Leben

Junge Frauen beim Beauty-Doc "Es ist wie im Horror-Kabinett"

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Influencer bringen viele junge Menschen zum Schönheitschirurgen.

(Foto: imago/Panthermedia)

It-Girl Kylie Jenner ließ sich bereits mit 15 ihre Lippen aufspritzen. Damit setzte sie einen Trend: Immer mehr junge Frauen greifen heutzutage zu Behandlungen mit Botox, Hyaluronsäure und Co. Doch was sind die Gründe für die oft unnötigen Eingriffe?

Immer mehr Prominente und Influencer bekennen sich ganz offen zu ihren ästhetischen Eingriffen. Auch sind die Zeiten, in denen Beauty-Youtuber lediglich über Schminke und Fashion sprachen, längst vorüber. Heute wird der Zuschauer mit zum Schönheitsdoktor genommen. Dabei fällt auf, dass es sich nicht um über 35-Jährige handelt, sondern oft um Menschen in ihren 20ern.

Was sind Botox und Hyaluronsäure?

Bei Botox handelt es sich um ein Nervengift, das die Muskeln entspannt. Botox wird oft zur Behandlung der Zornesfalte, Krähenfüßen oder Stirnfalten eingesetzt. Hyaluronsäure ist dagegen ein gelartiges Füllmaterial, das die Haut von innen aufpolstert und dem Gesicht wieder mehr Volumen verleiht. Oft erfolgt einer Unterspritzung mit Hyaluronsäure der Lippen oder der Nasobialfalten. Beide Substanzen baut der Körper nach einigen Monaten wieder ab.

In Videos mit dem Titel "Aestethic day like the Kardashians" zeigen die Youtuberinnen Vanessa "NessaRose" und Yvonne "Yvonne Mouhlen" (beide unter 30), wie ihre Lippen, Wangen, Stirn und andere Gesichtspartien mit Hyaluronsäure aufgespritzt werden. "Ich habe das Gefühl, dass mein Doppelkinn wieder ein bisschen mehr geworden ist. Das liegt aber daran, dass ich aufgehört habe zu rauchen", erzählt Vanessa in die Kamera, nachdem die beiden Frauen die Praxis von Dr. Selma Uygun betreten haben. Das soll natürlich weg.

Außerdem bekommt sie Botox in die Stirn. Stammgast Vanessa verzieht dabei vor Schmerzen ihr Gesicht. "Ich stell mich voll an. Sie ist vorsichtig. Das liegt an mir", beteuert sie, während die Ärztin ihre Stirn weiter mit der Spritze bearbeitet. Uygun erklärt anschließend, was an Vanessas Gesicht noch verbessert werden müsse: "Die Vanessa braucht eine Konturierung des Gesichts, damit das nicht so teigig aussieht". Die 22-Jährige ist schon erschöpft und hat Angst, aber das Spritzen ist noch lange nicht beendet. "Reiß dich zusammen. Mach den Kopf nach hinten", ruft ihre Freundin Yvonne. Und weiter geht's. Nach der Fettwegspritze, die das eingebildete Doppelkinn und das Fett unterhalb der Achseln an den äußeren Seiten des BHs entfernt hat, ist Vanessa fertig. Bei Yvonne erfolgen anschließend ähnliche Behandlungen, unter anderem bekommt sie eine Konturierung der Oberlippe. In einer Instagram-Story erklärt Vanessa, warum sie diese Eingriffe für nötig hält. Sie ist überzeugt davon, durch die regelmäßigen Behandlungen mit Anfang 20 niemals Falten zu bekommen. Auf ihrer Liste stehen daher noch viele weitere plastisch-ästhetische Eingriffe, die sie durchführen lassen will.

Die Tatsache, dass die jungen Frauen überhaupt keine Falten haben, spielt bei den Eingriffen also keine Rolle. Es geht den meisten unter 30-Jährigen darum, das Gesicht zu verändern und sie offenbar störende Partien wie dünne Lippen verschwinden zu lassen. Das jugendliche Gesicht soll natürlich auch so lange wie möglich erhalten bleiben.

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Hautärztin Dr. Yael Adler rät jungen Leuten zu Prävention statt Botox.

Oft entdecken die jungen Menschen bei Instagram und Co. ein bestimmtes Schönheitsideal: Die Frauen haben ausdrucksstarke Augenbrauen, Schmolllippen, füllige Wangen und eine markante Kinnlinie. Das beobachtet auch Hautärztin Dr. Yael Adler täglich in ihrer Praxis: "Viele wollen Botox für die Zornesfalte, manche, weil sie vorbeugen wollen oder aussehen wollen wie auf einem glatten Foto. Dann sind natürlich auch die Lippen sehr gefragt. Die Patienten wollen die dicken Lippen ihrer Stars - egal, ob es zu ihrem Gesicht passt oder nicht", sagte sie gegenüber n-tv.de. Dabei beobachtet Adler vor allem, dass die jungen Menschen häufig "irrationale Vorstellungen und Wünsche haben, die weit über die Möglichkeiten der Unterspritzung hinausgehen". Sie beschreibt den Trend als eine Manipulation am Äußeren, um einem "anderen Ich zu entsprechen". 

Ist der Gang zum Beauty-Doc in jungen Jahren sinnvoll?

Schon ab 25 Jahren produziert der Körper weniger Hyaluronsäure. Das zeigt sich beispielsweise in einem Volumenverlust der Wangen und mit zunehmenden Alter in den oft gefürchteten Falten. Masken, Seren oder Cremes mit Hyaluron und anderen Anti-Aging-Wirkstoffen dringen jedoch nicht tief genug in die Haut ein, um stärker ausgeprägte Falten zu bekämpfen und das Gesicht wirksam zu verändern: "Man kann allenfalls kleine Knitterfältchen ein paar Stunden mit etwas mehr Feuchtigkeit versorgen", sagt Adler. Auch Hyaluronsäure-Kapseln sind keine wirkliche Alternative zu Fillern, denn die faltenglättende Wirkung ist nur minimal. Tabletten mit Hyaluron oder Kollagen verbessern aber Studien zufolge das Hautbild.

Frühzeitige Unterspritzungen mit Hyaluronsäure oder eine Botox-Behandlung können einen gewissen vorbeugenden Effekt für spätere Falten haben. Adler steht jedoch solchen Behandlungen in jungen Jahren eher ablehnend gegenüber: "Den Lebensstil muss man rechtzeitig im Blick haben. Prävention ist: Sport treiben, gesunde Ernährung, Sonnenschutz, genügend Schlaf, kein Zucker, kein Alkohol und keine Zigaretten." Sie rät, wenn überhaupt, frühestens mit Ende 30 zu Hyaluron und Botox. Bei extrem störenden Schönheitsmakeln wie sehr asymmetrischen Lippen, übermäßiger Körperbehaarung oder abstehenden Ohren stünde einer ästhetischen Behandlung jedoch auch in jungen Jahren nichts im Wege. Bei allen Schönheitsbehandlungen in ihrer Praxis achtet die Expertin darauf, einen natürlichen Effekt zu erzielen: "Ich versuche, es immer dezent zu machen", erzählt sie.

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Von starken Veränderungen mit Fillern und Co. im Gesicht hält die "Darüber spricht man nicht"-Autorin nichts: "Man starrt hin, weil es irgendwie fesselt, aber es ist manchmal ein bisschen wie im Horror-Kabinett", sagt sie und ergänzt: "Man sollte eigentlich den Leuten sagen, ihr seid schön so wie ihr seid". Im ärztlichen Gespräch versucht die Hautärztin zudem immer herauszufinden, ob hinter der gewünschten Schönheitsbehandlung eigentlich ein psychisches Problem steckt. Aus diesem Grund schickte Adler auch schon Patienten wieder nach Hause. "Ich hatte eine junge Frau, die alles machen lassen wollte und dann habe ich gesagt: 'Nein, da gibt es nichts zu machen. Sie sind genau richtig, wie Sie sind'. Die kam dann Jahre später wieder und hatte sich Goldfäden in die Stirn ziehen lassen, die Augen operieren lassen, eine Fettabsaugung und die Brüste machen lassen und überall Botox im Gesicht. Ich sollte dann die Narben weglasern", berichtet sie.

Die unterschiedliche Handhabe der Schönheitschirurgen bei der Beurteilung, ob ein Eingriff notwendig ist oder nicht, führt dazu, dass Patienten im Schönheitswahn oft den Blick für die Realität verlieren. Wenn der gewünschte Arzt die Behandlung (aus guten Gründen) ablehnt, suchen die Patienten weiter, bis sie einen finden, der ihnen den Wunsch erfüllt. Das führt dazu, dass Adler auch gelegentlich Patienten behandelt, die sie eigentlich nicht als behandlungsbedürftig eingeschätzt hätte: "Da sagt man sich manchmal, lieber ich mache es ganz dezent, als dass dieser Mensch verunstaltet wird." 

Filler können Blindheit verursachen

Adler wird immer wieder von neuen, Hilfe suchenden Patienten aufgesucht, bei denen eine "Schönheitsbehandlung" missglückt ist oder Nebenwirkungen hatte. Adler berichtet von Patientinnen, bei denen die Hyaluronsäure in den Lippen für unschöne Pickel gesorgt hat. Hier musste sie die Lippen öffnen und die vergammelte, eitrige Hyaluronsäure entfernen, die durch eine Abwehrreaktion des Körpers entstand. Über solche möglichen Risiken und Nebenwirkungen erfährt der oft junge Zuschauer von den zurechtgespritzten Influencern natürlich nichts. "In Wahrheit kann es mit Schmerzen verbunden sein, mit Infektionen, Abkapselung, allergischen Reaktionen oder Nervenverletzungen. Es können außerdem furchtbare Narben entstehen, auch im Nachhinein noch", erklärt Adler.

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Zudem gibt es die Gefahr, dass die Filler eine Arterie abdrücken oder in eine Arterie gespritzt werden und so in die Blutbahn gelangen. Das ist selten. Wenn es jedoch passiert, sind die Folgen oft schwerwiegend. Hier drohen Komplikationen wie Embolien, das Absterben von Gewebe oder sogar Blindheit. Dabei ist es egal, in welche Gesichtspartie Hyaluronsäure injiziert wird. Bei Botox kann es für einige Monate zu veränderter und starrer Mimik, grotesk verzogenem Gesicht und gestörter Kommunikation über den Gesichtsausdruck kommen.

Junge Beauty-Influencer, die offen über ihre Schönheitsbehandlungen sprechen, und Videos wie die von "NessaRose" sieht die Hautärztin äußerst kritisch: "Man wünscht sich zum 18. Geburtstag neue Brüste oder eine neue Nase. Es wird suggeriert, dass es normal ist, an sich herumzumachen. Es wird auch immer so getan, als wäre das so easy und Wellness, aber das geht auch schief", erklärt Adler. Neulich kam eine junge Patientin in ihre Praxis, die eine verpfuschte Nasen-OP hinter sich hatte. Mit der verunstalteten Nase muss die Frau nun leben. Zudem konnte Adler anhand von Fotos vor der Operation gar keinen Grund für diesen Eingriff feststellen. "Sie wollte nicht diese Nasenform, sondern eine andere und hat wahrscheinlich auf Instagram gesehen, wie toll das alles ist", sagt die Hautärztin. Bei ihren Zuschauern erntet Vanessa für ihre starke optische Veränderung eher Kritik als positive Reaktionen. "Du siehst aus wie ein Monster", heißt es etwa in einem Kommentar unter ihrem Aufspritz-Video.

Quelle: n-tv.de, imi

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