Leben

"Entschleunigt euch!" Beim Slow Sex die Liebe neu entdecken

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Leistungsdruck beim Sex ist der Tod der Leidenschaft. Slow Sex bietet Alternativen.

(Foto: imago/Westend61)

Was denkt er, wenn ich nicht komme? Berühre ich sie überhaupt richtig? Leistungsdruck beim Sex ist der Tod der Leidenschaft. Slow Sex bietet Alternativen. Unsere Kolumnistin über die Entschleunigung der schönsten Nebensache der Welt.

"Entspann dich! Was ist denn los? Musst du die letzte U-Bahn kriegen?" Robert sieht Lisa einfühlsam an. Er versucht wirklich alles, um seiner Frau das Gefühl zu geben, dass sie seine Zunge auf ihrem Körper genießen darf. Er küsst, liebkost und leckt sie gern, er könnte die ganze Nacht so weitermachen. Aber Lisa, die auf dem Sofa ständig hin und her ruckelt, hat Probleme, sich "fallenzulassen". Anstatt Roberts Küsse lustvoll anzunehmen, denkt sie ständig darüber nach, ob es ihrem Mann auch bequem genug ist, schließlich ist die neue Récamiere viel schmaler, als sie noch im Möbelhaus wirkte. Einen Augenblick gelingt es ihr, ihre Gedanken auszublenden, doch dann stellt sie sich schon wieder Roberts Zunge vor und glaubt, sie sei bestimmt schon ganz schwer und müde geworden.

Diese kleine Szene verdeutlicht: Lisa steht unter (Leistungs)druck. Sie projiziert ihre Gedanken auf ihren Partner: "Robert gibt sich solche Mühe und ich komme ewig nicht ... Was ist nur los … Ich muss mich mal langsam beeilen, der arme Robert fällt gleich vom Sofa" und, und, und. Lisas Problem und das vieler Frauen: Sie sind der Meinung, im Bett abliefern zu müssen. Wer keinen Orgasmus hat, so die Annahme, funktioniert nicht richtig. Dieses Problem ist kein typisch weibliches und betrifft natürlich auch Männer. Stress im Job, morgen das Meeting mit dem neuen Kunden, die Präsentation, die noch nicht perfekt ausgearbeitet ist ... Können die Kinder uns hören? All das macht beiden Geschlechtern zu schaffen. Und dann sollen sie auch im Bett noch ihren Mann beziehungsweise ihre Frau stehen.

Es geht nicht immer nur um den Orgasmus

Die Lösung: Entschleunigt euch! Ihr müsst im Bett nicht abliefern, ihr seid keine Hochleistungssportler! Sex läuft heutzutage sehr oft nach demselben Schema: Vorspiel, Akt, Orgasmus, gegebenenfalls die gute alte Kippe danach. Dagegen ist absolut nichts einzuwenden. Aber was haltet ihr davon, beim nächsten intimen Beisammensein einfach mal einen Gang runterzuschalten und es mit Slow Sex zu probieren?

Natürlich wird auch hier, wie so oft, wenn es um das zwischenmenschliche Miteinander geht, von einem Sex-Trend gesprochen, dabei ist Slow Sex im Grunde nichts anderes, als sich beim Liebesspiel bewusst Zeit füreinander zu nehmen. Den anderen mit allen Sinnen zu spüren, ihn langsam zu streicheln, einzucremen, zu massieren, seinen Körper ganz neu zu entdecken und wahrzunehmen. Und weil der Orgasmus beim Slow Sex nicht im Vordergrund steht, wird beiden Partnern der Druck genommen, zu kommen. Zum Beispiel bringt diese Variante des sexuellen Miteinanders die Technik des "weichen Eindringens" mit sich, bei der der Penis im nicht vollkommen erigierten Zustand in die Vagina eingeführt wird oder sogar nur außen entlangstreichelt. Körperliche Nähe hat nichts mit dem Status der Erregung zu tun.

Eine Frage, die ich aber auch immer wieder höre oder lese und die vornehmlich von Frauen gestellt wird, lautet: Siehst du deinem Partner beim Sex in die Augen? Tatsächlich vermeiden viele Frauen während des Aktes den intensiven Augenkontakt. Sei es, weil sie die Augen lieber schließen oder aber auch, weil es ihnen irgendwie unangenehm ist. Die eigene Scham spielt hier eine große Rolle. So meinen nach wie vor sehr viele Frauen, gerade im Moment des Höhepunkts, ihr Gesicht zu verziehen und folglich "unvorteilhaft" auszusehen. Wer tatsächlich der Meinung ist, der Partner könne das Gesicht des anderen beim Orgasmus als lustig oder gar unvorteilhaft ansehen, beraubt sich ein wenig seiner eigenen Leidenschaft.

Entspannter Sex hält gesund

Beim Slow Sex lässt sich der Augenkontakt prima "üben". Das heißt natürlich nicht, dass man sich währenddessen permanent anschauen muss. Wer den Augenkontakt aber bis dato vermieden hat, wird merken, dass dieser nicht nur eine ganz neue Perspektive auf das gemeinsame Liebesspiel, sondern auch auf das Zusammensein zulässt. Lasst euch Zeit, den anderen mit all ihren Sinnen ganz präsent zu spüren! Fühlen, anfassen, streicheln, das kann nicht nur erregend sein und zu einer erfüllenden Sexualität beitragen, sondern - ohne jetzt abtörnend klingen zu wollen - wie eine kleine, gesundheitliche Vorsorge wirken.

Denn Paare, die regelmäßig den Körper ihres Partners bewusst neu entdecken, werden nicht nur aufmerksamer für die Gefühle und Stimmungen des anderen, sondern nehmen auch eher körperliche Veränderungen wahr. So manchem ist erst durch die Achtsamkeit beim Slow Sex der kleine Leberfleck am Rücken des anderen aufgefallen oder die kleine Hautunverträglichkeit am Ellbogen. Schon der Philosoph und Soziologe Erich Fromm sagte, achtsame Menschen fühlten sich nicht nur weniger gestresst, sondern würden auch ihre eigenen Bedürfnisse besser kennen. Mehr im Hier und Jetzt leben und den Moment mit dem Partner bewusst genießen.

Geht auf Entdeckungsreise! Das unmittelbare Ziel von Slow Sex ist, wie gesagt, nicht der Orgasmus, sondern die Erkundung des eigenen und des anderen Körpers. Ihr werdet merken, wie befriedigend und befreiend es ist, wenn keiner von euch mehr "abliefern" muss und ihr das gewohnte Tempo drosselt, um gelegentlich auch mal anzukommen.

Quelle: ntv.de