Leben

Orales Verwöhnprogramm für sie "Mein Schritt ist doch kein Erdbeereis!"

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Einmal an der falschen Stelle ein Stöhnen vorgetäuscht, schon ist er in Sachen Cunnilingus für immer auf dem falschen Dampfer.

(Foto: imago/Westend61)

Cunnilingus nennt sich das lustvolle Pendant zum Blowjob. Doch die sensible, erogene Zone der Frau wird oft eher beackert als beglückt. Warum zu gutem Oral-Sex mehr als nur eine flinke Zunge gehört.

Hüllenlos räkelt Sarah sich im Bett. Durch einen Spalt der Vorhänge dringt diffuses Tageslicht. Sie schließt die Augen und lehnt den Kopf lustvoll nach hinten. Den rechten Schenkel hat sie leicht angewinkelt. Direkt vor ihr kniet Jan, dessen Zunge an den Innenseiten ihrer Schenkel immer höher und höher wandert. Allein der Gedanke, sie könnte gleich dort sein, wo Sarah es sich am meisten wünscht, lässt die junge Frau innerlich in Flammen stehen. Denn alles mit Jan fühlt sich perfekt an; er ist der Mann, von dem sie schon immer geträumt hat. Sein Körper, seine Hände, die heißen Küsse. Sarah genießt es, verwöhnt zu werden, vergisst die Welt um sich herum. "Oh, Jan!", flüstert Sarah - doch plötzlich: erlischt ihre Leidenschaft, die bis eben noch wie eine Feuerwalze über sie hinwegfegte, in 10-Sekunden-Intervallen.

'Was macht er da nur', denkt Sarah sich und kann die Situation für einen Moment nicht einordnen. Jan, gerade noch auf feinfühliger Erkundungstour, stimuliert pausenlos die falsche Region. Es wird immer unangenehmer, er scheint die Sache mit der Zunge und der Klitoris irgendwie nicht verstanden zu haben. 'Vielleicht', so geht es ihr durch den Kopf, 'weil die Frauen vor mir es ihm nicht richtig gesagt oder ihm etwas vorgespielt haben? Oder bin ich das Problem?' Indes züngelt Jan weiter verirrt umher und Sarah denkt nur: 'Herrje, mein Schritt ist doch kein Erdbeereis!'

Halbnackte Frauen auf Motorhauben

Sarah rutscht erst ein bisschen höher, dann wieder etwas tiefer. Sie versucht sich zu entspannen, aber Jan agiert nur wie ein Roboter mit Kurzschluss. Ihre Lust versiegt, sie könnte sich jetzt genauso gut eine Zigarette anzünden, ein Stück Kuchen essen und dabei Fernsehen schauen. Sarahs Erregung ist von Jan buchstäblich weg gezüngelt worden.

So wie Sarah ergeht es vielen Frauen. Und nach wie vor trauen sich mindestens genauso viele nicht, ihrem Partner zu sagen, wie sie berührt, liebkost oder geleckt werden wollen. Stattdessen räkeln sie sich und stöhnen nicht selten ganze Arien. Denn das ultimative "Stöhnen", so denken gerade junge Frauen, deren Aufklärung heutzutage (leider) sehr oft durch Pornos geschieht, gehöre zum Sex zwingend dazu. Eine Frau, die erregt ist, stöhnt. Eine Frau, die oral verwöhnt wird, stöhnt erst recht, und eine Frau, die hart penetriert wird, schreit auch schon mal vor Lust.

Sex ist heute fast immer allgegenwärtig. Unsere ganze Gesellschaft wird immer sexualisierter. Lasziv schauende, halbnackte Frauen auf Motorhauben, Frauen in engen Kleidern auf Haarkuren oder Wurstverpackungen. Kaum jemanden verwundert es noch, wenn eine nackte Frau Werbung für Grillkohle oder eine Sterbeversicherung machen würde. Gerade die junge Generation meint, durch diese Omnipräsenz den Durchblick zu haben, frei nach dem Motto: Wir sind umgeben von Sex, wir können, wann immer wir wollen, Pornos konsumieren - wir wissen Bescheid.

Weibliche Libido im Zeitalter der Gleichberechtigung

Statt Sarah zu fragen, ob es ihr gefällt, wie er sie zwischen den Beinen küsst, geht Jan davon aus, dass es schon richtig sein wird. Außerdem hat sich noch keine Frau bei ihm beschwert. Diese Situation ist keine fatale, aber traurig ist sie allemal. Je mehr Sex uns umgibt, desto weniger scheinen wir miteinander zu reden.

Wir sehen die krassesten (meist frauenfeindlichen) Pornos: Frauen mit mehreren Männern, Frauen mit Sexspielzeug, Frauen mit Frauen, Männer, die reihenweise in Münder "von geilen Schlampen" ejakulieren. Dieser sexuell aufgeheizten Stimmung gegenüber steht oft die Scham, dem Partner die eigenen Wünsche zu offenbaren. "Dabei werden Frauen", so die Ärztin und Autorin Yael Adler in ihrem Buch "Darüber spricht man nicht!" (…) "nur Lust empfinden und zum Orgasmus kommen, wenn sie ihre Wünsche und Fantasien ebenso deutlich machen können wie Männer."

Stattdessen: Schweigen. Und die fälschliche Annahme vieler Frauen, mit ihnen stimme etwas nicht. Sie fühlen sich schuldig, weil sie sich nicht fallenlassen können, ganz im Sinne von: 'Wie kann ich ausgerechnet jetzt, wo doch gerade der tollste Typ der Welt zwischen meinen Beinen liegt, darüber nachdenken, ob ich die Balkonpflanzen vielleicht übergossen habe oder dass ich das Schlafzimmer ruhig mal wieder streichen könnte - eine Erfrischungskur für die Wände. Ja! Und für die gemeinsame Kommunikation!

Sarah sollte wissen, dass es keinen Grund gibt, sich zu schämen, wenn man dem anderen offen sagt, was einen heißmacht, und Jan sollte lernen, dass die Welt der Pornos oft nichts mit der Realität gemein hat. "Die weibliche Libido", so Yael Adler weiter, "scheint selbst im Zeitalter der Gleichberechtigung für viele Menschen ein rotes Tuch zu sein."

Sex ist mehr als nur Machen

Weder der reine Akt noch der Cunnilingus sind Pflichtübungen, die man erfüllen muss. Wir sind hier nicht bei der Bundeswehr. Sich Zeit lassen, in aller Ruhe den anderen Körper erforschen und liebevoll nach den Wünschen fragen! Flüstern Sie ihr/ihm ruhig mal ins Ohr oder bitten Sie sie/ihn, es Ihnen zu zeigen! Sex ist mehr als nur Machen. Sex ist kein Werbeclip vom örtlichen Baumarkt. Guter Sex ist ehrliche Intimität. Und die kennt viele Wege und kann auch wunderbar auf nonverbaler Ebene stattfinden. Dem Partner zeigen, wie er die Klitoris richtig stimulieren soll, ist nur einer davon.

Wir sollten unsere Lust nicht der Scham und dem daraus resultierenden Frust unterwerfen. Aufeinander eingehen, lernen, wie das Gegenüber tickt und welche Knöpfchen man sprichwörtlich drücken muss, um das leidenschaftliche Feuer zu entfachen: Diese Erfahrung vermittelt mehr als Pornofilme, die, vor allem was die weibliche Lust betrifft, oft nur Halbwissen, schlimmer noch, pure Ignoranz vermitteln.

Natürlich bleibt es jedem selbst überlassen, wann und wie viele Pornos er konsumiert. Schließlich können derlei Filme auch die Lust steigern. Männer, die ihre Partnerinnen oral beglücken möchten, sollten in erster Linie aber immer Team Vulva sein.

Quelle: ntv.de