Reise

Eine Zeitreise im Val Gardena Brennende Berge und ein toter Bergführer

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Wer nicht laufen möchte, kann sich auch mit der Gondel hinauftragen lassen.

(Foto: Carola Ferstl)

Viele Touristen zieht es in den Dolomiten in die urigen Berghütten. Deren Geschichten sind oft ebenso gänsehauterzeugend wie das beeindruckende Bergpanorama im Sonnenuntergang.

Etwa eine halbe Stunde, nachdem die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, beginnt das Schauspiel. Erst zartrosa, dann leuchtend orange "brennen" die hellen Bergspitzen aus Kalkstein und beschenken den Besucher in den letzten Minuten des Tages mit einem feurigen Spektakel aus Licht. Nur wenige Minuten später verblassen die Farben.

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Wenn die Sonne untergeht, gibt es ein beeindruckendes Farbenspiel.

(Foto: Carola Ferstl)

Zurück bleibt kalter Stein und es beginnt eine kalte, häufig eisige Nacht. Wie jene vor fast 70 Jahren. Am 17. August 1952 ist der Bergführer Toni Demetz mit einer Seilschaft auf dem massiven Gipfel des Langkofel in den Südtiroler Dolomiten unterwegs, ein fast 3000 Meter hoher Koloss aus Stein, der wie der Rücken eines riesigen Urzeittieres aus den grünen Almen herausragt.

In dieser Gegend kommen unvermutet und rasend schnell Gewitter auf. Die warme Luft aus dem Tal trifft auf die kalte Bergluft. Im Laufe des Tages nimmt das Gewitterrisiko immer weiter zu. Für Bergsteiger und Kletterer eine gefährliche Falle. Auch Toni Demetz wird mit seinen beiden Begleitern überrascht. Ein Blitz trifft die Gruppe.

Quasi mitten durch den Bergführer schlägt er ein. Er hinterlässt ein Loch in seinem Hut und den jungen Mann halbseitig gelähmt zurück. Unten im Tal sorgt sich derweil Tonis Familie, sein Vater Guiseppe, Bergführer wie sein ältester Sohn, erkennt die Gefahr und hält das Warten nicht aus. Er macht sich trotz der Gefahr durch das Wetter auf, um die Gruppe zu suchen.

Doch er ist zu spät. Sein Sohn und ein weiterer Wanderer sind bereits erfroren. Voller Verzweiflung will sich auch der Vater vom Berg stürzen, als er feststellt, dass der dritte Mann noch am Leben ist. Er schnallt sich den Verletzten auf den Rücken und bringt ihn ins Tal. Erst danach birgt er die Leichen seines Sohnes und des zweiten Mannes der Seilschaft.

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Der Hut des erfrorenen Sohnes wird bis heute in der Hütte aufbewahrt.

(Foto: Carola Ferstl)

Dieser dramatischen Geschichte haben es die Wanderer unserer Tage zu verdanken, dass sie auf rund 2700 Metern Höhe in der Scharte des Langkofel eine Schutzhütte finden, die Toni-Demetz-Hütte, benannt nach dem verstorbenen Bergführer. Denn Guiseppe Demetz widmete fortan sein Leben dem Schutz der Wanderer und dem Gedenken an seinen Sohn. Heute betreibt der jüngste Bruder der Familie Demetz, Enrico, die Hütte.

Einfach und gut

30 Schlafplätze, teils gerade mit frisch duftendem Holz renoviert, bietet das Haus. Wer den Aufstieg scheut, kann mit einer archaisch anmutenden Zwei-Mann-Gondel auf den Berg fahren und das herrliche Alpenglühen mit wunderbarem Panorama genießen. Gegessen wird um 19 Uhr, geschlafen um 21 Uhr.

Klingt für verwöhnte Stadtmenschen nach Entbehrung, aber danach kann man schnell süchtig werden und so gibt es rund um das Grödner Tal, wie das Val Gardena auf Deutsch heißt, eine ganze Reihe von Hütten, die man manchmal nach anstrengenden Tageswanderungen oder auf ganz bequemen Touren mit gemütlichen Zwischenstopps erreichen kann.

Wer etwas Zeit mitbringt, kann in fünf bis sieben Tagen die Tour auf der Krone der Gardena unternehmen. Rund 60 Kilometer geht es durch den Naturpark Puez-Geisler über das anspruchsvolle Sella-Hochplateau bis zur Langkofelgruppe mit besagter Toni-Demetz-Hütte.

Blick ins Urmeer Tethys

Immer sollte man dabei die Augen offen halten, denn hier oben  auf den schroffen Bergen gibt es an vielen Stellen Muscheln zu finden. Vor 240 Millionen Jahren wogte das Urmeer Tethys in diesem Gebiet. Das Sella-Plateau ist ein vollständig versteinertes Korallenriff, das durch die Verschiebungen der Erdplatten senkrecht aus dem Boden gehoben wurde. An anderen Stellen findet man in zerbrochenen Steinen vollständige Abdrücke von Pflanzen und Tieren, die von der Erdgeschichte lange vor unserer Zeit erzählen. Die schönsten Exemplare kann man im kleinen Museum in St. Ulrich bestaunen.

Wie auch besonders schöne Exemplare der Holzschnitz-Kunst, die das Tal vor mehr als 100 Jahren bis in entfernte Gegenden berühmt gemacht hat. Die Händler, die die kunstvollen Marienfiguren, Möbel oder Altäre aus Holz in alle Welt verkauften, kamen mit großen Gewinnen zurück und bauten die hübschesten, mit Schnitzereien verzierten Häuser im Tal, die man heute noch bewundern kann. Einmal im Jahr findet in St. Ulrich eine Kunstmesse statt, auf der man die schönsten Schnitzereien bewundern und erwerben kann.

Wandern und Genießen sind nur zwei Gründe, ins schöne Tal zu reisen, das zum Unesco-Welterbe zählt. Bald rüsten sich die Orte für die Ski-Saison. Auf den Brettern kommen die Urlauber dann etwas rasanter in den Genuss der einmaligen Bergwelt und können von hier aus mit nur einem Skipass 1200 Kilometer Pisten ausprobieren - von der Seiser Alm bis nach Cortina d’Ampezzo oder zu den Sextener Dolomiten. Egal, ob Sommer, Winter oder goldener Herbst: In den Dolomiten kommen sportbegeisterte Menschen jederzeit auf ihre Kosten.

Quelle: n-tv.de

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