Leben

Unterwegs mit dem Rettungswagen Wenn wegen Husten die 112 gewählt wird

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Manche Einsätze gehen den Rettern selbst nach Jahren noch unter die Haut.

(Foto: imago images/Björn Trotzki)

Während der eine Patient die 112 anruft, weil er Hustensaft benötigt, schwebt ein anderer in echter Lebensgefahr. Wer den Job als Rettungs- oder Notfallsanitäter nicht selbst macht, kann sich nicht einmal annähernd vorstellen, was die Helfer tagtäglich im Schichtdienst mit bis zu 45-Stunden-Wochen zu bewältigen haben. Christan Strzoda ist seit 1994 im Rettungsdienst und schreibt in seinem Buch "Tut das weh, wenn ich hier drücke?" über seine kuriosesten, aber auch tragischsten Einsätze. Im Interview mit ntv.de erklärt er, welche Fälle ihm besonders nahe gegangen sind, weshalb er schon Menschen mit einer einfachen Erkältung ins Krankenhaus gefahren hat und warum ihm sein Beruf trotz aller Widrigkeiten nach wie vor Spaß macht.

ntv: Warum wollten Sie Rettungsassistent werden?

Christan Strzoda: Es ging mir weniger um die Arbeit mit Patienten. Ich hatte einfach ein paar Aspekte, die mir für meinen zukünftigen Beruf wichtig waren. Ich wollte beispielsweise keinen Beruf mit Arbeitszeiten von neun bis fünf Uhr und nicht dauerhaft in einem Büro sitzen. Außerdem war mir der Teamgedanke wichtig. Ich wollte mit Menschen zusammenarbeiten.

Haben Sie Ihre Berufswahl je bereut?

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Christian Strzoda hat als Notfallsanitäter schon über 20000 Einsätze abgearbeitet. Zurzeit ist er für eine private Rettungsdienstorganisation in München tätig.

Grundsätzlich ist der Beruf ein toller Job. Man ist sein eigener Chef auf dem Rettungswagen und hat hinsichtlich medizinischer Notfallmaßnahmen großen Spielraum. Natürlich hatte ich in den 25 Jahren, in denen ich den Job jetzt mache, Durstrecken. Wenn man nicht weiterkommt oder einen schlimmen Einsatz hatte, zweifelt man mal, ob es das Richtige ist. Aber alles in allem kann ich den Job nur ans Herz legen.

Wie kamen Sie dazu, ein Buch über Ihre Rettungseinsätze zu schreiben?

Den ursprünglichen Anstoß hat mein Kollegenkreis damals gegeben. Zwischen den Einsätzen oder bei Schichtwechsel sitzen wir immer in der Wache. Da wird erzählt, was man bei den Einsätzen gemacht und erlebt hat. Es gab ein paar Kollegen, die das so gut erzählen konnten, dass man wirklich vor Lachen unterm Tisch lag. Irgendwann habe ich mir gedacht, dass man das eigentlich genauso aufschreiben muss. Dann habe ich angefangen, Texte über meine Einsätze zu verfassen. Ich habe ja selbst auch genug erlebt.

Sind Sie manchmal nervös, wenn Sie zu einem Einsatz gerufen werden, zum Beispiel, wenn ein kleines Kind in Lebensgefahr schwebt?

Nach 25 Jahren trifft mich das nicht mehr. Wenn Sie diese gewisse Routine haben und alles schon gesehen haben, dann sind Sie nicht mehr so nervös wie am Anfang. Das soll jetzt nicht gleichgültig klingen: Einsätze mit Kindern sind immer schlimm, aber ich mache keinen Unterschied zwischen dem Leben eines Kindes und eines Erwachsenen. Das steht mir gar nicht zu. Ich arbeite in dem Einsatz genauso wie in dem mit einem Erwachsenen. Ich sehe aber auch immer die Person hinter dem Einsatz. Wenn Sie irgendwann nur noch Ihren Job machen und den Patienten als Nummer sehen, dann sind Sie nicht mehr gut darin.

Welche schlimmen Fälle machen Ihnen heute noch zu schaffen?

Einer ist jetzt schon eine ganze Weile her. Da wurden wir zu einem Verkehrsunfall gerufen. Der Fahrer eines Kleintransporters hatte sich nach einer umgefallenen Gemüsekiste umgedreht und ist dann im Gegenverkehr mit einem Schulbus kollidiert. Den Kindern ist nicht so viel passiert, aber den kleinen Lkw hat es ziemlich erwischt. Da waren zwei Insassen drin, der Fahrer und ein Bekannter von ihm. Letzterer war eingeklemmt und schwer verletzt. Ich habe dann gesehen, dass die Konsole des Fahrzeugs den Mann von seinem Unterleib getrennt hat. Der Unterleib bestand noch physikalisch, aber die Blutversorgung war abgeschnitten. Es war mir klar, dass der Mann verblutet, wenn die Feuerwehr diese Fahrzeugteile auseinanderzieht, um ihn zu befreien. Der Mann hat mit uns gesprochen. Wir mussten ihm dann sagen, dass wir ihm nicht mehr helfen können und er sterben wird. Das war einer der schlimmsten Momente. Der Mann ist vor Ort ist in seinem Fahrzeug gestorben.

Ist denn aus der Erfahrung immer schnell absehbar, wie sich die Lage entwickeln wird?

Nein, manchmal verlaufen Einsätze auch so, wie man es nicht erwartet hätte. Wir waren einmal auf der Fahrt von einem Krankenhaus zur Rettungswache und wollten gerade auf die Autobahn auffahren. Auf der Autobahn war aber Chaos, es lagen Autos in Trümmern, eins war mit einem Lkw kollidiert und überall war Rauch. Wir waren also wahnsinnig schnell an der Einsatzstelle. Ich habe das gleich an die Leitstelle gefunkt. Der Autofahrer war schwerverletzt und eingeklemmt. Er sprach mit uns und hatte schwere Verletzungen am Kopf. Sein Gesichtsschädel war gebrochen. Dann sagte der Mann, dass er immer weniger Luft bekommt. Irgendwann kam die nachgeforderte Feuerwehr. Ich habe dem Kommandanten der Feuerwehr signalisiert, dass der Patient sofort aus dem Auto heraus muss. Als das geschafft war und wir ihn in den Rettungswagen gebracht haben, schwollen seine oberen Atemwege immer weiter zu. Der Notarzt hat dann dessen Atemweg mit einem Luftröhrenschnitt geöffnet. In dem Moment gab es einen Herzstillstand aufgrund des Sauerstoffmangels. Meine Kollegin hat sofort angefangen, zu reanimieren. Irgendwann wollte der Notarzt die Reanimation stoppen. Die Verletzungen wären zu schwer und der Patient hätte wahrscheinlich keine Überlebenschance. Wir wollten aber weitermachen, vor allem, da der Patient noch so jung war - ein 37-jähriger Bodybuilder. In dem Moment, als der Notarzt aufhören wollte, gab es ein Piepen auf dem EKG. So etwas habe ich bisher nur einmal erlebt. Das Herz hatte wieder angefangen zu schlagen. Der Patient hatte einen regelmäßigen Puls und wurde dann noch beatmet. Nachdem wir ihn ins Krankenhaus gefahren hatten, waren wir völlig euphorisch und dachten, wir hätten durch Zufall ein Leben gerettet. Dann kam ein Kollege mit einem traurigen Gesicht aus dem Schockraum heraus und sagte: "Er ist tot". Der Patient hatte eine Hirnstammblutung, die man nicht operieren konnte.

Wie sehen Sie diese Situation im Nachhinein?

Allein die Tatsache, dass ich die Geschichten 20 Jahre später in einem Buch aufgeschrieben habe und das in einem Detailgrad, an den sich normalerweise kein Mensch erinnern kann, sagt schon einiges. Ich kann mich noch daran erinnern, als ob das gestern passiert ist. Wenn ich mir das so bildlich vorstelle, kriege ich schon einen Kloß im Hals. Aber wenn wir jeden dieser belastenden Einsätze mitnehmen würden und nicht beiseiteschieben könnten, dann könnten wir diese Arbeit nicht lange machen.

Haben Sie sich schon einmal schuldig gefühlt, weil ein Patient vor Ort oder im Rettungswagen gestorben ist?

Gott sei Dank nicht. Ich kann von mir sagen, dass ich immer alles getan habe, um den Menschen zu helfen. Mir ist natürlich von Anfang an bewusst gewesen, dass wir keine Götter sind oder Zauberkräfte haben. Wenn der Patient einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleidet und wir erst nach zehn Minuten an die Einsatzstelle kommen, dann kann ich machen, was ich will. Ich kann dem Menschen nicht mehr helfen. Das ist mir immer bewusst gewesen. Natürlich habe ich auch Fehler gemacht. Jeder macht mehr oder weniger gravierende Fehler, die aber bei mir nie dazu geführt haben, dass der Patient direkt vor Ort gestorben ist.

Bedanken sich manchmal Menschen bei Ihnen, denen Sie das Leben gerettet haben?

Ab und zu kommt jemand an die Wache oder es wird ein Schreiben zugestellt. In der Regel verliert man aber den Kontakt in der Notaufnahme und weiß auch nicht, wie der Fall ausgeht. Oft wird der Patient verlegt oder entlassen. Dann kommt noch die ärztliche Schweigepflicht dazu.

Sie haben in Ihrem Buch ein Kapitel der "Großstadt-Rettung" gewidmet. Welche Unterschiede haben Sie bei der Arbeit auf dem Land und in der Stadt festgestellt?

Bevor ich nach München kam, war ich lange auf dem Land im Einsatz. Der Landmensch ruft oft erst an, wenn es schon fast zu spät ist, während der Stadtmensch den Rettungswagen häufig als mobile Apotheke sieht. Oft kommen wir zum Einsatz, wenn der Patient eine Grippe hat, einen Norovirus und ähnliche Wehwehchen. Das sind alles keine Fälle, wo man einen Rettungswagen braucht. Mal hatte sich einer einen Finger gequetscht und hatte nichts Besseres zu tun, als den Rettungswagen zu rufen.

An welche Einsätze können Sie sich noch gut erinnern, in denen die 112 unnötig gewählt wurde?

Einmal bin ich in eine Apotheke gerufen worden. Auf dem Stuhl saß eine Dame, die ein rot angelaufenes Gesicht und rote Augen hatte. Der Apotheker hatte uns gerufen, weil es der Frau schlecht ginge. Im Verlauf hatte sich herausgestellt, dass sie Kopfschmerzen und eine Erkältung hatte. Deswegen war die Frau in einer Apotheke, um sich ein Mittel dagegen zu holen. Der Apotheker hatte gedacht, das könnte ein Schlaganfall oder Ähnliches sein. Letzten Ende wollte die Dame ins Krankenhaus gefahren werden. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, weil ich das ja auch im Krankenhaus übergeben und rechtfertigen muss. Wenn der Patient auf dem Transport besteht, sind wir daran fast immer gebunden.

Das kann man ja noch verstehen ...

Einmal hatte uns eine Frau gerufen, weil sie einen Husten hatte. Die Frau hat dann die Tür so einen Spalt aufgemacht und gefragt, ob wir denn einen Hustensaft dabeihätten. Ich sagte dann, dass wir gerade mit Blaulicht hierhergefahren seien, weil die Leitstelle uns hierhergeschickt habe und wir keinen Hustensaft dabeihätten. Sie meinte dann, dass wir gleich wieder gehen können, wenn wir den Hustensaft nicht dabeihaben. Zack, da machte sie die Tür zu. Wir standen davor und konnten es nicht fassen.

Sind Sie von solchen Vorfällen eher genervt oder können Sie die verunsicherten Menschen auch verstehen?

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Jeder ist auch selbst für sich verantwortlich. Ich erwarte schon, dass jemand mit einer Grippe damit umgehen kann, ohne die 112 zu wählen. Die meisten Menschen kennen sich aber nicht aus. Wenn man keine medizinischen Vorkenntnisse hat, ist es ganz schwer, zu entscheiden, ob man einen Rettungswagen oder einen ärztlichen Bereitschaftsdienst braucht. Bevor die Rettungsleitstelle vom ärztlichen Bereitschaftsdienst getrennt wurde, hatte der Anrufer immer den richtigen Ansprechpartner. Jetzt muss dieser das selber entscheiden. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Erkältung und im Rahmen dieser stellen Sie einen Druck auf der Brust fest. Jetzt rufen Sie die Leitstelle für die kassenärztliche Vermittlung an und wollen einen Bereitschaftsarzt. Am Telefon geben Sie an, dass Sie Brustschmerzen haben. Da sagt der Bereitschaftsdienst, dass es sich eventuell um einen Herzinfarkt handelt und ein Rettungswagen zu Ihnen muss. Da fahren wir dann dahin und finden jemanden mit einer Erkältung vor. Dann fragen wir uns natürlich, wie das kommen konnte.

Immer wieder werden Fälle von verbalen Attacken oder gar Gewalttaten gegen Retter bekannt. Ist Ihnen das schon einmal passiert?

Ja, natürlich. Auf dem Land war das nicht so schlimm. Da habe ich den Eindruck, dass der Respekt uns gegenüber noch ein bisschen größer ist. Jetzt, wo ich in der Stadt fahre, sieht die Sache ganz anders aus. Ich muss in der Stadt ein wesentlich höheres Gewaltpotenzial feststellen. Viele Leute interessiert es überhaupt nicht, ob da jemand in einer Uniform steht und welchen Auftrag der hat. Die beschimpfen uns, rütteln am Rettungswagen, wenn wir drinstehen oder stoßen uns zur Seite weg.

Wer tut so etwas und warum?

Wir kommen oft gar nicht dazu, nachzufragen. Da ist wahnsinnig oft Alkohol im Spiel, gelegentlich Drogen. Wenn wir Gefahrenpotenzial sehen, ziehen wir uns zurück und holen uns Hilfe dazu. Manchmal sind es auch pure Ausnahmesituationen bei Angehörigen, die durchdrehen, weil die Frau oder der Bruder betroffen ist. Manchmal sind es auch Psychiatriepatienten.

Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen sollte jeder können?

Das Allerwichtigste ist, überhaupt erst einmal den Notruf zu wählen. Daran scheitert es manchmal schon. Das wird oft viel zu spät gemacht. Dazu sollte man erkennen können, wann jemand reanimationspflichtig wird - heißt, wenn jemand sich nicht bewegt, nicht schluckt, nicht spricht. Das ist ja mittlerweile alles vereinfacht worden, man muss keinen Puls mehr tasten oder beatmen. Aber es wäre gut, wenn man eine Herzdruckmassage beherrschen würde. Dann ist die stabile Seitenlage wichtig. Wenn jemand auf dem Rücken liegt, besteht die Gefahr, dass er was in die Lunge bekommt und daran ersticken könnte. Man sollte auch in der Lage sein, Blutungen zu stoppen. Wenn eine große Arterie verletzt ist, ist der Patient innerhalb von zwei bis drei Minuten verblutet, wenn nichts passiert.

Mit Christian Strzoda sprach Isabel Michael

Quelle: ntv.de