Leben

"Wir haben richtige Dienstpläne" Wenn ältere Angehörige weit weg wohnen

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Auch die Tabletteneinnahme muss kontrolliert werden.

(Foto: imago images/Westend61)

Der Begriff "Distance Caregiving" ist in Deutschland nicht weit verbreitet, das Phänomen aber keineswegs unbekannt. Sabine lebt weit von ihren Eltern entfernt, am anderen Ende Deutschlands. Trotzdem fährt sie regelmäßig zu ihnen, um sie in ihrem Alltag zu unterstützen.

Mindestens einmal im Monat setzt sich Sabine in einen Zug und fährt 600 Kilometer, um ihre Eltern zu pflegen. Seit nun beinahe zehn Jahren, mittlerweile für mindestens acht Tage. "Ich kann nicht immer die schnellste Strecke nehmen. Das frisst zu viel Geld. Deshalb bin ich manchmal acht Stunden für eine Strecke unterwegs", sagt sie. Auch ihr Bruder Rolf nimmt regelmäßig eine ähnliche Strecke auf sich, allerdings aus einem anderen Teil Deutschlands. "Wir haben richtige Dienstpläne. So sind die nächsten Monate wenigstens planbar", sagt Sabine. "Aber vor Jahren war mein Vater einmal ziemlich krank. Da war ich mehr dort als zu Hause. Ich bin zwischendurch ohne Rückfahrkarte, ohne Datum, an dem ich zurückkomme, gefahren. Das waren fünf schwere Monate."

"Distance Caregiving" als Begriff ist in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Er beschreibt aber ein Phänomen, das sich auch hier häuft und in Zukunft wohl eher zu- als abnehmen wird. Gemeint ist die Pflege von familiär nahen, aber geografisch weit entfernten Verwandten. Eine eindeutige Definition ist allerdings schwer. Wer 40 Kilometer im Stau einer großen Stadt steht, empfindet die Entfernung möglicherweise als ähnlich belastend wie jemand, der 100 Kilometer auf der Autobahn zurücklegen muss.

Sabines Vater ist inzwischen fast 90 Jahre alt. Ihre Mutter 85. Mittlerweile leben beide nicht mehr gemeinsam in einem Haushalt, Sabines Mutter ist in ein Pflegeheim umgezogen. Sie ist mehrfach gestürzt, Zeichen einer sich verstärkenden Demenz und nachlassender Körperkräfte. Sabines Vater konnte die Mutter nicht mehr alleine pflegen. Trotz seines hohen Alters hat er selbst bisher keinen Pflegegrad zugewiesen bekommen. Er lebt jetzt allein in seiner Wohnung.

Da sein und reden

Damit er dort nicht vereinsamt, fahren Sabine und ihr Bruder regelmäßig hin. Denn mit hohem Alter verkleinert sich der Freundes- und Bekanntenkreis immer mehr, gerade wenn keine Familie in der Nähe lebt, die zu Besuch kommt. Studien zufolge wirkt sich diese Einsamkeit negativ auf die Psyche aus, die Gefahr von Depressionen und anderen psychischen Krankheiten steigt immens an. Auch deswegen schaut regelmäßig eine Haushaltshilfe bei Sabines Vater vorbei. "Am Anfang kam sie nur alle 14 Tage. Schon das war bei meinen Eltern schwierig zu etablieren", sagt Sabine. Mittlerweile kommt die Hilfe jeden Tag, wenn Sabine oder ihr Bruder nicht da sind. "Putzen, Kochen, ein wenig betüddeln. Aber was vor allen Dingen wichtig ist: Reden. Nur da sein und reden."

Angehörige, die nicht so oft da sein können, kann das Projekt "Anita Familie" der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg entlasten. Geleitet wird es von Professorin Susanne Busch und Teamleiterin Kristina Woock, die die Themen Pflege und "Distance Caregiving" wissenschaftlich untersuchen. Die Plattform bringt Menschen zusammen, die Eltern in der Region des jeweils anderen haben. Die Teilnehmer können dann Fürsorge und Unterstützung für ihre Angehörigen "tauschen". "So kann Einsamkeit auf jeden Fall gemindert werden. Das ändert natürlich nichts an der emotionalen Sehnsucht nach den eigenen Kindern", sagt Woock. Aber das sei auch nicht das Ziel. Und auch medizinische Pflege könnten die Tausch-Angehörigen nicht leisten. "Das Projekt setzt deutlich vor dem Zeitpunkt an, an dem die Pflegekasse ins Spiel kommt. Es geht eher um eine Begleitung ins Konzert oder zum Weihnachtsmarkt. Das muss auch nicht regelmäßig passieren", betont Busch.

Kommunizieren ist wichtig

Die große Entfernung macht auch Kommunikation besonders wichtig. Und zwar sowohl innerhalb der Familie als auch mit eventuellen Pflegekräften oder Bekannten. Sabine musste feststellen, dass sie immer nur einen kleinen Teil aus dem Leben ihrer Eltern zu sehen bekommt. "Die können dir viel erzählen am Telefon. Und zu Hause ist die Situation dann eine ganz andere. Aber das sagen sie dir nicht." Krankheiten und andere Probleme können aus Stolz oder Scham verheimlicht werden. "Wir hatten einmal das Problem, dass meine Mutter ihre Tabletten nicht genommen hat", erinnert sie sich. "Wir haben sie dann unter einer Kommode gefunden."

Deswegen stimmt sich Sabine immer wieder mit ihrem Bruder und der Haushaltshilfe ab. "Meine Mutter hatte jahrelang eine sehr gute Fassade aufgebaut." Immer wieder hat die Tochter versucht, ihre Eltern davon zu überzeugen, zu ihr zu ziehen. Die aber wollten nicht aus ihrem gewohnten Umfeld heraus. Diese Erfahrung hat auch das Anita-Projekt gemacht. "Wir haben für unser Projekt einige Interviews geführt, auch wenn die nicht repräsentativ sind. Und da wollte niemand das eigene soziale Umfeld aufgeben", sagt Woock.

Ein Pflegeheim im Wohnort der Eltern wurde lange diskutiert und schließlich doch verworfen. "Ich habe versucht, meinen Vater zu überzeugen. Aber mit 90 versteht man das nicht mehr so. Der Starrsinn der Alten ist sehr groß", sagt Sabine. "Ich habe sie dann irgendwann wenigstens dazu überzeugen können, sich in die Warteliste einzutragen." Das war ihr Glück, denn so war ein Platz verfügbar, als sie einen brauchte. Zu ihren Eltern zu ziehen, kam für Sabine auch nicht infrage. Ihr Mann arbeitet in einem hochspezialisierten Beruf, dem er in Nordrhein-Westfalen nicht nachgehen kann. Sie selbst konnte neben der Pflege ihrer Eltern und der Erziehung der gemeinsamen Tochter keine Arbeit ausüben. Auch die Zeit bei ihren Eltern wird ihr von Staat und Krankenkassen nicht als Arbeit, ja nicht einmal auf die Rente angerechnet. Sabine kann das nicht verstehen. "Der Medizinische Dienst der Krankenkassen erkennt nur die Zeit für Kochen, Einkaufen und andere Erledigungen an, gerechnet auf die Woche. Aber nicht, dass wir uns während unseres Aufenthaltes bei den Eltern während der ganzen Zeit nur auf ihre Bedürfnisse konzentrieren. Mein eigenes Leben stelle ich in dieser Zeit komplett in den Hintergrund."

Solche Familiensituationen gibt es immer häufiger. "Die Zahlen explodieren nicht", sagt Woock. "Aber sie steigen stetig. Das liegt auch an der heute geforderten Flexibilität im Beruf und an den großen, deutschlandweit oder sogar global tätigen Firmen." In Zukunft könnte die Technik helfen, auch bei geografischer Entfernung eine gewisse Nähe zu erzeugen. Schon heute gibt es Programme für Videochats und Telefonate. "Das ist sicherlich für diese Generation noch keine Lösung. Aber die kommenden sind mit Technik aufgewachsen und werden ihr deutlich offener gegenüber stehen", glaubt Busch. Auch für Sabine und ihre Familie funktioniert das noch nicht. Sie wird ihr Leben auch in Zukunft zwischen der Familie zu Hause und den Eltern in der Heimat aufteilen müssen.

Quelle: ntv.de