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Showdown in Baku Schwedenrätsel knackt den Song Contest

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Sie war nicht zu schlagen: Loreen aus Schweden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Gewinnerin des Eurovision Song Contests heißt Loreen. 13 Jahre nach dem letzten schwedischen Sieg holt sie den Wettbewerb zurück ins ABBA-Land. Doch Roman Lob muss nicht traurig sein. Das ist eine der Lehren, die man aus dem ESC in Baku ziehen kann. Eine weitere ist, dass man Stellung beziehen kann, ohne uncharmant zu werden. Danke, Anke!

Puuh, das war knapp. Nicht viel hätte gefehlt und es wären tatsächlich die singenden Seniorinnen aus Russland gewesen, die den Sieg beim Eurovision Song Contest (ESC) im aserbaidschanischen Baku davon getragen hätten. Man muss sich nur mal ausmalen, was das bedeutet hätte! Die teilnehmenden Länder hätten künftig ganze Altenheime leer gecastet. "Unser Star für Moskau" hätte statt auf tapfere Teenager und Twens Jagd auf rüstige Rentner gemacht. Und vermutlich - weil es ja immer darum geht, das Dagewesene noch zu toppen - hätten die dann auf der Bühne Space-Kekse gebacken und durch ihre Dritten Textzeilen wie "Cookies for everybody! Eat!" gezwitschert.

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Da half auch Backen nichts: Die Buranovskiye Babushki aus Russland wurden nur Zweite.

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Nun gut, ganz so knapp war es dann ja doch nicht. Mit phänomenalen 372 Zählern hatte die schwedische Sängerin Loreen am Ende die Nase um mehr als 100 Punkte vor den liebenswerten Omas aus dem russischen Hinterland vorn. Ihre rätselhafte Performance - ihren eigenen Angaben zufolge eine Metapher für Freiheit und dafür, sich keinen Regeln zu unterwerfen - verfing beim Publikum in ganz Europa. Sage und schreibe 18 der insgesamt 42 abstimmenden Länder, darunter auch Deutschland, kannten für ihre mystische Tanzeinlage und den zugehörigen Song "Euphoria" nur eine Wertung: Twelve points - douze points - zwölf Punkte.

Doch dadurch, dass das "Boom Boom" der Babuschkas keinen Erfolg gezeitigt hat, ist uns nicht nur ein Babuschka-Boom entgangen, sondern möglicherweise auch eine neuerliche politische Debatte im Zusammenhang mit dem Song Contest. Schließlich gäbe es auch im Putin-Land noch genügend Dinge aufzuarbeiten.

Auch Roman hat gewonnen

Aus dem Song Contest in Baku lassen sich manche Lehren ziehen. Fangen wir mit den einfachen an. Lehre Nummer 1: Roman Lob und seine Helfer um Thomas D haben ihre Sache mehr als nur gut gemacht. Der achte Rang für Deutschland mit „Standing Still“ ist aller Ehren wert und entspricht der anvisierten Top-10-Platzierung. Mehr war in diesem Jahr, in dem die Konkurrenz außergewöhnlich stark war, nicht drin. Aber eben auch nicht weniger.

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Kann zufrieden mit sich sein: Roman Lob.

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Und so oder so - in Aserbaidschan war Roman auf jeden Fall ein Gewinner. Das belegt nicht nur die Anekdote, die wir kurz vor dem Song-Contest-Finale erlebt haben. Als wir einem Mädchen am Presseschalter mal wieder auf Nachfrage offenbaren, dass wir Deutscher sind, gerät sie ins Schwärmen. "Wir alle hier lieben Roman!", erklärt die maximal 16-Jährige stellvertretend für ihre weibliche Alterskohorte. "Er ist so süß und nett und toll! Gestern habe ich sogar ein Foto mit ihm gemacht – ich zeig‘s dir." Ehe man auch nur die Millisekunde einer Chance gehabt hätte, irgendetwas zu sagen, kramt sie ihr Handy unter dem Tresen hervor und hält einem die Aufnahme unter die Augen. Da steht sie, die Kleine, Arm in Arm mit "unserem" Roman. "Good luck to Germany", ruft sie noch rasch hinterher, als wir schon von dannen gezogen sind.

Wiederholungstaten und Miniröcke

Die zweite Lehre könnte lauten: Schwedinnen sind nicht immer blond. Da das jedoch etwas zu einfältig wäre, nennen wir sie: Buchmacher haben nicht immer Unrecht. Und wenn man das rechtzeitig gewusst und beherzigt hätte, dann könnte man jetzt bereits statt vor der Tastatur in Baku oder dem Rechner in Deutschland für immer irgendwo in der Südsee abhängen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Tatsächlich wurde Loreen in den Wettbüros von Anfang an ganz weit vorne gehandelt. Und auch das Stimmungsbarometer vor Ort in Baku, wenn man mal von der notorischen Begeisterung für die inländische Vertreterin Sabina Babayeva absieht, zeigte für sie steil nach oben.

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Charisma hat die Siegerin auf jeden Fall.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nicht nur auf, sondern auch abseits der Bühne kann man Loreen ein gewisses Charisma nicht absprechen. Nach ihrem Sieg wirkt sie nachdenklich, zurückhaltend und scheu - eine ganz andere Art von Ausstrahlung als sie etwa die quirlige Lena nach dem Triumph in Oslo hatte. Da wir die Schwedin in einer Bilderserie vor dem Contest eher unter ferner liefen verortet und stattdessen weit abgeschlagen gelandete Teilnehmer wie Engelbert Humperdinck für Großbritannien und die Dänin Soluna Samay zum Favoritenkreis gerechnet hatten, steht eines fest: Buchmacher werden wir nicht. Nun also findet der Song Contest 2013 in der Heimat der Eurovisions-Legenden ABBA statt. Wenn das mal nicht endlich der passende Zeitpunkt für eine Wiedervereinigung wäre?!

Dem widerspricht allerdings ein wenig die dritte Lehre: Wiederholungstaten zahlen sich nicht aus. Genauso wenig wie Miniröcke, Pyrotechnik und Augenbinden, wie sie der Litauer Donny Montell getragen hat. Für die irischen Zappel-Zwillinge Jedward reichte es bei ihrem zweiten Eurovisions-Ausflug in Folge gerade noch für den 20. Platz. Siegerin Loreen tat gut daran, auf die Frage, ob sie denn eine Titelverteidigung im kommenden Jahr für denkbar halte, besonnen zu reagieren: "Darüber müssen wir erst einmal reden."

Ja und Nein

Viertens: Was sich auszahlt, ist der Mut Stellung zu nehmen. Dass Anke Engelke bei der Verkündung des deutschen Abstimmungsergebnisses die Größe besaß, in der gebotenen Kürze der Zeit zumindest auf den Zwiespalt der Veranstaltung in Aserbaidschan hinzuweisen, verdient Respekt. Im Stimmen-Wirrwarr und Trubel der "Crystal Hall" in Baku gingen ihre Worte zwar von vielen ungehört unter. Doch die Millionen an den Fernsehschirmen werden sie vernommen haben. Und das ist gut so.

Was schließlich zur fünften und damit zur letzten und schwierigsten Lehre führt - der Lehre aus dem Song Contest in einem Land wie Aserbaidschan. Zunächst einmal: Die "Crystal Hall" ist innen wie außen fantastisch. Die Show war toll und die Idee, den "Green Room" mitten hinein ins Publikum zu verlegen, genial. Wie hautnah sich Zuschauer und Teilnehmer hier wirklich waren, konnte man am Fernsehschirm nur erahnen. Summa summarum: Die Inszenierung war perfekt. Doch leider bleibt das schale Gefühl, dass dies nicht nur im Hinblick auf das musikalische Ereignis zutrifft.

War es also falsch, den Song Contest in Baku auszutragen? Nein. Das kann es eigentlich nicht gewesen sein, wenn man die - echte - Freude, die Begeisterung und den Stolz vieler Menschen darauf, Gastgeber dieser Veranstaltung zu sein, hier erlebt hat. Diejenigen indes, die gleichzeitig die dunklen Schattenseiten des Regimes erfahren mussten und womöglich noch müssen, wenn der ESC-Tross längst wieder abgezogen ist, festgenommen und drangsaliert wurden, werden den Song Contest jedoch ganz anders in Erinnerung behalten.

Ist es richtig, die Missstände in dem Land im Zusammenhang mit einer musikalischen Nippes-Show wie dem ESC lautstark zu thematisieren? Ja. Diese Auseinandersetzung kann jedoch nicht auf dem Rücken der auftretenden Künstler stattfinden. In der Pflicht sind hier vor allem die Politik, die Veranstalter und die Medien, um nachhaltig auf Veränderungen hinzuwirken. Sie sind es, sie waren es und sie werden es sein. Das Regime in Aserbaidschan hat noch einige knallharte politische Hausaufgaben zu erledigen, will es zur Riege der demokratischen Staaten gezählt werden. Den vielen herzlichen Menschen, denen wir in Baku begegnet sind, indes rufen wir zu: Tesekkür edirem und Sag olun.

Quelle: ntv.de