn der Testwagen hatte ein Schwirr-Problem. Vibrationsgeräusche aus allen Ecken ließen in solchen Momenten die extrem gute Verarbeitung des Octavia in Zweifel ziehen.

Fazit: Der neue Octavia hat im Vergleich zu seinen Ahnen noch einmal deutlich zugelegt. Nicht nur in der Größe, sondern auch in den vielen kleinen Innovationen, die die Tschechen dem Primus mit auf den Weg gegeben haben. Und sei es nur der Eiskratzer im Tankdeckel. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis des Octavia bleibt einzigartig. Für den Testwagen in der höchsten Ausstattungsvariante Elegance schlagen 29.210 Euro zu Buche. Mit allen Sonderausstattungen sind es 35.075 Euro. Ein gleichwertig ausgestatteter Golf Variant bringt es auf 38.000 Euro.

DATENBLATTSkoda Octavia 2.0 TDI
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,78/1,81/1,48
Radstand2,68 m
Leergewicht (DIN)1350 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen590 Liter/ 1580 Liter
EmissionsklasseEU 5
Motor/Hubraum2,0 Liter-Vierzylinder-Commonrail-Diesel mit Start-Stopp-Automatik und Rekuperation
Getriebe6-Gang-DSG mit Tiptronic-Funktion                                                                                                                                                         
Leistung150 PS (110 kW) bei 35000 - 4000 U/min
KraftstoffartDiesel
AntriebFrontantrieb                          
Höchstgeschwindigkeit214 km/h
max. Drehmoment320 / 1750-3000 U/min
Tankinhalt61 l
Beschleunigung 0-100 km/h6,8 s
Normverbrauch (Innerorts/Außerorts/Kombiniert)5,4 l/4,1l/4,5l
Testverbrauch7,3 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
119 g/km
Grundpreis29.210 Euro
Preis des Testwagens35.075 Euro

    

Quelle: n-tv.de

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