Leben

Aus der Schmoll-Ecke Jetzt ehrt Berlin schon Antisemiten

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Glinkastraße oder doch Mohrenstraße - irgendwie ist beides nicht mehr zeitgemäß.

(Foto: imago images/Future Image)

Mozart war ein multikultureller Superhengst, oder? Persönlichkeiten und Begriffe mit den Maßstäben späterer Epochen zu bewerten, ist ein gewagtes Unterfangen. Die Idee, die Berliner U-Bahnstation Mohren- in Glinkastraße umzubenennen, findet unser Kolumnist haarsträubend.

Geschätzte Leserinnen und Leser draußen, wo immer Sie gerade den Welt- oder Sonnenuntergang beobachten, ich begrüße Sie zum kolumnistischen Manifest. Corona? War einmal. Neuerdings traue ich mich wieder aus der sozialen Quarantäne und cruise mit meinem wunderherrlichen Diesel durch Berlin, diese fantastische Stadt, die es verdient hat, bald einen Großflughafen zu haben, wie ihn der Planet noch nie gesehen hat. Fahre ich Auto, höre ich stets RBB Kultur, den Sender, für den ich, ein Verfechter des öffentlich-rechtlichen Rundfunkmodells, gerne Gebühren zahle, obwohl er politisch in etwa so ausgewogen berichtet wie Bento.de.

RBB Kultur hat famose Programmteile und spielt als einziger Sender weit und breit die Musik, die ich total gerne mag. Einmal die Woche gibt es - trara! - die "CD der Woche". Wer sie auswählt, weiß der Geier. Oder die Leier. Oder der Sponsor. Kürzlich war das "Mozart y Mambo", hinter der Sarah Willis steckt, ihres Zeichens Hornistin bei den Berliner Philharmonikern. Ich fand das Timing - gelinde ausgedrückt - seltsam. Während Tausende Künstler und Künstlerinnen darben, auch weil sie keine CDs nach Konzerten verkaufen können und null Ahnung haben, wie es weitergeht in ihrem Berufsleben, bekommt eine Festangestellte eines auch mit Steuermitteln finanzierten Orchesters mit keckem Gehalt vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine Plattform geboten, ihre Platte zu präsentieren. Na ja.

Ich bin, was die Klassik und Alte Musik angeht, ein erzkonservativer Purist und finde Crossover-CDs grauenvoll. Fort damit, Hindemith! Dass Simone Kermes "Aber bitte mit Sahne" in barocker Manier singt, halte ich für komplett überflüssig. Genauso, wie Werke von Wolfgang Amadeus Mozart als Mambos zu arrangieren. Vor allem, wenn dann noch sein unbestrittener Wert für die Völkerverständigung - Musik verbindet ja bekanntlich - dadurch betont wird, dass er zum multikulturellen Superhengst erklärt wird. "Mozart wäre ein guter Kubaner gewesen", behauptete Frau Willis bei RBB Kultur. "Der war ein Ladies Man und die Kubaner denken eben auch so: Hey, Chica!"

Klischees satt

Frau Willis ist eine Frau und kann schon deshalb gerne über Männer solche Sachen sagen und dabei fröhlich Klischees über Kubaner verbreiten. Trotzdem habe ich mir einmal vorgestellt, was wäre, wenn Annette Widmann-Mauz, die Vorsitzende der Frauen-Union, über männliche Besucher des Münchner Oktoberfestes sagen würde: "Mozart war ein Ladies Man und ich kenne einige Deutsche, die denken eben auch: 'Servus Mädel'". Ein Twitter-Donnerwetter würde über Widi-Mauzi herniederprasseln. Hat Ihnen der Kanzlerkandidaten-Kandidat Friedrich Merz, dieses antiquierte Knäckebrot von Mann, etwa zu tief unter den - jetzt kommt eines meiner famosen Wortspiele - Blackrock geschaut? Mein Gott, ich trau mich mal wieder was.

Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen durfte Frau Willis ihre CD promoten. "Wusstest du, dass es klassische Musik auf Kuba gibt?", wollte die von dieser Erkenntnis offenkundig selbst schwer überraschte Hornistin von der Moderatorin wissen. Die sagte: "Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber man denkt natürlich an Mambo und Salsa und nicht unbedingt an die Klassik." Beide stellten übereinstimmend über die Kubaner fest: "Die haben Rhythmus im Blut." Und lächeln zufrieden über ihr tiefes Verständnis der Welt der Kubaner.

Alles nett gemeint. Weiß ich. Nicht falsch verstehen. Sarah Willis ist eine sympathische und engagierte Musikerin, Weltklasse-Hornistin sowieso. Dass sie auf Kuba Meisterklassen gibt, ist prima. Ein Teil der Einnahmen aus der CD soll Kollegen auf Kuba beim Kauf von Instrumenten zugutekommen. "Die haben so wenig, die haben ganz schreckliche Hörner." Aber vielleicht einfach mal ein bisschen googeln, bevor man oder frau das Bild vom Kubaner/Südamerikaner als kulturellen Hinterwäldler zeichnet, der Chicas und Salsa im Schädel und Rhythmus im Blut hat und sich - man höre und staune - sogar auch Mozart rein-orgel-pfeift.

Rassismus oder doch Antisemitismus?

Für mich sind solche freundlich verpackten Äußerungen auch Ausdruck westlicher Arroganz. Seit Ende des 17. Jahrhunderts - also 100 Jahre vor Mozart - vermischten sich in der geistigen Musik Lateinamerikas europäische Kompositionsstile mit südamerikanischer Volksmusik zu einem wunderbar heiteren Gebräu. In Lima erlebte mit "La púrpura de la rosa" von Tomás de Torréjon y Velasco 1701 die erste speziell für die spanische Kolonie komponierte (großartige) Oper ihre Uraufführung. Und Kuba? 2007 wurde in Havanna ein Denkmal für Mozart errichtet. Der deutsche Künstler Siegfried Kaden, der es schuf, sagte über Kubaner: "Sie lieben Mozart." Eleonore Büning von der FAZ, eine der bekanntesten Musikkritikerinnen Deutschlands, schrieb 2015 über das erste Mozart-Festival Kubas in Havanna: "Nirgends passt Musik, die eine Ahnung von einem lichteren, besseren Leben gibt, besser hin - es war zum Staunen und zum Weinen."

Bleiben wir bei Mozart. Nach ihm kann die Berliner Mohrenstraße samt U-Bahnstation nicht benannt werden. Der Knabe hat Texte zu Opern vertont, in denen der Held seine Angetraute Chica-mäßig als "Blondchen" bezeichnet. Das ist doch klar frauenfeindlich, wa? Dann soll die Station lieber "Glinkastraße" getauft werden. Halt mal, Berliner Verkehrsbetriebe. Glinka? Ernsthaft? Meinen Sie, geschätzte BVG, den russischen Nationalisten und Antisemiten, der seinen Kollegen Anton Rubinstein einen "frechen Zhid", einen frechen Juden, nannte, weil der angeblich zu sehr nach westlichem Vorbild komponiert haben soll? Den Glinka, der die Oper "Ein Leben für den Zaren" schrieb, die die Polen gar nicht gut aussehen lässt? Da steht der polnische Botschafter aber ganz bald auf der Matte und fordert: Chopinstraße!

Ja, so ist das, wenn man Persönlichkeiten, Kunst und Begriffe vergangener Epochen mit Maßstäben von heute bewertet. Nachdem die "Jüdische Allgemeine" Glinka als "schlechte Wahl" bezeichnete, korrigierte sich das nach eigenem Bekunden "weltoffene Unternehmen" laut RBB mit dem erstaunlichen Hinweis, es habe "bei Wikipedia bis vor Kurzem noch nicht gestanden, dass er (Glinka) Antisemit gewesen sein soll". Absurd, dass solche Entscheidungen nach einem Blick in Wikipedia getroffen werden. Aber passt zum Berliner Dilettantismus.

Und nun? Leider gibt es - aus Sicht der Grünen und Linken - noch keine berühmten Transgender-Komponisten. Transgender-Komponistinnen? Keine Ahnung, wie man die nennt. Ich schlage Francesca Caccini vor, die erste Opernkomponistin der Welt und eine der ersten Frauen, die nur von ihrer Kunst lebte, also eine Feministin war, freilich gemessen an den Werten des Frühbarocks. "La liberazione di Ruggiero dall'isola d'Alcina" wurde 1625 nahe Florenz uraufgeführt. (Hier sei die grandiose Einspielung von Elena Satori, erschienen bei Glossa, empfohlen.)

Und wenn wir dann ab sofort auch noch alle Folterknecht_innen schreiben, wird die Welt besser. So, das war für heute mein Schlussakkord in Sachen konstruktivem Journalismus.

Quelle: ntv.de