Unterhaltung

Dirty Harry in "Zurück in die Zukunft" Harald Schmidts Anti-Comeback

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Zurück an alter Stätte: Harald Schmidt.

(Foto: obs)

Wer am späten Dienstagabend auf seinem Fernseher Sat.1 eingeschaltet hatte, bekam die "Comeback-Sensation" des Jahres versprochen. Gemeint waren die Guano Apes - und nicht etwa der Gastgeber der Show, in der sie auftraten: Harald Schmidt. Warum nur?

Nun ist er also wieder zurück beim Unterschichtenfernsehen. Für alle, die das vergessen haben sollten: Harald Schmidt hat diesen Ausspruch über seinen alten und neuen Arbeitgeber einst selbst geprägt. Aber was schert einen schon das Geschwätz von gestern. Jedenfalls, wenn man Harald Schmidt heißt. Man könne ja schließlich froh sein, wenn er sich nicht schon im selben Satz widerspreche, meinte der 54-Jährige jüngst in einem Interview. Und zynisch-intellektuell verquaste Prinzipienlosigkeit verkauft sich gut. Jedenfalls, wenn man Harald Schmidt heißt.

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Die Haupthaar war 1995 noch fülliger - sonst war wenig anders.

(Foto: dpa)

Dabei hat sich bei seinem Job-Sender namens Sat.1 eigentlich nichts groß verändert, seit Schmidt  nach der Übernahme desselben durch Medienmogul Haim Saban 2003 dort das Handtuch warf. Außer vielleicht, dass es mit "Colour Your Life" mittlerweile ein neues Motto gibt - anstelle des früheren "Ich drück' Dich", was seinerzeit ebenfalls keinen anderen als Schmidt selbst zur bitter-süßen Pointe vom "Kuschelsender" inspirierte. Statt Haim Saban lenken inzwischen Finanzinvestoren die Geschicke des Münchner Medienunternehmens. Kuscheliger ist es seither da nicht geworden. Und auch der Drang zum Oberschichtenprogramm hält sich in Grenzen.

Dementsprechend muss selbst ein Harald Schmidt fürchten, dass ihm im Falle eines Misserfolgs kein unbegrenzter Kredit gewährt wird. Oliver Pocher hat's vorgemacht. Aber wer will schon das gleiche Schicksal wie der ungeliebte und nicht für voll genommene Ex-Kompagnon erleiden? Zumal, wenn man doch selbst am allermeisten davon überzeugt ist, zum deutschen David Letterman berufen zu sein. Klar, im Falle eines Scheiterns bliebe noch der persönlich durchaus annehmliche, wenn auch beruflich ziemlich peinliche Job als Aushilfs-Gigolo auf dem Traumschiff. Doch Freifahrten auf dem Luxusliner hin oder her - das wäre selbstredend nicht genug. Jedenfalls nicht, wenn man Harald Schmidt heißt.

Kotzen und ein Penis-Witz

Vielleicht vertraut Schmidt deshalb bei seinem Sat.1-Comeback darauf, beinahe alles ganz wie früher zu machen. Fast hätte man bei der ersten Ausgabe der neuen/alten "Harald Schmidt Show" meinen können, man habe eine Zeitreise zurück zur Jahrtausendwende unternommen. Das gleiche Studio (mit Steinsäulen und Köln-Panorama), der gleiche Ablauf (erst Gags, dann Gäste), die gleiche Band (Helmut Zerlett, wer sonst?), die gleichen Jokes und Gesten (von Bilder-Witzchen bis hin zum Kugelschreiber-Gefummel). Nur Kleinigkeiten waren anders. Der Entertainer ein wenig älter. Der Schreibtisch dafür ein wenig neuer. Und Manuel Andrack fehlte. Aber den gab es in den Anfangstagen der Show in den 90er-Jahren ja auch noch nicht.

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Hat er das Dirigieren verlernt?

(Foto: dpa)

Schmidt kaprizierte sich erst einmal auf seinen Kollegen Günther Jauch und dessen Talkshow-Premiere bei seinem Ex-Arbeitgeber ARD. Bissig, aber ohne allzu große Häme. Ihr Fett bekam da schon eher eine Anne Will weg, die in einem Einspielfilmchen dargestellt wurde, als würde sie während der Jauch-Sendung über ihren heimischen Flachbildfernseher reihern. Das Niveau muss dem neuen Umfeld ja angepasst werden. Blechtrommel-Rezitationen passen da nicht hin. Zumindest nicht in der ersten Sendung.

Ganz in diesem Sinne ging es dann auch weiter, etwa als der Wahnsinns-Überraschungsgast Olli Dittrich einen Penis-Witz erzählte. "Angenommen, du würdest so 'ne Late-Night neu starten nach 'ner Sommerpause und hättest vielleicht auch Druck seitens des Senders oder so - würdest du das machen, indem du zehn Minuten dir mit 'nem Kollegen alte Witze erzählst?", stellte Schmidt daraufhin mit gewohnt lakonisch gespielter Selbsteinsicht fest. Die Antwort lautet: nein. Jedenfalls nicht, wenn die Szenerie so einstudiert rüberkommt wie in diesem Fall.

Hauptsache, die Quote stimmt

Nicht zuletzt mit Blick auf die fortgeschrittene Uhrzeit wäre man da schon fast geneigt gewesen, die Kiste auszuschalten. Davon abgehalten hat einen eigentlich nur Hape Kerkeling, der bei seinem Besuch eine humorige Gelassenheit ausstrahlte, die Schmidt bei der ARD abhanden gekommen zu sein scheint. Und die verdeutlicht, weshalb Kerkeling und nicht Schmidt derzeit der Deutschen liebstes Unterhaltungskind ist.

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Retter in der Not: Talk-Gast Hape Kerkeling.

(Foto: dpa)

Nur die wenig geistreiche Ankündigung, er werde am Ende der Sendung etwas zu seiner Zukunft bei einer "ziemlich großen Fernsehsendung" sagen, hätte Kerkeling sich sparen sollen. Möglicherweise trug er damit dazu bei, dass die Quote für Schmidts Sat.1-Premiere mit 11,6 Prozent beim Gesamtpublikum ganz ordentlich ausfiel. Doch Erwartungen, er werde sich in einer so heiklen Frage wie der "Wetten dass..?"-Moderation ausgerechnet zu nachtschlafener Zeit beim Privatfernsehen äußern, konnte er damit allenfalls bei der geistigen Unterschicht wecken. Und so löste sich das Ganze dann auch vorhersehbar banal als Werbung für einen Auftritt Kerkelings beim NDR-Talk "Tietjen und Hirschhausen" auf.

In Anlehnung an Clint Eastwoods legendären Filmcharakter wurde Harald Schmidt einst der Beiname "Dirty Harry" verpasst. Der fünfte und letzte Teil dieser Thriller-Reihe kam 1988 in die Kinos. Im "Lexikon des internationalen Films" heißt es dazu: "Ein harter Polizeifilm mit fragwürdiger Faustrecht-Moral, geradlinig inszeniert, aber nur wenig über dem Niveau gängiger Serien-Krimis." Auf Schmidts Sat.1-Premiere umgemünzt, müsste es lauten: "Ein harter Late-Talk mit fragwürdiger Kotzbrocken-Moral, geradlinig inszeniert, aber nur wenig über dem Niveau gängiger Standup-Comedy." Das passt.

Quelle: n-tv.de

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