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"Der rote Schatten" mit Wilhelm Jordan (Elias Popp. l) und Astrid Frühwein (Emma Jane) geht in die 1970er-Jahre zurück.
"Der rote Schatten" mit Wilhelm Jordan (Elias Popp. l) und Astrid Frühwein (Emma Jane) geht in die 1970er-Jahre zurück.(Foto: SWR-Presse/Bildkommunikation/dpa)
Sonntag, 15. Oktober 2017

Rote Schatten der Vergangenheit: Der Stuttgarter "Tatort" im Schnellcheck

Von Ingo Scheel

Deutschland im Herbst: Die Kommissare Lannert und Bootz bekommen es mit einem Fall von historischem Ausmaß zu tun, dessen Spuren bis tief in die 70er-Jahre führen. Regisseur Dominik Graf begeht den 40. Jahrestag der "Todesnacht von Stammheim" mit einem packenden Doku-Krimi.

Das Szenario

Marianne Heider soll bei einem Badeunfall ums Leben gekommen sein, das ergibt jedenfalls ihre Obduktion. Ehemann Christoph (Oliver Reinhard) glaubt nicht daran und entführt die Tote aus der Friedhofskapelle, um sie im Ausland ein weiteres Mal untersuchen zu lassen. Als er mit dem Auto - und der Leiche im Kofferraum - einen Unfall baut, fliegt das Ganze auf. Im Verhör erzählt er Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) von seinem Verdacht. Der neue Lover seiner Ex-Frau, der eigenwillige Wilhelm Jordan (Hannes Jaenicke), soll sie auf dem Gewissen haben. Der aber entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Protagonist einer viel größeren Sache, die die Stuttgarter Kommissare bis tief in die politischen Wirren des Deutschen Herbstes im Jahre 1977 hineinführt und mehr Fragen aufwirft, als dass es Antworten gibt. Ist Jordan in Wirklichkeit der ehemalige RAF-Terrorist Holger Stängel, der sich später als Informant verdingte? Wurden Baader und Komplizen damals im Knast ermordet? Und hat Lannert wirklich mal Gudrun Ensslin ganz tief in die Augen geschaut?

Die eigentliche Botschaft

Den eigentlichen Mordfall unterminiert Regisseur Dominik Graf äußerst geschickt mit einer üppigen Film-Montage, die nicht nur die Ereignisse rund um die "Todesnacht von Stammheim" qua originalem Film-Material noch einmal aufrollt, sondern auch potenzielle Möglichkeiten in grobkörnigem Super-8-Look nachstellt. Verwackelte Bilder zeigen, wie es damals gewesen sein könnte, wie die Terroristen Baader, Raspe und Ensslin im Stuttgart-Stammheimer Gefängnis ums Leben gekommen sein mögen. Fazit und Botschaft: Die Wahrheit ist irgendwo draußen - und auch nur eine von vielen. Unwahrscheinlich, dass sie jemals gefunden wird.

Darüber wird in der Mittagspause geredet

Die einen werden sagen: "Das war doch kein 'Tatort', das war mir zu durcheinander. Wir haben irgendwann umgeschaltet." Die anderen geben den Daumen nach oben, für einen Stuttgarter Fall, der sich viel vornimmt und das mehr als gekonnt einlöst. Mittagspausen-Talk-Möglichkeit unter den älteren Zuschauern: Mensch, der Karl-Heinz Köpcke - das war noch ein Tagesschau-Sprecher. Fun-Fact am Rande: Ausgerechnet im Jahr 1977 tauchte der legendäre ARD-Mann schon einmal im "Tatort" auf. Im Fall "Flieder für Jaczek" vom Hessischen Rundfunk, mit Klaus Höhne als Kommissar Konrad, spielte er - natürlich - sich selbst.

Der Plausibilitätsfaktor

Als "Deutscher Herbst" ist jene Zeitspanne zwischen dem 5. September und dem 18. Oktober in die Geschichte eingegangen. Während dieser anderthalb Monate wurde Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer zunächst entführt, am Ende ermordet, kaperten Terroristen die Lufthansa-Maschine "Landshut" und brachten sich die inhaftierten RAF-Mitglieder Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin - so die offizielle Version - in ihren Zellen im Stammheimer Gefängnis um. So weit, so plausibel. Ebenso durchaus plausibel - dabei aber eben bis heute nicht bewiesen - die "alternative Wahrheit", die Dominik Graf und Co-Autor Raul Grothe hier zur Diskussion stellen.

Die Bewertung

10 von 10 Punkten. Packend, eigenständig, tolles Timing. Mit einer Prise Verschwörung abgeschmeckte Geschichtsstunden schmecken doch gleich viel besser. Gerne wieder, Herr Graf!

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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