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Mehr Pomologe als Geistlicher Das Vermächtnis des Apfelpfarrers Korbinian Aigner

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Der Apfel ist eine ganz besondere Frucht.

(Foto: REUTERS)

Sein Leben lang zeichnete Korbinian Aigner immer Äpfel oder Birnen: kleine, große, gestreifte, gefleckte, runde, spitze, grüne, gelbe, rote, glänzende, schiefe, glatte oder schrumpelige Früchte. Seine ebenso liebevoll wie exakt gemalten Tafeln sind heute die Grundlage für pomologische Lexika und ein wahrer Augenschmaus.

Schaut man in einen ganz normalen Supermarkt, möchte man meinen, es gäbe nur drei, vier Apfelsorten in Mitteleuropa. Denn außer Golden Delicious und Royal Gala ist dort kaum ein Apfel zu bekommen. Steht man jedoch auf den alten Streuobstwiesen, reibt man sich verwundert die Augen. Äpfel in allen nur denkbaren Gelb-, Grün- und Rottönen, groß wie Kinderköpfe oder klein wie Babyfäuste, mit hellem oder ganz dunklem Fruchtfleisch, kräftiger Säure oder einem Hauch Vanille.

Wer sich auf diese Vielfalt einlässt, ist schon mittendrin in der Welt von Korbinian Aigner. Der 1885 geborene Sohn eines bayrischen Großbauern musste als ältestes von elf Kindern Geistlicher werden, eine Rolle, in die er sich nur schwer einfand. Dies belegt die Tatsache, dass er bereits 1911 zum Priester geweiht wurde, jedoch erst 1931 eine Pfarrstelle antrat.

Dem zu diesem Zeitpunkt  bereits 46-Jährigen wurde nicht nur eine allzugroße Schwäche für das weibliche Geschlecht nachgesagt. In den Bewertungen seiner Vorgesetzten wird auch immer wieder kritisch angemerkt, dass sich Aigner mit allzu großer Leidenschaft dem Obstbau widme. "Mehr Pomologe als Pfarrer" urteilt beispielsweise das bischöfliche Ordinariat.

Kein "stummer Hund"

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Das Buch ist bei Matthes & Seitz erschienen und kostet 98 Euro.

Da verwundert es auch nicht besonders, dass dieser eigenbrötlerische Pfarrer mit den Nazis in Konflikt gerät. Im Juni 1934 muss er das erste Mal eine Geldstrafe zahlen, weil er gesagt haben soll, der SA sehe man an, dass "keine Gescheiten dabei seien". Er hisst keine Hakenkreuzflagge, er läutet die Glocken zum "Friedensappell" des Führers nicht, in seinen Predigten kritisiert er die Nationalsozialisten. Er will kein "stummer Hund" sein.

1940 wird er denunziert und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, ein Jahr später kommt er ins Konzentrationslager Dachau. Im sogenannten Priesterblock, also den Baracken, in denen die Geistlichen inhaftiert wurden, züchtet er aus Apfelkernen winzige Sämlinge und macht sich so seine eigene Baumschule. Im April 1945 gelingt ihm auf dem Todesmarsch die Flucht.

Über die Zeit im KZ spricht er kaum, doch er malt Apfel- und Birnenbilder. Bis zu seinem Lebensende wird er 649 Apfelsorten und 289 Birnensorten gezeichnet haben. Möglicherweise waren es sogar noch mehr, doch diese beinahe Tausend farbigen Tafeln sind erhalten und bilden heute das größte bekannte pomologische Bildarchiv.

Ein Liebhaberbuch

In einem herrlich eigenwilligen Buch liegen all diese Bilder nun vor und  bescheren dem kleinen Verlag Matthes und Seitz so etwas wie einen Bestseller. "Äpfel und Birnen - Das Gesamtwerk" ist ein Bildband, ein pomologisches Fachbuch und eine Schatzkiste gleichermaßen.

In einem spannenden Vorwort mutmaßt Julia Voss über die Beweggründe Aigners, die Früchte zu malen. War es ein theologischer Ansatz, weil er die Früchte ohne jede Berücksichtigung ihrer wirtschaftlichen Nutzbarkeit auswählte? Er malte hässliche und schöne Äpfel, glatte und beulige, schmackhafte und weniger leckere. Oder war es doch biologisches Interesse? Warum verzichtet er dann aber darauf, das Kernhaus zu zeigen und zeigt die Äpfel und Birnen nicht durchgängig im gleichen Maßstab?

Möglicherweise verwendete Aigner die Bilder einfach nur, um mit Schulkindern oder Bauern über die Sorten ins Gespräch zu kommen. Dafür spräche, dass viele Bilder an den Ecken abgestoßen sind, so als wären sie immer wieder in die Hand genommen worden. In seinem Testament vermachte er sein Bildarchiv dem Lehrstuhl für Obstbau der Technischen Universität München. Auf der Documenta 13 waren Korbinian Aigners Bilder als Konzeptkunst zu sehen. Vielleicht kommt ihm das tatsächlich am nächsten, Aigner als Künstler zu sehen. Als Künstler, der sich an der Poesie von Wintergoldparmäne (Nummer 124) oder Rotem Herbstkavill (Nummer 27) erfreute und sie aus Lust aufs Papier brachte. Und den die Eintönigkeit in deutschen Apfelkörben zu Tode gelangweilt hätte.

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Quelle: ntv.de

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