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"Polizeiruf 110" aus Rostock Kinder des Zorns

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Sami, der Sohn von Sascha Buckow, ist ein unfreiwilliger Komplize.

(Foto: dpa)

Hat Bukow in Rostock traditionell ohnehin mit privaten Problemen zu kämpfen, geht es diesmal so richtig ans Eingemachte. Sein Sohn Sami ist abgehauen, zusammen mit Kumpel Keno - und der hat einen Mann auf dem Gewissen. Wenig hilfreich ist, dass Kollegin König mehr tindert als ermittelt.

Etwa 850 Kinder aus Deutschland leben zur Zeit bei Pflegefamilien im europäischen Ausland, so klärt den Zuschauer eine Einblendung am Schluss des neuen "Polizeiruf 110" aus Rostock auf. Otto (Niklas Post) ist eines von ihnen. Der Junge wohnt auf einem Bauernhof in Polen, die Gegend ist trist, sein Zuhause ebenso. Er versteht die Sprache nicht, die Stimmung ist frostig. Auch wenn sein Pflegevater sich mit kleinen Gesten bemüht, so etwas wie Nähe und Geborgenheit zu bieten, ist Otto zutiefst frustriert und hat Selbstmordgedanken.

Nicht so weit entfernt und doch praktisch unerreichbar, geht es seinem Bruder Keno (Junis Marlon) in Rostock nicht viel besser. Die Sprachprobleme hat er zwar nicht, in Sachen Kommunikation läuft in jenem Heim, in dem der als schwererziehbar eingestufte Teenager untergebracht ist, dennoch so ziemlich alles schief. Die Fronten in Sachen Erziehungsphilosophie sind verhärtet. Valli (Christina Große) hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, setzt bei den Jugendlichen auf softe Deeskalation und Selbständigkeit. Karen Virchow (Anna Brüggemann) ist da deutlich desillusionierter und fährt einen harten Kurs.

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Ist nicht so gut gelaufen für den Kinderheimleiter ...

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Zwischen den Betreuerinnen steht mit Stig Virchow (Matthias Weidenhöfer) der Leiter des privaten Kinderheims - und der läuft beim Joggen dem soeben ausgerissenen Keno über den Weg. Eine verhängnisvolle Begegnung, die Virchow nicht überlebt. Keno ist nun erst recht auf der Flucht, allein ist er dabei nicht. Mit Sami (Jack Owen Berglund) ist ausgerechnet der Sohn von Sascha Bukow (Charly M. Hübner) sein nicht ganz freiwilliger Komplize.

"Meine Frau arbeitet viel in sozialen Einrichtungen. Durch ihre Erzählungen bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die Arbeit im sozialen Bereich zunehmend priva­tisiert wird und was das eigentlich bedeutet", so Regisseur Lars Jessen ("Jürgen - Heute wird gelebt") im Interview zur Sendung. "Wenn die Betreuung von Kindern und Jugendlichen abhängig gemacht ist von ökonomischen Rahmenbedingungen, werden diese Kinder und ihre Probleme zu einem Gut, mit dem die Menschen handeln. Das kann in der Kon­sequenz zu Missständen führen, wie wir sie in unserem Film beschreiben."

Dabei konzentriert sich "Kindeswohl" weniger auf Sozialanalyse oder Charakterstudie, vielmehr versucht sich die Geschichte von Lars Jessen, Elke Schuch und Christina Sothmann an der Verknüpfung des Rostocker Duos Bukow und König (Anneke Kim Sarnau) mit all seinen Macken und Marotten auf der einen Seite, und dem großthematischen Überbau, Stichwort Kinderheim-Problematik, auf der anderen Seite. Dass beim Zurechthobeln des Plots allzu große Späne fallen, schmälert den Genuss jedoch etwas. Wie so oft steht die Verbindung von Ermittler-Background und aktuellem Fall sich selbst zuweilen im Weg.

Dass ausgerechnet ein Kumpel von Bukow junior zum Mörder wird, er sich ihm auf der Flucht anschließt, soll das Drama befeuern, wirkt jedoch latent konstruiert. Überhaupt ist überall ein wenig zu viel dramatische Farbe im Spiel - von Hübners Haaren bis zur Koloratur des Bildes, Königs Schminke und ihrer etwas unwirklichen Vorliebe für eine Dating-App, dazu Gaststar Monchis (Sänger von Feine Sahne Fischfilet) schauspielerisches Talent - mit viel Leidenschaft wird hier durchweg ein etwas zu dicker Pinsel angesetzt. Zur liebgewonnenen Tradition der Rostocker Rauf- und Sauf-Kommissare, zur sonst eher monochromatisch-tristen Stimmung, will das, bei aller filmerischen Qualität und Ambition, nicht so ganz passen.

Quelle: n-tv.de

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