Leben

HIV - ein gemeinsamer Nenner "Ich bin kein Mensch, der sich umbringt"

20191128_115335.jpg

Die Arbeit der Bewohner in der "Orangerie" ist ehrenamtlich. Alex Breeze macht die Arbeit nicht fürs Geld.

(Foto: Pascal Bucksteeg)

HIV gilt heute in Deutschland als gut behandelbar. Wer betroffen ist, muss keine Todesängste mehr ausstehen. Doch zusammen mit dem Virus kommen oft andere Probleme, die nicht alleine zu lösen sind. So wie bei Alex Breeze.

Auf den ersten Blick ist die Reichenberger Straße grau, wie so viele andere Straßen im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Umso mehr fällt die Hausnummer 129 auf. Hinter den orangen Fensterrahmen und der braunorangen Fassadenfarbe verbirgt sich die "Orangerie". Ein Restaurant, das an sich nichts Besonderes zu sein scheint - abgesehen davon, dass alle Angestellten zwei Gemeinsamkeiten haben: Sie sind mit HIV infiziert und haben eine seelische Behinderung. Eine psychische Krankheit also, die ein normales Leben unmöglich macht. Die Mitarbeiter werden alle von Sozialarbeitern der gemeinnützigen Organisation "Zuhause im Kiez" betreut.

Auch Alex Breeze arbeitet in der "Orangerie", zwei Tage in der Woche. In Zukunft gern öfter, so viel wie möglich. "Ich meine, es gibt schickere Dinge, als arbeiten zu gehen, Gemüse zu schnippeln oder abzuwaschen, oder den heißen Dampf der Spülmaschine", sagt er und lächelt. Auch die vielen Knöpfe an der Kochuniform nerven ihn. Aber die Arbeit hilft ihm, sein Leben wieder unter Kontrolle zu bekommen, wieder selbstständig zu werden. Das ist das Ziel der Einrichtung: Eingliederung in ein normales Leben.

Alex Breeze litt unter schweren Depressionen, war selbstmordgefährdet. Die frühere Drogensucht, Diabetes und diverse Medikamente, auch gegen HIV, machen seinem Körper schon lange zu schaffen. Heute ist er 53 Jahre alt und froh, am Leben zu sein. "Ich hatte das Glück, noch so lange zu überleben, bis Medikamente auf den Markt kamen, die geholfen haben", sagt er.

Wann genau er sich mit HIV infiziert hat, weiß er nicht. Es war irgendwann Mitte der 1980er-Jahre, in der Hochzeit der Epidemie in Berlin und in ganz Deutschland. Als die Krankheit weder erforscht noch eine Behandlungsmöglichkeit gefunden war. Angesteckt hat er sich bei seiner Freundin, die selbst nichts davon wusste. "Ich kann ihr auch so nicht böse sein", sagt er, "zu der Zeit hat man das hier nicht auf dem Schirm gehabt. Ja, Rock Hudson ist gestorben und so. Aber man hat dann gesagt, 'ok, das sind Homosexuelle und das ist in Amerika'."

Bei ihm ist die Krankheit nie ausgebrochen, anders als bei seiner Freundin. 1989 starb sie, ohne sich Hilfe zu suchen. "Sie hat Ärzten nicht wirklich vertraut", sagt er. Zu dieser Zeit war sie nicht die Einzige, denn die ersten Aids-Medikamente hatten heftige Nebenwirkungen. Erfahrungen, die so ähnlich vermutlich auch die anderen Bewohner des Hauses über der "Orangerie" gemacht haben.

23 Menschen leben über der "Orangerie", noch mehr in betreuten Wohnungen im Haus nebenan. HIV ist hier einfach nur der kleinste gemeinsame Nenner. Jeder Klient, wie die Bewohner hier genannt werden, braucht unterschiedliche therapeutische Betreuung aufgrund psychischer Probleme. Bei den wenigsten von ihnen sei das HI-Virus oder die von ihm ausgelöste Krankheit Aids der Grund, sagt Doris Steimanis. Sie leitet die Einrichtung.

Behandelbar - nicht harmlos

Denn die Krankheit ist heute in Deutschland sehr gut behandelbar. 93 Prozent der diagnostizierten HIV-Erkrankten haben 2018 entsprechende Medikamente erhalten, schätzt das Robert-Koch-Institut. Mit ihnen ist es möglich, das Viruslevel im Blut so stark zu senken, dass es nicht mehr nachweisbar ist. Menschen mit HIV sind dann im Alltag und sogar nicht einmal bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr ansteckend.

Bitte nicht noch einmal verwenden

So leer ist die "Orangerie" eigentlich nur, wenn geschlossen ist. Zur Mittagszeit sind alle Tische besetzt.

(Foto: Kiezrestaurant Orangerie)

Psychische Probleme allerdings treten laut deutscher Aids-Hilfe bei HIV-Patienten noch immer häufig auf. Die Gründe dafür sind vielfältig: Nebenwirkungen der Aids-Medikamente, deren Langzeitfolgen noch immer nicht endgültig erforscht sind, körperlicher oder sozialer Stress. Vor 30 Jahren, als "Zuhause im Kiez" entstand, sei sogar das plötzliche Überleben zum Problem geworden, sagt Steimanis. "Die Menschen haben gedacht, sie sterben sowieso bald." Sie hätten dann zum Beispiel Schulden gemacht. Danach den Weg zurück ins normale Leben zu finden sei schwer gewesen. "Und natürlich war auch die Wohnungssuche ein Problem. Die Vermieter hatten Angst vor der Übertragung der Krankheit. Deshalb sind wir ja ursprünglich gegründet worden."

Einsamkeit und Einigeln

Auch bei Alex Breeze gibt es keinen eindeutigen Trigger für die Depression. "Das hat, würde ich sagen, vor elf Jahren etwa angefangen. Ich habe mich immer mehr zu Hause eingeigelt und auch nur das Nötigste in der Wohnung gemacht", sagt er. Während der Zeit hat er seine ebenfalls depressive Mutter gepflegt. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Sie hat manische Anfälle und beginnende Demenz und versuchte sogar, die gemeinsame Wohnung anzuzünden. "Das ist mir alles über den Kopf gewachsen. Irgendwann ging es nicht mehr."

Dazu kommt bei Alex Breeze eine Polyneuropathie. Wegen einer Nervenschädigung in den Beinen spürt er Berührungen in Füßen und Beinen nicht mehr. Trotzdem schmerzen sie stark. Das beeinträchtigt seinen Gleichgewichtssinn und hat seine Angst, das Haus oder die Wohnung zu verlassen und damit auch seine Einsamkeit verstärkt. "Es wurde immer schlimmer. Gerade, wenn nichts in der Nähe war, wo ich mich hätte festhalten können." Dann hatte er Panikattacken. Nur einen Tag in der Woche verließ er das Haus. Um seine Medikamente zu holen, die er trotz der Depression regelmäßig genommen hat. "Weil ich eigentlich kein Mensch bin, der sich umbringt oder auf den Tod steht", sagt er.

Auch bei der Nervenschädigung ist der Auslöser nicht klar. Er könnte genauso gut in seiner Diabetes wie in den Pillen liegen, die er Anfang der 1990er-Jahre wegen der HIV-Erkrankung vorsorglich gegen mögliche Folgeerkrankungen nehmen musste. "Das war das erste Frühstück sozusagen. Eine Handvoll Pillen", sagt Breeze. Den damals üblichen Wirkstoff gegen HIV, AZT, vertrug er nicht.

Das ist wie Medizin

Trotz der Schmerzen arbeitet er gerne in der "Orangerie". 25 Jahre konnte er nicht mehr zur Arbeit gehen, wegen der Polyneuropathie. Das Restaurant bringt wieder Pflichten in seinen Tagesablauf, die ihm helfen, sich zu strukturieren. Unzuverlässig sein gehe jetzt nicht mehr, sagt er. "Diesen Weg habe ich mir damit selbst abgeschnitten. Sonst stehe ich ja da wie ein Spruchkasper." Die anderen verlassen sich ja auf ihn. Das sei auch der Zweck der "Orangerie", sagt Nicola Nieboj, Leiterin des Restaurants. "Arbeit ist hoch selbstwirksam: 'Ich schaffe etwas. Ich mache Essen und es schmeckt den Leuten. Ich kann etwas'."

Arbeit und Betreuungsangebote im Haus in der Reichenberger Straße haben gemeinsam dafür gesorgt, dass die Depression von Alex Breeze deutlich schwächer geworden ist. Er hat bei der Arbeit sogar seine Lebensgefährtin kennengelernt, ein Antidepressivum musste er daraufhin gar nicht mehr nehmen. "Das ist wie Medizin. Und das beflügelt auch. Und hätte ich jetzt hier die Unterstützung nicht gehabt, alleine hätte ich nichts getan."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema