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Youtube-Phänomen aus Polen "My Slowianie" stürmt die Online-Charts

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Ein Musikvideo aus Polen entwickelt sich im Internet zum Quotenhit. Freizügig präsentiert das Duo Donatan & Cleo die Vorzüge der "Slawen". Die subtile Mischung aus Rap, Ironie und Folklore befeuert die Debatte um ein neues osteuropäisches Selbstbewusstsein.

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Medizin für die polnische Seele: Rapper Donatan verabreicht ironischen Slawenstolz.

Die Zugriffszahlen sind in der Tat bemerkenswert: Innerhalb weniger Tage hat der Titel "My Slowianie" eines polnischen Rap/Folklore-Duos die Millionenmarke bei Youtube übersprungen. Knapp eine Woche nach der Veröffentlichung drang das Musikvideo in den Bereich jenseits der zehn Millionen Abrufe vor. Zuletzt schwebt das polnische Online-Pop-Phänomen in der Youtube-Statistik bei gut 27 Millionen Zuschauern, Tendenz steigend.

Rein rechnerisch müssten damit schon jetzt mehr als zwei Drittel der polnischen Gesamtbevölkerung - vom Kleinkind bis zum Greis - den Titel mindestens einmal angeklickt haben. Tatsächlich dürfte sich der Kreis der "My Slowianie"-Fans allerdings ganz anders verteilen. Allein schon die überdeutliche Bildsprache dürfte im Netz viele Neugierige weit über den polnischen Sprachraum hinaus erreichen. Das Stück ist seit Anfang November im Netz, und die Popularität ist nach wie vor ungebrochen.

Tief beeindruckte Briten

Wer einen Blick hinein wagt, wird schnell erkennen, aus welchen Elementen das Phänomen einen Teil seiner Anziehungskraft schöpft: Sängerin Cleo und Rapper Donatan, beide bislang nur einem kleineren Publikum in Polen bekannt, spielen in "My Slowianie" mit einer ganzen Reihe polnischer Klischees und kulturellen Stereotypen. Dabei tragen sie nicht nur bei der Auswahl von Goldketten und Lippenstift gewaltig auf.

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"Vergiss nicht, wo du herkommst": Ist das das neue Polen?

Ganz erklären lässt sich der durchschlagende Erfolg damit allerdings nicht. Niemals zuvor hat ein ausschließlich auf Polnisch gesungenes Lied in so kurzer Zeit eine solche Verbreitung gefunden. Ist das billiger Sexismus oder steckt mehr hinter der platten Zurschaustellung angeblich "slawischer" Alleinstellungsmerkmale? Eins scheint klar: Cleo und Donatan haben offenbar nicht nur in Polen einen Nerv getroffen.

"My Slowianie" heißt übersetzt "Wir Slawen" und stürzt sich so unverblümt auf das Thema Herkunft, dass Beobachter bei der britischen BBC über ein neues polnischen Selbstbild spekulieren und von einer Art polnischer Selbstironie sprechen, die sich auf subtile Weise mit platten Klischees von der heilen Welt auf dem Lande auseinandersetzen will. Die einzigen englischen Textzeilen trägt Sängerin Cleo auf ihrem Oberteil: "Don't forget where you come from". Umrahmt von knallbunten Trachtenröcken tanzt sie dazu vor der reetgedeckten Hütte eines polnischen Freilichtmuseums.

Slawische Satire, Pop-Kultur aus Polen

Rapper Donatan, mit bürgerlichem Namen Witold Czamara aus Krakau, will seine ohrwurmverdächtige Mischung aus lasziver Symbolik, trockenem Hiphop und polnischer Folklore eigentlich nicht groß kommentieren. Zu "My Slowianie" erklärt der 1984 geborene Musikproduzent lediglich mit einem Augenzwinkern: "Alles, was ich zu diesem Stück sagen will, steckt in den ersten 15 Sekunden." Tatsächlich beginnt das Video mit einem Standbild, das ihn als Werbefigur für ein ominöses Heilmittel zeigt. Doch an welcher Krankheit leidet der Patient?

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Dick aufgetragen, aber überaus erfolgreich: Mit "My Slawionie" beweist Donatan ein tiefes Verständnis für Satire und Zielgruppenansprache.

Direkt im Anschluss geht es dann zur Sache. Mit provokant körpernahen Kamerafahrten rückt der Betrachter dabei insbesondere den weiblichen Darstellern aus verschiedenen Perspektiven eng auf den Leib. Im Liedtext heißt es dazu etwa: "Wir Slawen wissen, wie man sich bewegt" oder "Wir sind wie Brot gebräunt und zart wie zu Hause aufgeschlagene Sahne". Im Schummerlicht bäuerlicher Behausungen wird unterdessen Teig geknetet, Milch getrunken und Butter gestampft - letzteres besonders ausführlich und dem Klischee entsprechend traditionell von Hand. "Das ist es, was wir sind: Das ist das heiße Blut, das ist slawische Schönheit."

Spätestens in der zweiten Strophe dürfte dem Zuhörer allerdings klar werden, an welcher Stelle Donatan seine Heilungsbemühungen anzusetzen gedenkt. "Unsere Männer sind frei von Komplexen, weil sie dazu überhaupt keinen Grund haben", singt Cleo und die Mädchen klatschen dazu gut gelaunt in die Hände. "In diesem Video gibt es keinen Subtext", heißt es weiter, und: Wer das nicht glauben mag, müsse nur aufs Land fahren.

Feinste polnische Ironie

In erster Linie geht es allen Beteiligten natürlich nur um Spaß, Erfolg und Unterhaltung. Zwischen den Zeilen jedoch lassen sich weitere Anspielungen entdecken, die durchaus auf eine tiefergehende Kritik am Umgang mit Folklore-Elementen in Politik und Werbung schließen lassen.

"Zuerst war das Stück ein Gag, den wir aufgezeichnet haben, um uns im Studio 'aufzuwärmen'", erzählt Donatan. "Dann aber war es einfach zu gut, um es in der Schublade liegen zu lassen." Mit dem Album "Tagundnachtgleiche" ("Równonoc") habe das Stück inhaltlich nicht viel zu tun. "Es ist eine Parodie", gesteht der Rapper. Natürlich gebe es in "My Slowianie" auch eine gewisse Tiefe. "Aber was ist schon Tiefe im Angesicht der einfachen Slawen."

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Quelle: n-tv.de, mmo

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