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Der dänische Schauspieler Mads Mikkelsen gibt dem Bösen ein Gesicht und spielt die Rolle des Dr. Hannibal Lecter.
Der dänische Schauspieler Mads Mikkelsen gibt dem Bösen ein Gesicht und spielt die Rolle des Dr. Hannibal Lecter.(Foto: picture alliance / dpa)
Sonntag, 25. Mai 2014

Spieltrieb des Kannibalen: "Hannibal" ruft zum großen Schlachten

von Anna Meinecke

Hannibal Lecter isst Menschenfleisch. So war es im Filmklassiker von 1991, so bleibt es im TV-Format von heute. Er ist ein Killer, der ganz einfach für sein persönliches Amüsement mordet - und zur Nahrungsbeschaffung.

Hannibal Lecter gehört wohl zu den Sagen umwobensten Charakteren der Filmgeschichte. Für Antony Hopkins war der Part des Menschenfressers eine Schlüsselrolle. So brutal feinsinnig sollte keiner nach ihm mehr morden. Umso beeindruckender ist es, wie der Däne Mads Mikkelsen in der TV-Adaption des Kult-Horrors Hannibal ein neues, anderes und trotzdem ziemlich gutes Gesicht gibt - und das schon in zweiter Runde. In der vergangenen Nacht lief in den USA Staffelfinale Nummer zwei.

"Hannibal" erzählt die Geschichte eines grausamen Psychopaten. Aber die Fernsehserie erzählt auch die Geschichte von Will Graham, einem Profiler, der für das FBI Jagd auf Serienmörder macht. Beispiellos kann er sich in die Täter hineinversetzen. Es fällt ihm jedoch zunehmend schwer, deren grausame Perspektive von der eigenen Lebensrealität zu trennen. Eine Zeit lang hält sich Will sogar selbst für den "Chesapeake Ripper", auf den er und das Ermittlerteam es seit Beginn der ersten Staffel abgesehen haben.

Lust am Töten entdeckt

Seine Sorgen teilt Will mit Hannibal. Dass das ein Fehler ist, merkt er in Staffel zwei - endlich, denn länger hätte der Zuschauer den knuddeligen Wuschelkopf auch nicht mehr in der Opferrolle ertragen. Er weiß nun, die Gefahr birgt sein engster Vertrauter. Wenngleich er zu Beginn der Staffel noch im Baltimore State Hospital for the Criminally Insane festsitzt, ist er für Hannibal doch endlich zum ernst zu nehmenden Gegner erstarkt. Welches Spiel er genau spielt, bleibt dem Zuschauer jedoch bis zuletzt verborgen.

"Er hat keine Angst mehr, jetzt nicht mehr. Das macht ihn gefährlich", hat Lecters Kollegin Dr. Alana Bloom in der Mitte der Staffel festgestellt. Da hat sie recht. Während dem Schrecken der Show bislang Will als Kämpfer für das Gute entgegengesetzt wurde, kann der Zuschauer in Staffel zwei nicht mehr sicher sein, ob das Böse nicht doch siegen wird. Das raubt dem Publikum vielleicht die sichere Identifikationsfigur, nur so aber kann "Hannibal" wieder Fahrt aufnehmen. Die Journalistin Freddie Lounds formuliert es wie folgt: "Vielleicht versteht Will: Wenn du Hannibal Lecter nicht besiegen kannst, schließ dich ihm an." Vielleicht hat Will aber auch einfach nur die Lust am Töten entdeckt.

Zu Beginn des Staffelfinales kreuzen sich Gespräche zwischen Will und Hannibal beziehungsweise zwischen Will und seinem FBI-Chef Jack Crawford. Beiden sagt er für den finalen Showdown Loyalität zu. Unklar ist, wem er sie halten wird. Für das große Kräftemessen hat Hannibal ein Dinner bei sich zu Hause gewählt. Jack hat er eingeladen. An diesem Abend sollen keine Organe vergangener Opfer serviert werden. Es steht die Prügelszene bevor, mit der die Serie vor einigen Wochen ihre zweite Staffel eröffnet hatte: Mit Küchenmessern gehen die Männer aufeinander los, Jack schmeißt Hannibal in eine Schrankwand, der schlägt ihm einen Topf an den Kopf. Schnell ist jedenfalls Hannibals helles Hemd blutüberströmt. Es folgt ein Faustkampf. Jack versucht, seinen Gegner mit einem Küchentuch zu strangulieren. Der geht zu Boden, greift mit letzter Kraft eine Glasscherbe und rammt sie dem FBI-Mann in den Hals.

Dem Charme des Bösen erlegen

Ja, Hannibal zeichnet entsetzliche Bilder. Sie sind blutig, explizit und scheinen nur den allerdunkelsten Fantasien entsprungen. Dennoch sind sie von einer eleganten Feinheit, der man nur schwerlich die Ästhetik absprechen kann. Das macht die Szenerie fast noch makabrer. Darf es schön sein, wenn jemand seinem bewegungsunfähigen Opfer ein menschliches Ohr in den Rachen stopft? Hannibal Lecter ist das Böse, ohne Frage. Und obwohl sich der Zuschauer dessen mittlerweile völlig bewusst sein muss, erliegt er doch seinem Charme.

Sicherlich lässt sich darüber streiten, wie viel Grausamkeit auch ein Horror-Thriller wie "Hannibal" seinem Publikum zumuten darf. Letztlich ist die Geschichte Fiktion und die Macher der Show zeigen nichts weiter als eine zum Bösen hin überspitzte Variante der Realität. Ja, manchmal muss man wegsehen. Es ist nichts fürs Auge, wenn ein Ex-Junkie sich - kaum hat er eine Überdosis überlebt - mit Fäden fixiert als Teil eines grotesken Gebildes aus menschlichen Leichen wiederfindet.

Bei "Hannibal" hält die Kamera drauf. Immer. Aber die Gewalt wird mit Humor doch immer wieder erträglich gemacht, der subtile trockene Witz schützt gewissermaßen vor dem Grauen der Bildgewalt. Das mag etwas daneben wirken. Tatsache ist: "Hannibal" unterhält - zuweilen so spektakulär, dass das Format auch bei vereinzelten Unstimmigkeiten über jegliche Skepsis hinwegtäuscht. Das Format ist vielleicht etwas unorthodox, umgesetzt ist es jedoch hochprofessionell - die Schauspieler agieren auf Augenhöhe, Ton- und Bildästhetik überzeugen durchweg. Die Zubereitung von Organen haben die Macher der Show gleich zur Kunstform erhoben.

ACHTUNG SPOILER!

Neu an Staffel zwei: Die einzelnen Protagonisten spielen mit wesentlich offeneren Karten. Das macht die Situation jedoch nicht weniger beunruhigend. Wer mit wem spielt, ist bis zuletzt jedenfalls nicht eindeutig abzusehen. Wo, wenn nicht hinter vorgetäuschter Menschlichkeit, kann das Biest im Menschen schließlich besonders gut reifen? Im Falle Hannibals ist das Biest ein besonders gereiftes. Er schlachtet in der finalen Folge so ziemlich die gesamte Hauptbesetzung der Show: Erst Alana, die erst dem Anfängerfehler "keine Munition in der Waffe" und dann der tot geglaubten Abigail Hobbs erliegt, dann Will, dem er eine Klinge in den Bauch rammt und schließlich - während sein Gegenspieler sich bereits krümmt, die gerade erst "wiederauferstandene" Abigail, deren Kehle er durchtrennt - Jack liegt ja schon röchelnd im Weindepot. Klar, Alana hatte vor Betreten des Hauses einen Notruf abgesetzt, doch lange bevor Hilfe eintrifft, wirft Hannibal Lecter sich lässig das Sakko über, verlässt die blutige Szenerie und hüpft in den Flieger. Mit Champagner in der Hand geht es offenbar nach Frankreich - samt überraschender Begleitung. "Schlimmen Menschen schlimme Dinge anzutun, fühlt sich gut an", erklärte sich Hannibal einst. Sein Kannibalismus ist die Machtdemonstration eines kranken Mannes - wie krank, das wird die dritte Staffel der Serie zeigen. Der Bann des Hannibal Lecter bleibt ungebrochen.

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Quelle: n-tv.de