Leben

Männer? Die Kolumne. Ein Leben als Hochsensibler

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Menschenmassen: Der (Alb)Traum jedes Hochsensiblen.

(Foto: imago images / Future Image)

15 bis 20 Prozent der Menschen sind hochsensibel. Dass nur wenige davon wissen, hat mit den Werten unserer schnelllebigen Gesellschaft und überholten Rollenbildern zu tun. Auch unser Autor hat jahrelang gegen das Gefühl der Andersartigkeit gekämpft.

Berlin trifft mich wie ein Vorschlaghammer mitten ins Gesicht, als ich die massive Flügeltür öffne und aus dem ruhigen Treppenhaus ins Freie trete: Die Reifen der Autos, die sich über den Kottbusser Damm schieben, klingen auf der regennassen Fahrbahn wie ein Haufen fauchender Katzen, nur tausendfach verstärkt. Über dem ständigen Grundrauschen liegt eine verstörende Kakophonie: Rechts von mir brüllt ein Radler einem Autofahrer hinterher, der offenbar zu dicht an ihm vorbeigefahren ist; direkt vor mir schimpft eine Frau auf Türkisch mit ihrem Sohn, der gerade fast auf die Fahrbahn gelaufen wäre; zu meiner Linken bestellt ein Hipster mit Schnurrbart auf Englisch einen Döner und bekommt stattdessen eine pampige Antwort zurückberlinert.

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Der Kottbusser Damm an einem ganz normalen Tag: So viele Eindrücke!

(Foto: imago images / Klaus Martin Höfer)

Von dem türkischen Imbiss stammt auch der aufdringliche Duft nach zu stark gewürztem Fleisch, der sich kurz darauf mit dem kohleartigen Geruch von Graphitstaub vermischt, der aus dem nächsten U-Bahn-Schacht heraufweht. Es sind nur ein paar hundert Meter bis zum Hermannplatz, aber ich weiß, dass ich jetzt aufpassen muss, weil mein absolut schlimmster Gegner noch auf mich wartet: Die U-Bahn selbst. Keine Ahnung, ob es heutzutage überhaupt noch irgendjemanden gibt, der gerne mit den überfüllten Ungetümen fährt, aber für mich sind solche Fahrten schon an normalen Tagen und ohne Corona-Pandemie eine Herausforderung.

Heute ist aber kein normaler Tag, heute ist Interview-Tag: Zwei Stunden habe ich gerade mit meinem Gesprächspartner verbracht, das Thema war spannend, mein Gegenüber angenehm, die Unterhaltung intensiv. Und das ist genau das Problem - mein Kopf schwirrt noch vom Gesagten, alle Sinne sind online. Für das Interview war das toll, ich war voll da, habe mein Gegenüber richtig gelesen und die richtigen Fragen gestellt - das bilde ich mir zumindest ein. Aber das bedeutet gleichzeitig, dass alle meine Nerven bis zum Zerreißen gespannt sind und meine Schutzschicht für heute mehr oder weniger aufgebraucht ist. Und deshalb ist die ganz normale Straßenszene, die sich da vor meinen Augen abspielt, für mich in ihrer Intensität nur schwer zu ertragen.

Fluch und Segen

Wer jetzt denkt, "der soll sich doch mal nicht so anstellen", dem kann ich das nicht übelnehmen: Ich habe ja lange genug selbst so gedacht - bezeichnenderweise nie über andere, aber immer über mich. Bis ich in einem Interview über einen Begriff stolperte, bei dem mich allein schon der Name provozierte: "Hochsensibilität", was für ein bescheuertes Wort. Ich las weiter und weiter und weiter, bis mir am Ende des Artikels klar war: Da geht es um mich.

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Jeden Tag laufen 1200 neue Fotos in der Bilddatenbank der dpa ein: Gerade mal elf Treffer insgesamt liefert das Schlagwort "Reizüberflutung", dieses Foto vom Frankfurter Flughafen ist eines davon.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wie bei meiner Interviewpartnerin sind auch bei mir immer alle Sinne empfangsbereit, dringen alle Reize ungefiltert bis zu meinem Gehirn durch, weswegen ich auch alles ungefiltert wahrnehme. Das ist ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite erkenne ich Stimmungen im Raum, bevor andere sie spüren und kann Dinge zwischen den Zeilen lesen, die den meisten verborgen bleiben - was mir (unbewusst) schon immer in meinem Job geholfen hat. Auf der anderen Seite fehlt mir aber auch das nötige Werkzeug, um meine Sinne vor unerwünschten Reizen ordentlich zu schützen. Einen Text schreiben, während irgendwo im Hintergrund ein Radio läuft? Unmöglich. Ein ordentliches Gespräch führen, während nebenbei die Glotze läuft? So anstrengend, dass ich nach spätestens zehn Minuten völlig erschöpft bin. Zu starke Parfums oder andere aufdringliche Gerüche? Ein Grund zu gehen.

Es gibt noch eine ganze Menge anderer Indizien für die verschiedenen Formen von Hochsensibilität, sie alle aufzuschreiben, würde den Rahmen dieses Textes sprengen - allerdings finden Interessierte im Netz mittlerweile eine große Zahl spannender und seriöser Quellen. Mir persönlich haben Georg Parlows Buch "Zart besaitet" und seine zugehörige Website sehr geholfen. Aber zurück zum Thema.

Stell dich nicht so an?

Überempfindlich, zerbrechlich, zimperlich, vielleicht sogar neurotisch: Es gibt jede Menge Begriffe, um das eben Geschriebene in einem Wort auszudrücken, die wenigsten davon sind schmeichelhaft oder werden der Komplexität des Themas auch nur ansatzweise gerecht. Dass viele dieser Begriffe das Beschriebene sogar in die Krankheitsecke rücken, ist in meinen Augen aber der eigentliche Kern des Problems: In einer schnelllebigen Gesellschaft wie der unsrigen kommt der Wunsch nach mehr Ruhe leider oft genug immer noch einem Eingeständnis von Schwäche gleich; ein systemisches Problem, von dem Männer offenbar deutlich stärker betroffen sind als Frauen - aber dazu mehr in der nächsten Kolumne.

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Wer nach "sensibel" sucht, findet im Internet vor allem negativ konnotierte Bilder.

(Foto: imago images/viennaslide)

Man geht heute davon aus, dass 15 bis 20 Prozent der Menschen hochsensibel sind - als ich die Zahlen das erste Mal las, wollte ich das nicht so recht glauben: Wenn so viele sind wie ich, warum ist dann so wenig von ihnen zu sehen? Die Antwort liegt wohl teilweise in den oben beschriebenen Punkten, teilweise aber auch in der generellen Zurückhaltung der meisten Hochsensiblen - extrovertierte HSP (die offizielle Abkürzung für "hochsensible Personen"), wie ich es anscheinend bin, sind der Literatur zufolge eher die Ausnahme.

Trotzdem ist das Phänomen in den vergangenen Jahren immer stärker in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen: In der Augsburger Filiale einer großen Buchhandelskette bin ich auf eine eigene HSP-Sektion mit Büchern zum Thema gestoßen: "Schon immer anders", "Die Berufung für Hochsensible" und eben "Zart besaitet". Bleibt noch die Frage, was die Wissenschaft eigentlich zum Thema sagt.

Aus Sicht der Forscher

Die US-Forscherin Elaine Aron prägte den Begriff zwar schon vor mehr als 30 Jahren, allerdings ist erst im vergangenen Jahrzehnt wirklich Fahrt in die Sache gekommen. Versuche haben gezeigt, dass die visuellen Zentren im Gehirn (im Magnetresonanztomographen betrachtet) bei Hochsensiblen stärker aktiviert waren - was für die Theorie einer tieferen Verarbeitung spricht und zu widerlegen scheint, dass Hochsensible einfach nur empfindlichere Sinnesorgane haben. Eine Studie des Londoner Wissenschaftlers Michael Pluess von der Queen Mary University mit 13.000 Probanden legt außerdem nahe, dass Hochsensibilität genetisch bedingt ist: Pluess fand neun Genvarianten, die vor allem mit Botenstoffen wie Serotonin oder Dopamin zu tun haben, die wiederum zu einer vergrößerten Amygdala führen - der Hirnregion, die maßgeblich daran beteiligt ist, Emotionen zu verarbeiten.

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Gerade mal erdnussgroß ist die Amygdala im menschlichen Hirn - bei Hochsensiblen aber anscheinend ein bisschen größer.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Die Hamburger Psychologin Sandra Konrad rückte Hochsensibilität früher in die Ecke der Neurosen (emotional labiler, ängstlicher, empfindlich gegenüber Stress), mit dem Unterschied, dass Hochsensible offener gegenüber neuen Erfahrungen seien - was ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Vor ein paar Jahren zweifelte Konrad wegen der mangelhaften Studienlage noch an der generellen Existenz von Hochsensibilität, im vergangenen Sommer sagte sie dann im Gespräch mit der Zeitschrift "Psychologie heute": "Viele Hochsensible sind gleichzeitig seelisch belastet. Ein Grund mag sein, dass Hochsensible häufig wegen ihrer Besonderheiten stigmatisiert und eher geringgeschätzt werden. Die Betroffenen erleben das verständlicherweise als sehr kränkend. Neben dieser Abwertung durch andere Menschen kommt noch eine negative Selbsteinschätzung hinzu: Wenn Hochsensible sich mit anderen vergleichen, empfinden sie sich oft als unzulänglich."

Konrad ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Einstellung der Wissenschaft zum Thema in den vergangenen Jahren gewandelt hat. Trotzdem gibt es nach wie vor Forscher, die beim Thema Hochsensibilität abwinken: "Das Konstrukt erinnert stark an den Begriff des 'Burnout', der es ebenso ermöglicht, Schonraum zu erhalten, ohne als krank gelten zu müssen", schrieb etwa der Münchner Arzt Andreas Meißner vor wenigen Jahren im "Neurotransmitter", einem Magazin für Neurologie. Auch er verweist auf fehlende Forschungsergebnisse.

Anders sein ist okay

Aus wissenschaftlicher Sicht mag das stimmen, aber eine valide Datenbasis und Empirie sind eben nicht alles im Leben. Oder anders gesagt: Selbst wenn nicht jeder, der einen Burnout für sich beansprucht, auch an einem leidet: Manchmal ist es einfach wichtig, Worte zu finden, um sich einordnen und wiederfinden zu können. So war es auch bei mir und der Hochsensibilität: Seitdem ich einen Namen für mein Gefühl der Andersartigkeit habe, kann ich besser mit ihr leben, empfinde sie in den meisten Situationen sogar als Geschenk.

Ich weiß mittlerweile - im Gegensatz zu früheren Jahren - wo meine Stärken liegen: Weil ich es wirklich gut verstehe, mir Räume zu schaffen, in denen ich mich selbst wohlfühle und diese auch für andere öffne, fühlen sich die meisten Menschen in meiner Nähe ebenfalls wohl - und suchen sie deshalb. Was ich dagegen lange nicht verstanden habe: Weil ich eben auch empfindlicher bin als andere und mich schlecht abgrenzen kann, kippt ab einem bestimmten Punkt etwas - ich werde dann launisch, dünnhäutig, fühle mich schnell ungerecht behandelt und sehe im schlimmsten Fall nur noch das Böse in anderen. Mittlerweile weiß ich, dass das passiert, sobald ich mich überfordert fühle - ich muss mir also meine Ruhepunkte suchen und mich (sanft) abgrenzen, bevor ich zum Arschloch werde.

Es ist nicht so, als ob ich mir künstlich eine Andersartigkeit schönreden möchte, ganz im Gegenteil: Fast mein ganzes bewusstes Leben habe ich alles versucht, um so "normal" wie möglich zu sein - und habe mir damit selbst jede Menge Schmerzen zugefügt, die irgendwann sogar körperlich zu spüren waren. Ich bin sehr froh darüber, dass es heute anders ist - nicht nur für mich, sondern auch für mein Umfeld, das nicht nur einmal unter meinen hilflosen Rundumschlägen leiden musste.

Die Ohnmacht, die Kontrolle über die Situation zu verlieren und sich von anderen nicht mehr gesehen zu fühlen, drückt sich bei weniger extrovertierten Hochsensiblen zwar meistens dergestalt aus, dass sie sich noch tiefer in ihr Schneckenhaus zurückziehen. Der Schlüssel zum Glück, nämlich die richtige Balance zwischen Unter- und Überreizung zu finden, scheint für sie und für mich allerdings die gleiche zu sein. "Ja, sie sollten viel Sport treiben und in Bewegung bleiben, außerdem Entspannungstechniken erlernen", sagt die Psychologin Christina Blach, die ihre Doktorarbeit zum Thema Hochsensibilität geschrieben hat. "Sie sollten darauf achten, wann sie überfordert sind, damit sie gut leben können, ohne sich zu vielen Reizen auszusetzen." Das ist für Hochsensible alles andere als einfach und ein langer Weg, weil der Wohlfühlbereich so viel kleiner ist als bei anderen Menschen. Aber es ist ein Weg, den es zu gehen lohnt.

Quelle: ntv.de