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Das Jenke-Experiment: Demenz Wenn alle auf der Strecke bleiben

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Wie fühlt es sich an, dement zu sein?

(Foto: RTL / Jürgen Schulzki)

Letzte Woche im LSD-Rausch, diese Woche auf der Hypnose-Couch: Jenke von Wilmsdorff beschäftigt sich in der zweiten Folge von "Das Jenke-Experiment" mit einer Volkskrankheit, der "Angst vor dem Vergessen".

Nach seinem Eintauchen in die Welt der Drogen verabschiedet sich Jenke von Wilmsdorff in dieser Woche in Sphären, in denen es gegensätzlicher kaum zugehen könnte. Es geht für Jenke dorthin, wo für mehr als 1,6 Millionen Deutsche das Gestern so weit weg ist, dass man die Erinnerung daran nicht mehr zurückholen kann. In diesen Gefilden regiert eine schleichende Krankheit, die nach und nach das größte und wertvollste Gut eines jeden Betroffenen verschwinden lässt: Die Erinnerungen. Ihr Name: Demenz. Mit Hilfe eines professionellen Hypnotiseurs will Jenke herausfinden, wie es sich anfühlt, wenn man in einem mentalen Labyrinth umherirrt, aus dem es keinen Ausweg gibt.

Auf der heimischen Couch liegend, driftet Jenke im Beisein seiner Ehefrau innerhalb von wenigen Sekunden in einen Trance-ähnlichen Zustand ab. Der Hypnosetrainer hat ganze Arbeit geleistet. Jenke ist wie weggetreten. "Welchen Tag haben wir heute?", wird er gefragt. Jenke schweigt. Dann stottert es aus ihm heraus: "Ich weiß es nicht." Seine Stimme wird brüchig. Der Moment der Realisierung lässt Jenke die Tränen in die Augen schießen. Angst übermannt ihn. Später sagt er: "Mein Kopf war leer. Ich war wie benommen. Es fühlte sich an, als wäre ich gelähmt."

Für viele Deutsche gehört dieser Zustand zum Alltag. Bis zu 800 Neuerkrankungen gibt es täglich. Tendenz steigend. Für den Demenzforscher Prof. Dr. Haass ist diese Entwicklung keine Überraschung: "Wir werden immer älter. Und je älter wir werden, desto höher ist das Risiko, an Demenz zu erkranken", sagt der erfahrene Wissenschaftler.

"Ich lebe in meiner Welt"

Für Jenke dauert die Reise in den Abgrund des Vergessens nur 24 Stunden. In dieser Zeit stolpert er durch den Tag wie ein inhaltloses Abziehbild seiner selbst. Immer wieder drückt eine fremde Kraft den Erase-Button in seinem Gehirn. So gibt es zum Mittag keine Spaghetti mit Garnelen, sondern nur Spaghetti mit Tomatensauce. Die Hauptzutat hat Jenke nämlich einfach vergessen mit in den Einkaufskorb zu legen. Und beim späteren Radio-Interview fällt ihm nicht ein, was er bisher so den lieben, langen Tag getrieben hat. Von seinen Abendplänen ganz zu schweigen. Alles weg. Jenke kann sich nicht erinnern.

Mit zunehmender Experiment-Dauer steigt auch das Stress-Level. Die Situation ist ihm regelrecht peinlich. Er fühlt sich isoliert, beobachtet, wie ein "Fremdkörper": "Ich lebe in meiner Welt. Und ihr lebt in einer anderen", gibt er verunsichert zu Protokoll.

Willkommen in der Demenz-WG

Doch wie müssen sich erst all die Menschen fühlen, die den Rest ihres Lebens mit dieser Krankheit verbringen müssen? Fünf Gladbecker Frauen im Alter zwischen 58 und 93 Jahren haben Glück im Unglück. Sie bewohnen eine 24 Stunden betreute "Demenz-WG". Dort ist auch Jenke fünf Tage zu Gast. Es wird gesungen und gespielt. Auf dem Tisch steht leckerer Milchreis mit heißen Kirschen.

Natürlich gibt es auch Tage, an denen die Sonne hinter grauen Wolken verschwindet. Aber meistens begegnet man in Gladbeck jeden neuen Tag mit einem Lächeln im Gesicht: "Vergessen? Ach, dat tun wir doch irgendwie alle", schallt es durch die WG-Küche.

Demenz trifft keine Auslese

Anderswo wiegt die Last schwerer. Die 45-jährige Tina Dörfler führt schon lange keine "normale" Ehe mehr. Ihr 63-jähriger Ehemann verabschiedet sich jeden Tag ein kleines Stückchen mehr aus dem einst so strahlenden Familienleben. Tina ist am Ende. Eigentlich kann sie schon lange nicht mehr. Sie lebt nur noch für ihren Mann. Ein eigenes Leben? "Das habe ich nicht mehr. Ich bin irgendwann auf der Strecke geblieben", bricht es unter Tränen aus ihr heraus.

Die Volkskrankheit Demenz trifft keine Auslese. Sie lässt Betroffene und Angehörige gleichermaßen leiden. Und es trifft nicht "nur" die Ältesten unter uns. Der 11-jährige Pascal ist gerade mal viereinhalb, als bei ihm eine äußerst seltene Form von Kinder-Demenz diagnostiziert wird. Jeder Tag könnte der letzte im Leben von Pascal sein.

Doch es gibt auch Hoffnung, wie Prof. Dr. Haass zu berichten weiß: Man arbeite schon seit geraumer Zeit fieberhaft an einer Impfung gegen Demenz. Aber noch lässt der große medizinische Durchbruch auf sich warten.

In einem kleinen italienischen Mittelmeerdorf stößt Jenke am Ende seiner Recherchen auf einen weiteren Hoffnungsschimmer. Hier leben unzählige alte Menschen, von denen noch keiner an Demenz erkrankt ist. Mit ein Grund dafür, sei das mediterrane Klima, die gesunde Küche der Region und ganz wichtig: Gelassenheit und ein stressfreies Miteinander. In diesem Sinne: Puls runterfahren, öfter mal entspannt durchatmen und einfach in den Tag hinein leben. In Italien ist man sich sicher: So bleiben alle Erinnerungen auf ewig erhalten.

Quelle: n-tv.de

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