Leben
Nicht ganz der nördlichste Punkt, aber von erhabener Schönheit.
Nicht ganz der nördlichste Punkt, aber von erhabener Schönheit.(Foto: Rocco Thiede)
Sonntag, 21. Oktober 2018

Faszination Mitternachtssonne: "Irgendwann wird's wie eine Sucht"

Der Installateur Lothar Schiwy aus der Oberlausitz reist seit 1999 fast jeden Sommer in den Norden Europas: immer zum Nordkap. Die Nächte ohne Dunkelheit in Norwegen haben es dem 45-jährigen Sachsen angetan. Ein Interview um ein Uhr nachts - bei Sonnenschein.

n-tv.de: Wie oft waren Sie schon hier im hohen Norden Europas?
Lothar Schiwy: Ich bin zum 15. Mal hier.

Insider wissen sofort, was es mit der Zahlenkombination 71-10-21 auf sich hat. Was verbirgt sich hinter diesen Zahlen?
Das ist der Code für das Nordkap, also der 71 Breitengrad, zehn Minuten und 21 Sekunden. Aber ich weiß nicht, wieviel das in Kilometern ausmacht. In der Schule haben wir gelernt, dass es von Breitengrad zu Breitengrad immer 111 Kilometer sind. Aber der reale nördlichste Punkt Norwegens liegt auch gar nicht am Nordkap, sondern auf einer Landspitze etwas links davon. Knivskjelodden ist nur zu Fuß auf einem neun Kilometer langen Weg zu erreichen und ist noch etwa eineinhalb Kilometer weiter nördlich auf den Koordinaten 71-11-08.

Schiwy fährt immer wieder ans Nordkap und nur dorthin.
Schiwy fährt immer wieder ans Nordkap und nur dorthin.(Foto: Rocco Thiede)

Warum verbringen Sie Ihren Jahresurlaub fast immer im kalten Norden Europas?
Am Anfang wollte ich nur die Mitternachtssonne sehen. Je weiter nördlich, dachte ich mir, umso besser. Aber dann entdeckt man unterwegs zum Nordkap immer mehr Ziele, die es sich zu besuchen lohnt. Und der Norden Norwegens, die Finnmark ist besonders schön. Irgendwann wird’s halt wie eine Sucht.

Ist die Liebe zu Skandinavien und dem Norden schon immer bei Ihnen angelegt?
Nein. Aber wie sagt man so schön bei uns zu Hause? Der Geschmack kommt beim Essen!

Der letzte Sommer war auch am Nordkap ungewöhnlich warm. Es gab dort Tage mit blauem Himmel, Sonnenschein und Temperaturen um die 25 Grad. Besucher hatten eine gute Sicht auf das Meer in Richtung Nordpol, der von hier 2100 Kilometer entfernt ist. Haben Sie das bei jedem Ihrer 15 Besuche am Nordkap so erlebt?
Nein. Das ist wie ein Glücksspiel. Und auch ein Nachteil für Touristen, die organisiert in einer Gruppe reisen. Man ist immer nur an einem einzigen Abend am Nordkap. Je nach Wetterlage heißt es dann Top oder Flopp. Wer hingegen individuell unterwegs ist, kann mehrere Tage hier oben verbringen und hat natürlich größere Chancen auf gute Sicht und beeindruckende Naturerlebnisse."

Wie viele Tage sind Sie in der Regel von der Lausitz zum Nordkap unterwegs?
In diesem Jahr waren es dreieinhalb Wochen.

Und wie reisen Sie?
Bis auf das erste Mal mit einer Gruppe und dem Bus - immer mit dem eigenen Wagen. Das hat eindeutig Vorteile. Denn wer selber fährt, kann unterwegs Land und Leute besser kennenlernen. Zum Beispiel wollte ich in Nordschweden einmal auf einem Rastplatz übernachten. Da bin ich in Anführungsstrichen regelrecht von zwei Einheimischen eingesammelt und verschleppt worden. Ich konnte bei ihnen kostenfrei übernachten. Und sie haben mich auch bewirtet. Meine Mutter daheim konnte es später gar nicht verstehen. Sie fragte ängstlich: Wie kannst Du so einfach mit fremden Leuten mitgehen? Aber das war alles ungefährlich. Dort schließen sie nachts nicht einmal die Haustür oder das Auto zu. Da ist noch alles so, wie es überall sein sollte. Zu vielen Menschen, die ich auf meinen Reisen traf, habe ich bis heute noch Kontakt.

Rentiere sieht er häufig, manchmal auch einen Wal oder Robben.
Rentiere sieht er häufig, manchmal auch einen Wal oder Robben.(Foto: Rocco Thiede)

Gab es nie Probleme auf der Fahrt?
Einmal hatte ich mit dem Auto eine Panne und fuhr mich am Ufersand eines Sees fest. Aber Einheimische halfen mir. Geld wollten sie keines, sie haben sich über die Flasche Schnaps aus Zittau viel mehr gefreut. Alkohol ist hier sehr teuer und nur in Spezialläden zu bekommen. Vier bis fünf Euro kostet eine Büchse Bier! Bei diesen Preisen verkneife ich es mir.

Wenn Sie nicht gerade von gastfreundlichen Schweden oder Norwegern aufgegabelt werden, wo übernachten Sie auf Ihrer fast 4000 Kilometer langen Tour?
Meistens schlafe ich im Auto oder im Zelt. Wenn ich im Nationalpark oder beim Wandern unterwegs bin, dann gern auch in einer einfachen Blockhütte. Man hat dort seine Ruhe und lernt die kleinen Sachen des Lebens wieder schätzen: einen sicheren Schlafplatz in einer einfachen Hütte, einen Ofen zum Heizen und dann noch die Möglichkeit, sich was Warmes zum Essen zu machen. Und schon ist man glücklich!

Auf dem Weg nach Norwegen, machten Sie kurz hinter dem Polarkreis in Finnland auch Station beim Santa Claus. Warum das denn?
In Rovaniemi kann man im Santa Park den Weihnachtsmann auch im Sommer besuchen. Ich mache dort gern Erinnerungsfotos und fülle Vordrucke mit Adressen für die Post vom Weihnachtsmann aus. Die erreicht ungefähr zwei Wochen vor Heiligabend meine Verwandtschaft und Bekanntschaft. Als ich das zum ersten Mal für meinen zweijährigen Cousin machte, aber meiner Tante vorher nichts verriet, war sie erst ganz sauer. Sind die völlig blöd und schicken schon den kleinen Kindern Werbung nach Hause? Aber dann sah sie: Es war Post vom Weihnachtsmann und damit war meine Überraschung gelungen. Ich schicke auch immer an meine Freunde vom nördlichsten Postamt Europas einen schriftlichen Gruß. Es gibt diesen Nordkap-Stempel auf die Postkarte. Das ist schon was Besonderes!

Sprechen Sie nach all den Jahren Urlaub im Norden Norwegisch?
Nein. Mit Englisch kommt man gut durch. Und ein bisschen mit Schwedisch, was ich mir im Laufe der Zeit angeeignet habe, geht es hier oben auch sehr gut.

Norwegen ist kein Billigurlaubsland. Wie kommen Sie finanziell über die Runden?
Mein Essen nehme ich von Daheim mit. Habe also immer Kekse und reichlich Konserven dabei. Brot oder Butter kaufe ich dann im Supermarkt.

Und bringen Sie sich oder ihren Lieben aus Norwegen etwas als Andenken mit?
Der Lachs ist sehr gut. Oder Elchfleisch - das ist bei zirka 40 Euro pro Kilogramm auch nicht ganz billig, aber so einen Braten aus der Keule zu Weihnachten ist immer etwas Besonderes.

Mit Lothar Schiwy sprach Rocco Thiede

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Quelle: n-tv.de