Leben
Francis Frith: Der Kiosk des Trajan, 1858.
Francis Frith: Der Kiosk des Trajan, 1858.(Foto: Städel Museum Frankfurt)
Freitag, 09. November 2018

Reisefotografie früher: "Fotografen haben sich in die Luft gejagt"

Smartphone raus und schon ist das Urlaubsfoto gemacht. Aber wie war das vor 150 Jahren? Kristina Lemke, Fotowissenschaftlerin am Frankfurter Städel-Museum, weiß: Man brauchte viel Geduld - und manchmal auch ein Huhn.

Smartphone raus und schon ist das Urlaubsfoto gemacht. Aber wie war das vor 150 Jahren? Kristina Lemke, Fotowissenschaftlerin am Frankfurter Städel-Museum, weiß: "Man brauchte viel Geduld - und manchmal auch ein Huhn."

n-tv.de: Wann hat sich die Reisefotografie entwickelt?

Kristina Lemke ist Fotowissenschaftlerin am Frankfurter Städel-Museum.
Kristina Lemke ist Fotowissenschaftlerin am Frankfurter Städel-Museum.

Kristina Lemke: Mit dem Fortschritt der technischen Entwicklungen - lichtstärkere Objektive, kürzere Belichtungszeiten, höhere Detailschärfe und Erfindung des sogenannten Nasskollodiumverfahrens - wurde die Reisefotografie in den 1850er-Jahren zu einem fest etablierten Industriezweig. Thomas Cook bot parallel erstmals organisierte Reisen an mit festen Routen inklusive Zwischenstopp in den Fotografenateliers oder anderen Souvenirläden, wo Fotografien gekauft werden konnten. Das war der Vorläufer des Pauschalurlaubs. 

Welches waren die beliebtesten Länder und Routen?

Maßgeblich waren die Reiseziele von der "Grand Tour" geprägt, die Adlige und das gehobene Bürgertum oftmals über mehrere Monate oder gar Jahre unternahmen. Meist waren die heute noch klassischen Länder Mitteleuropas rund um Frankreich, Spanien und als Höhepunkt Italien ein Muss. Das Heilige Land rund um Israel, Syrien, Jordanien oder Ägypten gehörte ebenfalls zur Standardroute. Wie heute war die Wahl der Orte von Trends bestimmt. Vor allem Literaten und Dichter hatten einen großen Einfluss auf die Reiseziele. Nach Goethes Werk "Italienische Reise" pilgerte ein regelrechter Touristenstrom zu den Schauplätzen des Werkes.

Mit welchen Schwierigkeiten hatten Reisefotografen zu kämpfen?

Carlo Naya: Venedig (ca. 1875).
Carlo Naya: Venedig (ca. 1875).(Foto: Städel Museum Frankfurt)

Die Verbreitung des Mediums führte zu einer ständigen Konkurrenz zwischen Malern und Zeichnern. Das war sicherlich die größte Hürde, die es zu bewältigen gab. Die Fotochemikalien waren nicht gerade ungefährlich, zahlreiche Fotografen haben sich selbst in die Luft gejagt. Es gab mehr Kriegsgebiete, die reisende Fotografen passieren mussten. In den teils unbekannten Ländern kämpften die Fotografen mit Kriminalität und Infektionen durch mangelnde Hygiene. Aber auch unerschlossenes Gelände - und dabei im Schlepptau die bis zu 50 Kilo schwere Kameraausrüstung - gehörten zum Berufsalltag.

Die Fotografen sollen oft Hühner bei sich gehabt haben. Ist das wahr oder Legende?

Das stimmt tatsächlich und liegt am Albuminverfahren, das sich in der frühen Fotografie durchsetzte. Dafür wurde eine Glasplatte zunächst mit Albumin überzogen - das ist einfach Hühnereiweiß, das zu Schaum geschlagen und nach anschließender Verflüssigung auf den Träger gestrichen wurde. Das Eiweiß war die perfekte Grundlage für lichtempfindliche Stoffe. Wenn ein Fotograf eine Expedition in zivilisationsferne Gegenden unternahm, musste er also Hühner für frische Eier mitnehmen. Die Platten mussten schließlich noch vor Ort entwickelt werden.

War das Motiv der Fotografen, diesem Beruf nachzugehen, ein künstlerisches oder ein kommerzielles?

In erster Linie war es sicherlich ein wirtschaftlicher Aspekt, denn das neue Medium versprach "schnelles Geld", das aber auch erst einmal in teure Ausrüstung investiert werden musste. Sicherlich gab es auch ein künstlerisches Interesse. Tatsächlich wechselten viele Maler und Grafiker zum Fotografenberuf. Allerdings trauten viele Bürger dem neuen Medium nicht. Und wer es sich leisten konnte, investierte weiterhin in Gemälde, die als beständiger galten. Das Motivrepertoire spiegelt eine feste bildnerische Tradition wider. Der Fotograf Nadar hat dazu 1856 eine bezeichnende Aussage gemacht: "Die Photographie ist eine wunderbare Entdeckung, eine Wissenschaft, welche die größten Geister angezogen, eine Kunst, welche die klügsten Denker angeregt und doch von jedem Dummkopf betrieben werden kann."

Fotos aus fremden Landen erschienen auch in deutschen Zeitungen. Welche Erwartungen hatten die Menschen damals an Reisefotografie?

Sie wollten sich eine Vorstellung von der Fremde machen und die Fotografie galt als authentisches Beweismittel. Kaum einer konnte sich Reisen leisten, also wurden solche Fotografien als Bildungsmaterial ein regelrechter Ersatz. Das zeigen auch die Alben und Kassetten, die im Format und Aussehen Bücher imitieren. Die Ansichten regten aber auch die Fantasie an und manifestierten Sehnsüchte. Und wer Tourist war, der wollte das Gesehene festhalten und anderen zeigen können. Reisefotografien können insofern als Vorläufer der klassischen Postkarte gesehen werden.

Giorgio Sommer: Neapel. Entlausung (ca. 1870).
Giorgio Sommer: Neapel. Entlausung (ca. 1870).(Foto: Städel Museum Frankfurt)

Der in Frankfurt am Main geborene Georg "Giorgio" Sommer nahm in Neapel und Umgebung das "einfache Leben" der "einfachen Bevölkerung" auf. Oft waren die Bilder gestellt. Warum waren die Fotos so beliebt?

Sommers Bilder sind irgendwo zwischen Volks- oder Kostümstudie anzusiedeln, bei der die soziale Wirklichkeit vollkommen ausgeblendet wird. Bilder tanzender oder Spaghetti essender Italiener ließen sich besser verkaufen und beschworen damit das Klischee der armen, aber immer fröhlichen Bevölkerung. Die von Lärm, Hektik und Schnelligkeit geplagte industrialisierte Gesellschaft sehnte nach einer solch archaisch-konservierten Lebensform.

Dann hat die frühe Reisefotografie also dazu beigetragen, bestimmte Vorstellungen von Ländern zu verbreiten, die noch immer nachwirken?

Zwar sind wir heute über die Medien informierter, was die aktuelle politische oder gesamtgesellschaftliche Lage unseres Urlaubsziels betrifft, aber die meist stereotypen Vorstellungen sind die gleichen. Wer nach Italien fährt, erwartet etwas vom "dolce far niente" zu erleben, in Frankreich ist es das "Savoir vivre" und in Dänemark eine "hyggelig atmosfære". Was genau das sein soll, haben Sommer und viele andere Fotografen in gestellten und lange Zeit geplanten Bildern geprägt. Vor Ort kommt es oftmals zur Ernüchterung, wenn beispielsweise die im Reiseführer als romantische und einsam bezeichnete Bucht in Wirklichkeit völlig vermüllt und von Moskitos besiedelt ist. Das zeigt, wie sehr unsere Vorstellungen von Bildern beeinflusst, aber auch getäuscht werden können.

Wie ist das Städel überhaupt zu seiner reisefotografischen Sammlung gekommen?

Bereits um 1850 hat der damalige Museumsdirektor Johann David Passavant angefangen, Fotografien anzukaufen. Damit legte er ein Archiv für die Lehrsammlung der Städelschen Kunstschule und des Instituts an. Zunächst in die Graphische Sammlung integriert, dienten die frühen Lichtbilder vordergründig als Lernmaterial für angehende Künstler. Diese konnten beim Kopieren der Vorlagen trainieren, wie man ein Gemälde proportioniert. War das menschliche Auge nicht in der Lage dazu, so half die Fotografie bei der angemessenen Darstellung von Licht und Perspektive. Die Fotografien kaufte er über entsprechende Händler an, es gab damals sogar richtige Bestellkataloge für Fotografien.

Warum mussten rund 100 Jahre vergehen, ehe sich das Städel Museum daran machte, die Sammlung aufzuarbeiten?

Enrico van Lint: Pisa: Der Schiefe Turm (1855).
Enrico van Lint: Pisa: Der Schiefe Turm (1855).(Foto: Städel Museum Frankfurt)

Unsere fotografische Sammlung ist ein Paradebeispiel für den Bedeutungswandel des Mediums. Waren die vielen Bilder zunächst nur Studienmaterial, verloren sie bereits in den 1920er-Jahren an Bedeutung. Neben mittlerweile erschwinglichen Reisemöglichkeiten gab es verbesserte Drucktechniken von Büchern, die irgendwann auch farbige Ansichten bieten konnten. Viele Institutionen warfen die sperrigen Fotografien, die schließlich auch viel Platz nahmen, kurzerhand weg. Die Aufgaben eines Museums stehen ständig im Wandel. Heute werden die Fotografien als gleichberechtigte Kunstwerke Seite an Seite neben Malerei und Skulptur in unseren Sammlungsräumen gezeigt.

Im Städel-Blog schrieben Sie, Sie hätten sich bei der Erforschung der Sammlung wie "eine Indiana Jones des Museums" gefühlt. Warum? Standen oder stehen Sie vor Rätseln?

Als Wissenschaftler steht man immer vor Rätseln, das macht ja den Reiz des Berufes aus. Sich auf solche Spuren zu begeben, ermöglicht einen Zugang zur Historie und führt vor Augen, was unsere heutige Gesellschaft geprägt hat. Natürlich klingt es aber auch gleich viel besser, meine Arbeit mit Indiana Jones zu vergleichen, statt zu sagen, dass man im Keller zahlreiche Kartons mit alten Fotografien durchforstet.

Wenn Sie die Fotos sehen - etwa die Aufnahme vom Schiefen Turm von Pisa von 1855 - wünschen Sie sich dann, eines der festgehaltenen Kunstwerke oder Landschaften einmal so unberührt wie auf den Bildern zu erleben?

Ja, schon. Besonders einprägsam war, als ich 2013 Bilder der berühmten Kulturgüter aus Damaskus und Umgebung inventarisierte. Die Aufnahmen faszinierten mich sehr, die Denkmäler hätte ich gerne einmal gesehen. Im Radio wurde an dem Tag zufällig über die aktuellen Zerstörungen berichtet. Da wurde mir klar, wie flüchtig und kostbar solche Aufnahmen sein können.

Mit Kristina Lemke sprach Thomas Schmoll

Bilderserie

Quelle: n-tv.de