Infografik

Flacht die Kurve schon ab? Was die jüngsten RKI-Zahlen bedeuten

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Letzte Hoffnung Deutschland: Auf einem Flugplatz im Osten Frankreichs wird ein Covid-19-Patient zum Transport ins Nachbarland vorbereitet.

(Foto: REUTERS)

Noch ist die Bewegung kaum zu erkennen: In den amtlichen Fallzahlen zeichnet sich eine bemerkenswerte Entwicklung ab. Zum ersten Mal in diesem Herbst liegt der Tageszuwachs bei den Neuinfektionen unter dem Niveau der Vorwoche. Ist das schon die Trendwende?

Die Meldedaten der laufenden Coronavirus-Pandemie zeichnen alles andere als ein exaktes Bild, liefern aber immer noch die am schnellsten verfügbaren Hinweise zum Infektionsgeschehen: Seit Anfang November sind die verschärften Kontaktbeschränkungen in Deutschland in Kraft. Mit einschneidenden und vielerorts schmerzhaften Maßnahmen stemmen sich Bund und Länder gegen die exponentielle Ausbreitung des Erregers. Zeigt die Wellenbrecher-Strategie bereits Wirkung?

Die Zahl der Neuinfektionen beziffert das Robert-Koch-Institut (RKI) an diesem Dienstag auf 15.332 laborbestätigte Ansteckungsfälle (Stand: 9. November, 0.00 Uhr). Der aktuelle Tageszuwachs liegt damit hauchdünn unter dem Niveau von Dienstag vergangener Woche. Am 3. November hatte das RKI 15.352 neu erkannte Fälle verzeichnet.

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Im Wochenvergleich ist das der erste Rückgang der Fallzahlen seit Beginn der zweiten Welle im Herbst. Als Signal einer möglichen Trendwende eignet sich der aktuelle Dienstagswert allerdings nicht. Für belastbare Aussagen ist es jedoch noch viel zu früh.

Zum Beispiel entwickelt sich schon das Meldeaufkommen im Wochenverlauf in regelmäßig wiederkehrenden Mustern. Montage und Dienstage zählen dabei üblicherweise zu den schwächsten Meldetagen der Woche. Grund sind die Nachwirkungen des sogenannten Wochenendeffekts: An Samstagen und Sonntagen haben weniger Arztpraxen geöffnet, weniger Menschen gehen zum Arzt, Labore und Gesundheitsämter arbeiten im eingeschränkten Betrieb.

Ein besseres Bild der Lage ergibt sich daher frühestens in der zweiten Wochenhälfte, wenn die Masse der im Wochenverlauf eintreffenden Laborbefunde Eingang in die Meldestatistik finden. Aber selbst dann wäre die Entwicklung eines einzelnen Tages auch im günstigsten Fall noch nicht aussagekräftig genug.

Die Meldedaten sind zur Einschätzung des Infektionsgeschehens nur bedingt geeignet. Der laborbestätigte Nachweis einer Ansteckung sagt im Einzelfall zum Beispiel noch nichts über den Erkrankungszeitpunkt aus. Ein Betroffener könnte bereits seit mehr als einer Woche oder länger infiziert gewesen sein, bevor Symptome ausbrechen oder er zufällig bei einem Test als positiv auffällt.

Das Robert-Koch-Institut unternimmt daher nicht geringe Anstrengungen, den Erkrankungsbeginn und damit den mutmaßlichen Infektionszeitpunkt zu ermitteln. Nur anhand dieser Daten lassen sich einigermaßen verlässliche Aussagen treffen, wie genau sich das Infektionsgeschehen in Deutschland entwickelt.

Problem: Labore am Limit

Die jeden Morgen vom RKI veröffentlichten Meldedaten werden dagegen noch von weiteren Faktoren verzerrt: Die Zahlen sind abhängig davon, wie viele Fälle von den lokalen Gesundheitsämtern ins elektronische Meldesystem des RKI eingespeist werden. Und die Gesundheitsämter vor Ort können nur dann neue Fälle melden, wenn sie positive Befunde aus den Laboren erhalten.

Und genau hier zeichnen sich seit Wochen gravierende Engpässe ab: Eine wachsende Zahl an entnommenen Proben kann von den Laboren nicht mehr rechtzeitig abgearbeitet werden, sodass ein massiver Probenrückstau entstanden ist.

In der Woche bis kurz vor Beginn des November-Lockdowns betraf das bereits mehr als 98.000 Coronavirus-Tests, bei denen das Ergebnis noch ausstand. Insgesamt 55 Labore berichteten über Probleme beim Nachschub wichtiger Materialien, die für die saubere Arbeit mit den Coronavirus-Proben erforderlich sind.

Bei einer Positivenquote von derzeit gut 7,2 Prozent könnten sich in der Masse der noch nicht ausgewerteten Befunde womöglich mehr als 7000 akute Ansteckungsfälle befinden, die noch nichts von ihrer Infektion wissen und noch nicht benachrichtigt werden konnten. Aktuelle Zahlen zum Testrückstau in den Laboren veröffentlicht das RKI jeweils am Mittwoch.

Unklar ist noch, wie stark die Laborengpässe die Meldedaten der letzten Tage und Wochen beeinflussen. In der Fallprüfung beim RKI werden die gemeldeten Infektionsfälle einzeln den jeweiligen Meldedaten zugeordnet. Damit dürfte sich der Verzerrungseffekt wohl auf mehrere Tage oder gar Wochen gleichermaßen verteilen.

Beispiel: Trendwende in den Niederlanden

Der bislang stärkste Hinweis auf eine mögliche Abschwächung der Infektionsdynamik lässt sich anhand des Sieben-Tage-Trends erkennen. Dieses mehrtägige Mittel errechnet sich aus der durchschnittlichen Anzahl der Neuinfektionen im Zeitraum der jeweils zurückliegenden sieben Tage. Wie eine echte Trendwende hier aussieht, zeigt sich am Beispiel der Niederlande: In der ntv.de-Infografik auf Basis der offiziellen Fallzahlen geht die rot markierte Trendlinie seit Tagen deutlich zurück. Der Lockdown zeigt eindeutig Wirkung.

Das Problem aus deutscher Sicht? Bis ähnliche Auswirkungen in Deutschland zu erwarten sind, wird es sicher noch einige Tage dauern. Die Niederlande haben ihre verschärften Maßnahmen bereits Mitte Oktober in Kraft gesetzt. Zu diesem Zeitpunkt warb Bundeskanzlerin Angela Merkel in Deutschland noch mit dringlichen Appellen um Verständnis für weitere Corona-Auflagen.

Umgesetzt wurde die deutsche Wellenbrecher-Strategie erst mit Wirkung zum 2. November. Und davor nutzten viele Deutsche womöglich noch das "letzte Wochenende in Freiheit", um in Kneipen und Gaststätten noch einmal zu feiern, bevor die Gastronomie für einen vollen Monat in die pandemiebedingte Zwangsschließung gehen musste.

Zum Vergleich: Die Trendlinie in Deutschland

Die Trendwende in den Niederlanden war erst am 31. Oktober erreicht. Der Höhepunkt der jüngsten Ansteckungswelle war dort also erst gut zwei Wochen nach Beginn des Lockdowns erreicht. Wie lange wird es in Deutschland dauern?

Auch die Zahlen aus dem Frühjahr deuten darauf hin, dass sich die Deutschen noch gedulden müssen, bevor in den täglich gemeldeten Fallzahlen sichere Anzeichen für eine vorsichtige Entspannung der Lage zu erkennen sein werden. Ende März, Anfang April dauerte es ebenfalls knapp zehn Tage, bis nach den bundesweiten Kontaktbeschränkungen (ab 23. März) ein Effekt im Sieben-Tage-Trend zu sehen war.

Und selbst wenn es Deutschland auch diesmal gelingen sollte, eine schnelle Trendwende zu erreichen und die Ansteckungswelle zu brechen, wäre es noch viel zu früh für eine Entwarnung, ein allgemeines Aufatmen oder gar die von vielen erhoffte Rückkehr zum "normalen Leben".

Es ist längst bekannt: Die Zahl der Covid-19-Erkrankten folgt mit mehrwöchigem Nachlauf dem Anstieg der erkannten Ansteckungen. Die Auslastung in den Intensivstationen dürfte also selbst im günstigsten Fall erst weiter in den kritischen Bereich steigen, bevor es auch hier zu einer Besserung kommt. Und selbst bei einer Halbierung der täglich gemeldeten Neuinfektionen wäre Deutschland noch meilenweit von jenem Fallaufkommen entfernt, bei dem eine effektive Nachverfolgung der Infektionsketten und Eindämmung des Ansteckungsgeschehens durch die Gesundheitsämter gewährleistet werden könnte.

Quelle: ntv.de