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"Der Bildhauer" von Scott McCloud Ein Teufelspakt, in Stein gemeißelt

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Hauptfigur David hat einen Albtraum: Die gesamte Stadt gerät ins Kippen und alle Menschen stürzen ins Leere.

(Foto: Scott McCloud / Carlsen Verlag 2015)

David wäre gern ein berühmter Bildhauer. Der Teufel kann helfen - gibt dem Künstler aber nur noch 200 Tage zu leben. Das sollte reichen, denkt David. Wenn nur nicht dieser Engel dazwischenfunken würde.

Der Teufelspakt hat eine lange literarische Tradition, man denke nur an Faust oder Dorian Gray. Sogar in der Popkultur hat er sich durch Robert Johnson einen festen Platz erobert. Der Blues-Musiker soll einst mit Hilfe des Teufels zum begnadeten Gitarrenspieler geworden sein. Dann starb er mit 27 Jahren - wie genau ist bis heute unklar.

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David testet seine neuen Fähigkeiten: Er kann selbst härteste Materialien ohne Probleme verformen.

(Foto: Scott McCloud / Carlsen Verlag 2015)

Der Tod steht auch David bevor, in 200 Tagen. Denn auch er ist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen. Dieser hat dem jungen Bildhauer dafür die Fähigkeit verliehen, mit seinen Händen Materialien zu formen, wie es ihm beliebt, egal ob es um Marmor, Stein oder Eisen geht. Nur mit der Liebe hat David nicht gerechnet - sie erwischt ihn in Form eines vermeintlichen Engels und lässt ihn neuen Lebensmut schöpfen. Doch auch der Teufel bringt sich immer wieder in Erinnerung.

Liebe, Tod und Kunst

Große Themen sind das, die Scott McCloud in seiner Graphic Novel "Der Bildhauer" behandelt: Liebe, Tod und Kunst. Der amerikanische Zeichner scheint alles in dieses Buch hineinlegen zu wollen. Aber die Erwartungen sind auch groß, denn McCloud ist einer der bekanntesten Theoretiker der Comickunst. Seine Bücher "Comics richtig lesen" und "Comics machen" gelten als Klassiker und haben Millionen Leser gefunden. Doch macht das McCloud auch zu einem großartigen Comiczeichner und Geschichtenerzähler?

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David und Meg - Liebe mit Hindernissen.

(Foto: Scott McCloud / Carlsen Verlag 2015)

Den großen Druck empfand McCloud als positiv, wie er im Gespräch mit n-tv.de erklärt: "Druck kann ein Geschenk sein, denn wenn man nur wenige Möglichkeiten hat, dann denkt man auch nur an die Arbeit und lässt sich nicht ablenken." Jahrzehntelang hat er die Idee zu diesem Buch in sich getragen, seit einer Zeit, als es noch kein Internet gab. Deshalb erscheint der Comic auch als umfangreiches Buch, das fast wie ein Ziegelstein in der Hand liegt - bei McCloud, einem Vorreiter für Webcomics, ist das durchaus eine Überraschung.

Interessanter ist jedoch, wie McCloud mit seinen eigenen Theorien zum Comicmachen umgegangen ist. "Als ich das Projekt begann, war es mir wichtig, dass die Geschichte ohne großes Nachdenken auf natürliche Weise aus mir herausfloss", sagt er. Erst als das Grundgerüst stand, habe er seine Prinzipien angewandt, die Geschichte analysiert und Schwachstellen verbessert.

Aus der eigenen Erfahrung geschöpft

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Mehr als Schwarz-Weiß: McCloud setzt das Blaugrau als Stilmittel ein.

(Foto: Scott McCloud / Carlsen Verlag 2015)

Dass die fast 500 Seiten starke Geschichte um den Künstler David aus formaler Sicht sehr ausgefeilt daherkommt, ist also kein Wunder. McCloud weiß, wie man das Tempo variiert oder den Lesefluss lenkt - Panelfolge und Seitenarchitektur setzt er als Stilmittel ein. Seine realistischen Zeichnungen sind bis in die Hintergründe ausgefeilt gestaltet, wenn auch manchmal sehr plakativ. Zudem gibt es neben Schwarz noch eine zweite Farbe: ein Blaugrau, das den melancholischen Ton der Geschichte unterstreicht. Damit könne man Formen, aber auch Motive der Charaktere besser herausarbeiten, erklärt McCloud. Man sieht das etwa in einer Party-Szene, in der eine Frau durch schwarze Farbgebung hervorsticht. Das zieht nicht nur die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich. Die Hervorhebung steht auch für den Blick von David, der die Frau verfolgt.

Ein Großteil des Comics ist aus Davids Perspektive erzählt, dem wankelmütigen Künstler. Mit seiner neuen Gabe, Materialien nach Belieben zu formen, wird er zu einer Art Superheld. Er möchte etwas Bleibendes schaffen, nur weiß er nicht so recht, seine Fähigkeiten einzusetzen. David fehle eine Person, die ihn in eine Richtung lenke und eine Perspektive gebe, sagt McCloud. "Das bringt ihn fast um." Doch dann trifft er Meg, die sein Leben verändert. Diese Erfahrung hat McCloud als junger Mann selbst gemacht - er traf seine heutige Frau Ivy, die das Vorbild für Meg im Buch ist.

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"Der Bildhauer", Carlsen-Verlag, 496 Seiten im Hardcover, 34,99 Euro (D).

Überhaupt sei die Geschichte "eine Zusammenarbeit zwischen meinem jungen und meinem alten Ich", erklärt McCloud. Als 25-Jähriger sei er viel mehr wie sein Protagonist gewesen. "Ich hatte viele Ideen über die Welt, über Kunst, Tod und Leben." Mit 50 Jahren habe er dagegen die Welt und die nicht immer gradlinigen Lebenswege viel besser akzeptieren können. Sein Buch bezeichnet er als Mischung aus der Vitalität und Leidenschaft seines jüngeren Ich und der Weisheit und Akzeptanz des älteren.

"Mehr als nur Worte"

Der Zeichner lässt sich Zeit, beide Seiten darzustellen. McCloud baut seine Geschichte sehr langsam auf, immer wieder kreist sie um dieselben Themen, immer wieder sieht man David, wie er grübelt und mit sich und der Welt hadert. Diese Vorgehensweise ist Absicht. "Ich denke, so baut man eine gute Geschichte auf: ruhig und geduldig", sagt McCloud. Schon in der Eingangsszene in einem Café gibt er den Rhythmus echter Gespräche wieder. "Es geht dabei um mehr als nur Worte", erklärt er. "Es geht um Interaktionen, Blicke zur Seite, den Griff ins Gesicht." Um große Momente aufzubauen, brauche man eben Zeit.

Dazu gehört auch, dass David immer wieder zweifelnd und grübelnd gezeigt wird. Diese Geduldsprobe für den Leser hat McCloud bewusst eingebaut. "Ein Charakter kämpft und kämpft, aber er macht immer wieder denselben Fehler", erklärt er. "Das kann frustrierend sein, es kann einen verrückt machen, man möchte David am liebsten eine runterhauen. Aber: So verhalten sich Menschen nun mal." Das klingt überzeugend. Nur ist die Handlung des Comics zu überladen, um diesen Aspekt wirklich herauszuarbeiten. Sie franst nach dem gelungenen Start im Mittelteil des Buches aus, verliert sich und lässt Spannung und Stringenz vermissen.

Neben Teufelspakt und Liebesbeziehung geht es noch um die Oberflächlichkeit der Kunstwelt, um das anonyme Leben in der Großstadt, schließlich um den Umgang mit Depressionen, an denen Meg erkrankt. Erst am Ende, als der Teufel seinen Preis einfordert, findet die Geschichte wieder zu sich selbst, kommen noch einmal Tempo und Spannung auf. "Der Bildhauer" ist zwar ein formal überzeugendes Buch, hat aber erzählerische Schwächen. Es ist wie bei einem Pakt mit dem Fürsten der Unterwelt: Der Teufel steckt im Detail.

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Quelle: n-tv.de

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