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RKI: "Zahlen noch viel zu hoch" Wie und wo die Corona-Kurve abflacht

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Labore, Kliniken und Personal an der Belastungsgrenze: Die Coronavirus-Pandemie stellt das deutsche Gesundheitsystem vor die bisher schwerste Bewährungsprobe.

(Foto: dpa)

Die Wellenbrecher-Strategie im November zeigt Wirkung: Die Fallzahlen steigen nicht mehr ganz so stark an, sind aber "immer noch viel zu hoch", wie RKI-Chef Wieler bestätigt. Welche Signale in den Daten stimmen ihn optimistisch?

Zweieinhalb Wochen nach Beginn des "Lockdown-light" mit verschärften Corona-Auflagen in Deutschland schätzt das Robert-Koch-Institut (RKI) die Pandemielage weiterhin als "sehr ernst" ein. "Die Fallzahlen sind insgesamt immer noch sehr hoch, viel zu hoch", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler bei der jüngsten Pressekonferenz in Berlin zum Infektionsgeschehen. Eine "gute Nachricht" sei allerdings, dass die Zahlen aktuell nicht weiter stiegen.

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Tatsächlich hat sich der Anstieg der Fallzahlen in den letzten Tagen erkennbar abgeschwächt. Im mehrtägigen Mittel entwickelt sich die Trendlinie bei den Neuinfektionen rückläufig. Auch im Wochenvergleich liegen die Tageszuwächse leicht unter dem Niveau der Vorwoche.

Die Meldedaten aus den Bundesländern zeigen überwiegend eine leicht rückläufige Tendenz. Das Fallaufkommen, gemessen an der Sieben-Tage-Inzidenz, gibt nicht nur in den bisher am schwersten betroffenen Regionen wie Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg nach.

Nahezu alle Länder melden im zurückliegenden Zeitraum von sieben Tagen weniger Neuinfektionen je 100.000 Einwohner als noch im Oktober oder Anfang November. Lediglich in urbanen Brennpunkten wie etwa Berlin stieg die Sieben-Tage-Inzidenz zuletzt noch an.

Da das Meldeaufkommen jedoch zum Wochenende regelmäßig ansteigt, ist es noch zu früh, um jetzt schon von einer Trendwende zu sprechen. Denkbar wäre auch, dass der exponentielle Anstieg der letzten Oktoberwochen unmittelbar in eine Plateauphase übergeht mit einer zwar gebremsten, aber anhaltend starken Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung.

Wenig hilfreich ist, dass die Meldedaten im November durch einen zusätzlichen Faktor verzerrt werden. Zum 11. November traten die neuen RKI-Empfehlungen zu den Testkriterien in Kraft. Seitdem sollen nur noch Personen mit Kontakt zu Risikogruppen sowie eindeutige Verdachtsfälle mit klaren Covid-Symptomen oder Bezug zu einem bekannten Ausbruchsgeschehen getestet werden.

Die Maßnahme, die die Labore zu Beginn der Erkältungszeit vor der absehbaren Überlastung schützen soll, könnte dazu führen, dass insgesamt weniger Coronavirus-Tests durchgeführt werden. Da zugleich gezielter getestet werden soll, dürfte auch die Trefferquote steigen, also der Anteil der Corona-Tests, bei denen eine Ansteckung nachgewiesen werden konnte.

Die erste Wochenauswertung nach der Einführung der neuen Testkriterien scheint beide Annahmen zu bestätigen: Die Anzahl der vorgenommenen PCR-Tests sinkt von 1,598 Millionen in der Vorwoche auf aktuell rund 1,385 Millionen Proben (Stand: Kalenderwoche 46, also die sieben Tage bis 15. November). Gleichzeitig ging die Anzahl der laborbestätigten Coronavirus-Nachweise nur leicht von 125.600 auf etwa 124.500 Fälle zurück.

Obwohl also rund 210.000 weniger Abstriche ausgewertet wurden, ging die Zahl der positiven Befunde in der zurückliegenden Woche nur um rund 1000 zurück. Die Positivenquote steigt entsprechend auf 9,00 Prozent an, was dem zweithöchsten Wochenwert seit Beginn der Pandemie in Deutschland entspricht.

Das Problem ist, dass bislang noch nicht bestimmt werden kann, in wie vielen Fällen bereits die neuen Testkriterien zur Anwendung kamen. Das RKI selbst weist ausdrücklich darauf hin, dass die wöchentlichen Labordaten aufgrund der Anpassung nicht direkt vergleichbar seien.

RKI-Chef Wieler räumte ein, dass durch die geänderte Testausrichtung mutmaßlich auch die Dunkelziffer steigen dürfte - schlicht, weil Betroffene ohne Symptome und ohne Bezug zu Risikogruppen oder einem bekannten Corona-Ausbruch seit 11. November nicht mehr ohne weiteres getestet werden.

Da das Ausmaß der Dunkelziffer - also die Anzahl der nicht erkannten Coronavirus-Ansteckungen - naturgemäß höchstens indirekt und näherungsweise bestimmen lässt, ist derzeit noch offen, in welche Richtung sich das Infektionsgeschehen in Deutschland tatsächlich entwickelt.

Wieler geht aber davon aus, dass der Blick auf die Pandemie davon dennoch nicht in größerem Ausmaß verwässert werden dürfte. Er verweist auf die übrigen Kennzahlen, aus deren Entwicklung sich Hinweise auf die mutmaßliche Dunkelziffer ableiten lassen.

Hier steht vor allem die Zahl der schweren Verläufe unter den bekannten Covid-19-Patienten im Vordergrund. Auch wenn sich dieser Indikator mit einem etwa 14-tägigen Verzug bewegt, stellen die Zahlen aus den Krankenhäusern - abgesehen von den Sterbefällen - die härtesten und belastbarsten Anhaltspunkte zur Pandemielage dar.

Bei der Zahl der gemeldeten Corona-Fälle auf deutschen Intensivstationen zeichnet sich eine leichte Abflachung ab. Oder, vorsichtiger ausgedrückt: Die Kurve steilt sich derzeit zumindest nicht weiter auf.

"Wir wissen nicht, ob das schon eine Trendwende ist", erklärte Wieler mit Blick auf die Entwicklung der Fallzahlen insgesamt. "Das müssen wir tatsächlich noch abwarten". Es gibt allerdings auch bei den Zahlen der schweren Infektionsverläufe und der Intensivpatienten ermutigende Anzeichen. Die Kurve scheint sich auch hier leicht abzuflachen.

Als Anlass für eine Entwarnung taugen diese Signale allerdings nicht. Dafür ist die Situation in den Intensivstationen zu angespannt. Beinahe alle kritischen Bereiche des deutschen Gesundheitssystems - also Gesundheitsämter, Labore, Ärzte und Pflegekräfte - arbeiten vielerorts längst am Limit.

Zudem sei auch "die Zahl der Todesfälle weiterhin sehr hoch", wie Wieler betonte. Selbst wenn die Fallzahlen sich deutlich nach unten bewegen würden und die erhoffte Trendwende in voller Breite erkennbar wäre, bliebe die Lage in den Kliniken noch mehrere Wochen im kritischen Bereich.

Quelle: ntv.de