Leben

Das Salz des Internets Was für tolle Menschen es gegeben hat

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Roger Willemsen starb am 7. Februar 2016, unsere Kolumnistin vermisst ihn bis heute.

(Foto: dpa)

Angeblich vergisst das Internet niemals. Doch erinnern sich deswegen dessen Nutzer auch besser? Unsere Autorin fragt sich, ob es so etwas wie eine digitale Erinnerungskultur im Netz gibt und wem sie dienen könnte. Und dann stolpert sie über zwei digitale Bernsteine.

Inmitten all der chaotischen letzten Augusttage hätte ich fast vergessen, diese Kolumne hier zu schreiben. Denn zwischen der globalen Pandemie, die uns seit einer gefühlten Ewigkeit in Atem hält und all den furchterregenden Demonstrationen, denen ich auf den Straßen meiner Heimatstadt täglich ausweichen muss, habe ich einfach den Kopf voll. Das geht hoffentlich nicht nur mir so, aber mein Hirn summt den ganzen Tag, vollgestopft von hilfreichen und völlig sinnlosen Informationen leise vor sich hin. Manchmal geht da schon mal der ein oder andere Einkaufszettel oder Arzttermin in meinen ratternden Synapsen verloren, wenn er nicht gut angeschnallt oder von langer Hand geplant war.

Programmierer nennen dieses Phänomen Stack Overflow. Die eigene Festplatte wird mit so vielen Informationen regelrecht überflutet, dass der Computer nicht mehr hinterherkommt, die digitalen Hufe hochreißt und sagt: Freunde, ich kann nicht mehr. Hier ist meine Fehlermeldung. Ich geb's zu, ich bin überfordert. Das kommt mir auf jeden Fall bekannt vor. Manchmal hätte ich auch gerne so eine Fehlermeldung, wenn ich mal wieder beim Einkaufen das Klopapier vergessen habe und es mir natürlich ausgerechnet dann siedend heiß einfällt, wenn ich nach dem Einkauf gerade die Wohnungstür aufschließe. Erinnerungen sind schon eine seltsame Sache.

Ich frage mich immer wieder, warum man einige Dinge schnell wieder vergisst, die eigentlich wichtig waren und andere nicht vergessen kann, obwohl man sich nicht an sie erinnern will. Ehrlich gesagt ist das Internet, das ja sonst mein Allheilmittel für allerlei Alltagssorgen ist, hier auch keine große Hilfe. Wenn ich meine Suchmaschine einfach fragen könnte, wo ich meine Sonnenbrille hingelegt habe, würde ich nämlich eine Menge Zeit sparen. Angeblich wissen die großen Internetunternehmen doch eh alles über mich, warum dann nicht auch, wo ich meine verlegten Alltagsgegenstände wiederfinde? Das ist doch unfair.

Auf Nimmerwiedersehen?

Gerade wenn es um Fotos oder peinliche Jugendsünden geht, hört man immer wieder die Plattitüde: Das Internet vergisst nichts. Mehr Menschen, als man annehmen würde, bezahlen eine unanständige Menge Geld dafür, dass solche Inhalte aus dem kollektiven Gedächtnis des Internets unwiederbringlich gelöscht werden. So wird eine Löschdecke des Schweigens über die grausame Dauerwelle von 2002 gelegt und potenzielle Arbeitgeber können nur noch ahnen, dass man es auf der Abi-Fahrt nach Ibiza so richtig krachen gelassen hat.

Andersrum verschwinden viele Dinge im Netz ungesehen, auf die ich gerne noch einmal einen Blick geworfen hätte. Man kennt das doch. Man sitzt in der Bahn oder auf dem Klo und findet einen interessanten Artikel, ein perfektes Rezept oder eine neue Buchrezension, die man sich unbedingt merken will, weil man gerade nicht viel Zeit und noch weniger Ruhe zum Lesen hat und später gibt es keine Spur mehr von dem, was man sich eigentlich merken wollte. Wenn man sich noch daran erinnert, dass da doch etwas war, was man nachgucken wollte, dann ist es spätestens dann schon in den Weiten des niemals endenden Newsfeeds zwischen Instagram-Stories und Tanzvideos verloren gegangen. Auf Nimmerwiedersehen! Das nächste Rezept kommt bestimmt und dann speichere ich das sofort. Wer nicht schnell genug auf den Link klickt, muss auf das Wohlwollen der Internetgötter vertrauen. Auf dass sie in ihrer Güte neue Käsekuchenrezepte durch die Glasfaserleitungen schicken, um uns zu wohlgenährten Menschen zu machen.

Das Internet hilft mir beim Vergessen mehr als beim Erinnern, das kann ich aus Erfahrung sagen. Es lenkt ab und schreit in regelmäßigen Abständen, dass ich doch auch noch mal hier gucken kann und da klicken und schwupps: Habe ich vergessen, was ich eigentlich machen wollte. Ein Thema wird von allen Seiten betrachtet, ausgeschlachtet und dann blutleer bestaunt, bis der nächste Skandal um die Ecke kommt. Dann werden die Meldungen von gestern verdrängt mit einem Schwall aus neuen Bildern und Texten, die unsere Festplatte fast zum Überquellen bringen. Was gestern noch interessant war, ist heute dann nicht mehr als digitaler, kalter Kaffee.

Roger Willemsens Geburtstag

Aber es ist eben nicht nur das. Schließlich gibt es auch im Internet eine Art Erinnerungskultur, die ich sehr mag und auf dich man sich verlassen kann. Plötzlich taucht dann aus der allwissenden Müllhalde namens Internet auch der ein oder andere Diamant auf, der uns dabei hilft, nicht alles sofort wieder zu vergessen. Stichwort: Geburts- und Todestage. Liebevoll zusammengestellte Bilder, Lieder und Texte zu Ehren von Prominenten, Künstlern und Intellektuellen, die leider schon das Zeitliche gesegnet haben.

Neulich erst saß ich nichtsahnend vor meinem Laptop und scrollte, so wie jeden Tag, gedankenverloren durchs Internet. Bis mir eine Meldung ins Auge stach. Es war der Geburtstag von Roger Willemsen. Dem großen deutschen Intellektuellen, der mich in meiner Jugend beeinflusst hat wie kein zweiter. Der vor vier Jahren verstorbene Schriftsteller, Moderator und Rundum-Publikumsliebling hat für mich nicht nur lesen sexy gemacht, sondern auch denken. Durch den Artikel, den ich nur durch Zufall im Internet gefunden hatte, wurde ich an meine Liebe zu Willemsen erinnert und hab gleich mal meine Suchmaschine angeschmissen, um ein Interview zu finden, das ihn in seiner unvergesslich charmanten und klugen Art zeigt. So wie sich seine Fans gerne an ihn erinnern: lebendig, wortgewandt und geistreich. Ach, so ein schönes Gefühl, sich daran zu erinnern, dass es solche tollen Menschen einmal gegeben hat!

Es hat schon was, sich von Erinnerungen überraschen zu lassen. Vor allem, wenn sie mich daran erinnern, was ich mag und welches Buch ich mal wieder in die Hand nehmen sollte. Genau das Gleiche ist mir eine Woche später dann auch noch mit einer meiner Lieblingsschriftstellerinnen Dorothy Parker passiert. Ich habe an nichts Böses gedacht und zack: Der 22. August ist der Geburtstag der scharfzüngigen Autorin, die Alltagsbeobachtungen zu einer wahren Wonne für die Leserschaft machte. Das war für mich Grund genug, um ihre gesammelten Schriften mal wieder durchzublättern. Der beste 22. August seit Langem und wieder etwas dazu gelernt!

Solche digitalen Gedenkhilfen sind nicht nur interessant, sondern helfen auch das ins Netz zu tragen, was uns am Herzen liegt. Gleichsam Dinge, von denen wir nicht mal wussten, dass sie uns vielleicht wertvoll werden könnten, kann man so für sich entdecken. So entsteht eine digitale Erinnerungskultur. Manchmal spuckt der nicht abreißende, erbarmungslose Strom an Informationen nämlich auch kleine Bernsteine der Erinnerung aus, die man nicht erwartet hat. So kann man wenigstens hoffen, dass nicht alles verloren geht im Chaos der Einsen und Nullen, sondern die guten und wertvollen Dinge immer mal wieder glänzend an die Oberfläche gespült werden, damit wir feststellen können, wie schön sie doch waren. Dann ist es auch nur halb so schlimm, dass ich schon wieder das Klopapier vergessen habe. Nächstes Mal schreibe ich mir eine Einkaufsliste. Ganz bestimmt.

Quelle: ntv.de