Unterhaltung

Psy und sein "Gangnam Style" reloaded Ein "Gentleman" ohne Manieren

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Hat gut lachen: Internetstar Psy bei einem Auftritt in Seoul.

(Foto: AP)

Mit dem "Gangnam Style" landet der südkoreanische Entertainer Psy 2012 einen Megahit. Schlüssel des Erfolgs ist das Youtube-Video, in dem sprichwörtlich der Wahnsinn galoppiert. Beim nun veröffentlichten Nachfolger "Gentleman" stellt sich die Frage, wie selbstironisch der Song tatsächlich gemeint ist - immerhin inszeniert sich Psy beim Konzert als der koreanische Hasselhoff.

Wie ein Spätpubertierender im schlimmsten Testosteronschub marodiert Psy durch sein neues Musikvideo. Unterlegt von feinstem Kirmestechno zieht der meist sonnenbebrillte Koreaner Frauen den Stuhl unterm Hintern weg, lässt sie an seinen Fürzen riechen, öffnet die Verschlüsse ihrer Bikinis oder drückt ganz einfach sämtliche Knöpfe eines Aufzugs, obwohl die Blase seines Begleiters zu platzen droht. Bezeichnenderweise heißt der zweite Streich des Internetstars "Gentleman" - hihi, wie lustig.

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Was für ein Spaß: Psy zieht seiner Abendbegleitung den Stuhl unterm Hintern weg.

Psys Vorgängervideo, der "Gangnam Style", hält mit mehr als 1,5 Milliarden Aufrufen den Rekord als meistgeklicktes Youtube-Video aller Zeiten. Ein Hauptgrund dafür dürfte der exzentrische Tanzstil des Sängers sein: Wie ein Reiter auf einem Pferd galoppiert Psy durch den Clip, der das Leben im schicken Seouler Viertel Gangnam parodieren soll. Auf die monströse Erfolgslawine, die die Klickflut bei Youtube auslöste, sprangen nicht nur Prominente wie Madonna auf, auch die Politik entdeckte den Koreaner für sich. US-Präsident Barack Obama lud Psy zum Weihnachtskonzert ein und sogar Uno-Generalsekretär tanzte mit dem Entert ainer.

Nun also "Gentleman". Der Druck, in die enormen Fußstapfen seines Vorgängersongs zu passen, muss überwältigend gewesen sein. Und wie so oft in solchen Fällen haben Psy und sein Management versucht, den kleinsten gemeinsamen Nenner des Erfolgs zu suchen. Von den Breaks bis zu den Beats besitzt "Gentleman" nahezu die selbe Songstruktur wie sein Vorgänger, der Drop ist vorhersehbar und scheint tatsächlich eins zu eins vom "Gangnam Style" übernommen worden zu sein. Okay, könnte man jetzt sagen, so funktioniert Ballermann-Techno eben, da heben sich die Interpreten hierzulande auch nicht groß ab. Von denen wird allerdings auch nicht erwartet, die Schallmauer des eigenen Rekords zu brechen.

Der neue Move ist deutlich unspektakulärer

Aber Musik wird ja ohnehin überbewertet - was bei Psy zählt, ist der Tanzstil. Elemente aus traditionellen koreanischen Tänzen wolle er in seine Performance implementieren, hieß es hochtrabend im Vorfeld. Wenn die Vorfahren des Sängers also tatsächlich im Hula-Hoop-Hüftschwung auf der Bühne standen und mit der rechten Hand in  Denkerpose das Kinn stützten, dann können die Zuschauer wenigstens ein bisschen in Koreas Geschichte eintauchen. Weil der neue Move dann aber doch deutlich unspektakulärer als der "Gangnam Style" ist, wird auch immer mal wieder galoppiert.

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Ab in die Denkerpose: Psys neuer Tanzstil in einer Momentaufnahme.

(Foto: REUTERS)

Auf südkoreanischen Diskussionsplattformen im Internet war Psys neues Lied auch jedenfalls schon vor der Veröffentlichung des Videos Thema Nummer eins und verdrängte die Debatten über die ständigen Drohungen des Nachbarlandes Nordkorea. Das Urteil der Internet-Gemeinde fiel dabei gespalten aus. "'Gangnam Style' war super, aber der neue Song ist genauso cool", schrieb ein Nutzer. Ein anderer meinte hingegen: "Das Lied ist 'Gangnam Style' zu ähnlich, aber viel weniger unterhaltsam." Bei einer Umfrage unter 2000 Nutzern des südkoreanischen Internetportals Daum.net gaben 38,9 Prozent "Gentleman" gute Noten, 48,3 Prozent fanden es hingegen mittelmäßig bis langweilig.

Vielleicht konnte die "Gentleman"-Denkerpose die neugierigen Fans ja besänftigen, den Tanzstil jedenfalls präsentierte Psy erstmals bei einem Auftritt in Seoul am Samstagabend. Da wurde es dann schließlich doch noch ein bisschen politisch: Die Teilung der koreanischen Halbinsel sei eine "Tragödie", und er wolle, dass die Nordkoreaner an dem "Spaß und der Fröhlichkeit" seiner Musik teilhätten, sagte der Musiker. "Heute abend werden ich und 50.000 (Süd-)Koreaner laut singen. Wir werden so laut sein und ihnen so nahe sein, dass sie uns hören können", fügte er an die Menschen im Nachbarland gerichtet hinzu.

Irgendwie klingt das ein bisschen wie David Hasselhoff auf Koreanisch - der riss 1989 mit "Looking for freedom" ja bekanntlich im Alleingang die Mauer ein, die Deutschland teilte. Damals wie heute ist es aber dann doch fraglich, ob es tatsächlich die Musik eines Entertainers ist, die die Menschen auf der anderen Seite des Zauns am dringendsten benötigen. Zumal Psy dem nordkoreanischen Diktator auch noch erstaunlich ähnlich sieht.

Aber genug von Politik - was am Ende zählt, sind schließlich die Klicks. Und von denen hat "Gentleman" nach noch nicht einmal 24 Stunden bereits 15 Millionen eingesammelt. Keine aus Deutschland, wohlgemerkt - hier war die GEMA ganz besonders schnell beim Sperren des Videos. Deutsche Musikconnaisseure können bislang nur über Ausweichplattformen bestaunen, wie Psy - ganz der Gentleman - junge Frauen vom Laufband fegt oder ihnen die heißen Kaffeetassen ins Gesicht stößt. Ein Hoch auf die subtile Parodie.

Quelle: ntv.de, mit AFP

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