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Schnabel (Martin Brambach) findet beim Verdächtigen Fabian Rossbach (Sascha Göpel) Hinweise auf Versicherungsbetrug.
Schnabel (Martin Brambach) findet beim Verdächtigen Fabian Rossbach (Sascha Göpel) Hinweise auf Versicherungsbetrug.(Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Gordon Mueh)
Samstag, 11. November 2017

"Auge um Auge" in Dresden: Ein Krimi voller Handicaps

Von Ingo Scheel

Rollstuhlfahrer auf Crash Course, Heckenschützen auf dem Hochhaus, Versicherungswillkür und Fremdenfeindlichkeit, Rache, Liebe und Enttäuschung - wieder mal ein "Tatort", der sich viel vornimmt und sich doch nicht entscheiden kann: Klamauk oder Krimi?

Kein Vorspiel. Keine Atmo. Nichts an Aufbau. Gleich hinein ins Geschehen - und wie: In der Cheftetage des Dresdner Versicherungskonzerns Alva liegen sich die Bosse in den gegelten Haaren. Heiko Gebhardt (Alexander Schubert), ein ausgewiesener Schmierlappen und Meister im Bullshit-Bingo, und Rainer Ellgast (Arnd Klawitter), auch nicht eben ein Sympath, streiten sich um die Zukunft des Unternehmens. Kurze Zeit später liegt Gebhardt in seinem Büro, einem Loft von Turnhallen-Ausmaßen, tot auf dem Granit, erschossen vom gegenüberliegenden Hochhausdach aus.

Die Kommissarinen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland (Alwara Höfels) befragen den Tatverdächtigen Rainer Ellgast (Arnd Klawitter) in seinem Schützenverein.
Die Kommissarinen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland (Alwara Höfels) befragen den Tatverdächtigen Rainer Ellgast (Arnd Klawitter) in seinem Schützenverein.(Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Gordon Mueh)

Für die beiden Oberkommissarinnen Sieland (Alwara Höfels) und Gorniak (Karin Hanczewski) gibt es während der Ermittlungen zwei Fronten, beide bilden einen allzu fruchtbaren Nährboden für Tatmotive im Dutzend. Da ist zum einen die Belegschaft des Versicherungskonzerns um Angestellte wie Cordula Wernicke (Ramona Kunze Libnow) und Claudia Bischoff (Isabell Pollack). Die eine aufgerieben in langen Berufsjahren voller Intrigen und halbseidenem Finanzgebaren, die andere ohne Orientierung im Geflecht zwischen Kalamitäten und Karriere.

Und dann gibt es noch jene Geschädigten, die oft über Jahre versuchen, ihre Versicherungsfälle auf juristisches Fundament zu stellen und Geld vom zwielichtigen Versicherer zu bekommen. Da ist der deprimierte Harald Böhlert (Peter Schneider), der trotz Rollstuhl angeblich hundertprozentig fit für den Arbeitsmarkt sein soll. Oder der auch nicht ganz astreine Fabian Rossbach (Sascha Göpel), der sich seine kaputten Knie von der Versicherung versilbern lassen möchte, in seiner Freizeit aber aufs Rennrad steigt.

Karin Gorniak und der Spurensicherer (Renato Schuch) auf dem Dach des Hochhauses, von dem aus der Täter geschossen hat.
Karin Gorniak und der Spurensicherer (Renato Schuch) auf dem Dach des Hochhauses, von dem aus der Täter geschossen hat.(Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Gordon Mueh)

Es ist der vierte Fall für das Dresdner Trio - Sieland, Gorniak und den charakterlich nicht ganz sattelfesten Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach) - und dass man nun an der Elbe langsam in Tritt kommt, Ton und Timing findet, lässt sich nicht behaupten. Dabei taugt der Stoff von Ralf Husmann und Peter Probst, das Rachedrama um den bösen Versicherungsriesen, der seine Klienten ausbluten lässt, ja durchaus für eine spannende Auseinandersetzung zwischen Konzern-Kriminalität und Einzelschicksalen.

Dass das letztendlich nicht schlüssig klappt, mag daran liegen, dass die Figuren zuweilen wie leere Dampfer mit Sprechblasen am Schornstein durch das Bild schippern. Großäugig, mit offenem Mund, wie Hanni und Nanni in der großen Stadt mäandern die beiden Kommissarinnen durch die Kulisse. Alles ist immer sofort ganz schlimm, ob ein Halbsatz, ein Blick von der Seite, irgendein Detail oder der Freund, der sich mit einem Couscous für die geplatzte Verabredung entschuldigen will: Alles sofort Krise, Drama, Weltuntergang. Schnabels neuer Computer, die Flüchtlingsproblematik, das Rauchverbot, hier stimmt keine Gewichtung. Alles ist gleich schlimm. Und damit auch gleich sinnlos.

Die einzige Figur, die wacker und nachvollziehbar das Realitätsfähnchen hochhält, heißt Ingo, hat wenig Haare, dafür aber ganz viel Herz und agiert in Sichtweite zur Natürlichkeit. Der Rest der Truppe: Überzeichnet an der Grenze zum Grotesken, mit Telenovela-Gestus, Augenaufschlag wie im Amateurtheater und einer Weihnachtsmarkt-Panik, bei der man die Statisten im Hintergrund lachen sieht. Frohes Fest.

Quelle: n-tv.de

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