Leben

Das Salz des Internets Aus Versehen Veganerin

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Bei Veganern wie unserer Kolumnistin kommen nur Pflanzen auf den Teller.

(Foto: imago images/Westend61)

Ernährungsphilosophien gibt es wie Sand am Meer und durch das Internet verbreiten sie sich in Windeseile. Unsere Autorin berichtet darüber, wie sie aus Versehen Veganerin geworden und warum sie es bleiben will, obwohl es anstrengend ist. 

Ich kann es selbst nicht glauben, aber in diesem Monat feiert meine Kolumne Das Salz des Internets schon ihren ersten Geburtstag. Und statt Sekt und Schnittchen möchte ich mich zur Feier dieses besonderen Ereignisses einem ganz pikanten Thema widmen: meinem Magen. Das mag jetzt vielleicht auf den ersten Blick ulkig klingen, aber bitte bleiben Sie mir als aufgeregter Jubilarin noch einen Moment gewogen, denn ich packe heute mal aus, was ich sonst ganz und gar für mich behalte. Es geht - oh Wunder - ums Essen. Das tägliche Übel, dem keiner von uns entkommen kann oder sollte.

Wenn ich ganz ehrlich mit mir und Ihnen bin, fällt es mir gar nicht so leicht offen über das Thema Ernährung zu schreiben. Denn was man sich täglich so an Nährstoffen reinfährt, finde ich genauso intim wie die Frage, ob und an welchen Gott man denn glaubt und ob man Kinder will. In meinen Augen absolut kein Smalltalkgarant. Trotzdem geht es immer um die Wurst, wenn man vom Essen redet.

Besonders laut wird es, wie ja fast immer, im Internet. Hier sind sie in Massen unterwegs, die Ernährungsgurus und Fleischliebhaber. Von einem Extrem wie den millionenfach geklickten Grill-Youtubern, für die kein Steak zu dick und kein Smoker zu teuer sein kann, bis hin zum anderen Extrem, den Power-Veganern, die sogar ihre Haustiere ausschließlich mit pflanzenbasierten Nahrungsmitteln füttern und sich so ihre ausgesprochen ausgewogen ernährte Zuschauerschaft auf Youtube und Instagram sichern.

Egal, auf welcher Seite des Ernährungsspektrums man hier steht, gleichgültig kann einem eins der essenziellsten Komplexe der Selbsterhaltung ja irgendwie nicht sein, schon allein weil man tagtäglich aus allen Lagern sowohl digital als auch analog permanent angeschrien wird von der Nahrungsmittelindustrie, sogenannten Ernährungsexperten und Influencern in veganen Yogahosen. Alle wollen sie nur unser Bestes, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Kein Abschied, kein Vermissen

Dazu kommt noch, dass es fast täglich neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft und dem, was sich dafür ausgibt, gibt, was für unsere Körper gut oder gar schädlich sein kann. Am Ende steht meistens nur noch die große Ratlosigkeit und die blinkenden Leuchtreklamen, der großen Burgerketten in der Heimatstadt. Wissen Sie genau, wie ihr Cholesterinwert aussieht? Ich nicht, ich weiß nicht mal, wo genau im Körper Cholesterin produziert wird und warum. Angst davor, dass ich von zu viel davon krank werde, habe ich trotzdem. Habe ich irgendwo mal gelesen. Soll schlecht sein.

Ich ernähre mich jetzt schon seit über drei Jahren ohne tierische Produkte. Man kann es pflanzenbasierte Ernährung nennen oder eben vegan. Ich weiß, dass sich viele Menschen unter Veganern ganz spezielle Charaktere vorstellen, deswegen erwähne ich es eher selten bis nie. So seltsam es klingen mag, bin ich aus Versehen zu dieser Ernährungsform gekommen. Nach einer Ernährungsumstellung, durch die ich fast zwanzig Kilogramm abgenommen habe, fiel mir nach Monaten auf, dass ich durch meine bewusste Ernährung kaum noch Nahrungsmittel tierischen Ursprungs konsumierte, viel günstiger einkaufte und mir nichts fehlte, ganz im Gegenteil.

Zum Schluss habe ich nur noch Hühnereier von meinem Speiseplan verbannt, die mir eh immer schon ein Dorn im Auge waren, und plötzlich war ich Veganerin, ohne es zu merken. Ich weiß, das klingt ziemlich unspektakulär, aber es gab für mich nicht einmal eine Phase der bewussten Umstellung, kein Käse-Vermissen und keine Milchschokolade-Sehnsucht. Keine dramatischen Abschiedsszenen und kein Herzschmerz.

Vom Standardesser zur Angeklagten

Was mein Körper einfach so, ganz sang- und klanglos, akzeptiert hat, kam erst nach und nach in meinem Kopf an. Richtig kompliziert wurde es für mich erst, als ich plötzlich dazu gezwungen war meine Essgewohnheiten täglich zu rechtfertigen, das kannte ich vorher nicht. Ich war vorher ein Standardesser gewesen und plötzlich wurde ich ständig ins Fleischesserkreuzverhör genommen. Ich bin mir relativ sicher, dass ich in meiner Zeit als Vegananfänger mehr Kalorien damit verbrannt habe Menschen zu beruhigen und ihnen zu versichern, dass ich ihren Fleischkonsum nicht verurteilte, als ich es im Fitnessstudio je schaffen würde. Mein Blutbild war jetzt zwar ein ideales, seitdem ich mich so ernährte, aber ich habe mir auch nie öfter gewünscht, schwerhörig zu sein, als wenn entfernte Bekannte mir erzählen, warum sie ja nie ohne Fleisch leben könnten oder sie zu schwach wären, um ihr Spiegelei zum Frühstück aufzugeben. Es kommt wirklich selten vor, dass ich keine Schuldgefühle auslöse, wenn ich dann doch mal erzähle, dass ich mich vegan ernähre. Das ist eigentlich das Anstrengendste daran. Die anderen Leute.

Ich komme super klar und habe sogar noch meine Liste meiner Lieblingsgerichte erweitern können, anstatt Dinge streichen zu müssen. Man kann nämlich so gut wie alles durch eine vegane Alternative ersetzen. Für alle Besorgten: Ich bekomme auch mehr als genug Proteine, aber danke der Nachfrage. Ausgewogene vegane Ernährung funktioniert wunderbar günstig und lokal. Ich weiß, dass es für viele Menschen schwer zu ertragen ist, aber heutzutage muss niemand mehr ein Cordon bleu aus Schweinefleisch essen. Die Ersatzprodukte sind geschmacklich nicht zu unterscheiden, kalorienärmer und kommen gänzlich ohne Gewalt gegen Tiere oder Ausbeutung von Bauern aus.

Natürlich gibt es auch negative Aspekte, wenn man sich auf rein pflanzlicher Basis ernährt. Es gibt neben den Rechtfertigungen auch noch die gängigen Beleidigungen wie den Klassiker, man esse dem Essen der anderen das Essen weg (Haha, so lustig), meine Großmutter fragt mich immer wieder, warum ich mir das denn alles antue, die Sojabohnenproduktion ist ja auch so schlecht für die Umwelt und Avocados müssen um die ganze Welt geflogen werden. Okay. Kurios finde ich allerdings, dass nur in diesem Zusammenhang die Produktionsumstände für schädlich gehalten werden und Grillfleisch bleibt Grillfleisch, solange die Marinade gut schmeckt.

Natürlich ist es jedem selbst überlassen, welche Entscheidungen er in Sachen Ernährung trifft und jeder Körper, jedes Bedürfnis und jede Motivation ist individuell. Ich bin zumindest nach meinem ursprünglichen Veganversehen zu dem Entschluss gekommen, dass mein Einkauf nicht nur meinen Nährwerten dienen sollte, sondern er auch Ausdruck meiner politischen, ökologischen und ethischen Werte ist. Ich will niemanden bekehren, denn vegane Ernährung ist für mich keine Ideologie, sondern ein Weg, aktiv Leid zu vermeiden und dabei den ganzen Tag ohne schlechtes Gewissen leckere Sachen zu mampfen. Ich habe keine schlauen Tipps, ich esse einfach gerne. Wenn sich also jemand durch diese Kolumne dazu bewegt fühlt, morgen zum Mittag statt dem normalen einfach mal den veganen Burger zu probieren, dann freue ich mich und ihr Cholesterinwert sicher auch. Falls nicht, bleibt mehr für mich übrig, auch gut. In diesem Sinne gönne ich mir zum Jubiläum jetzt noch ein Stück veganen Käsekuchen. Guten Appetit!

Quelle: ntv.de