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Zimtschnecke statt Leiche Man kann dem Essen nicht immer trauen

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Kleine Momente des Glücks: Viveca Sten unterwegs im Schärengarten.

(Foto: Copyright © Jeppe Wikström)

Sandhamn, eine malerische Schäre vor der schwedischen Küste. Die Idylle trügt, zumindest in den Krimis von Viveca Sten. Doch auf Sandhamn wird nicht nur gemordet, sondern auch gern gegessen. In ihrem ersten Kochbuch verrät die Bestsellerautorin ihre Lieblingsrezepte, garantiert giftfrei.

Mein Weg zu diesem wunderbaren Kochbuch "Schärensommer" führt über etliche Leichen. Denn eigentlich schreibt die schwedische Autorin Viveca Sten Krimis. Sie spielen fast ausschließlich im Schärengarten, dieser Naturidylle vor den Toren Stockholms. Anfang April sind zeitgleich bei Kiepenheuer & Witsch der sechste Fall von Kommissar Andreasson und Stens erstes Kochbuch erschienen. Die Sandhamn-Krimireihe feiert seit Erscheinen des ersten Buches 2008 weltweit Erfolge; das schwedische Fernsehen produzierte aus den ersten Fällen eine erfolgreiche Miniserie, die unter dem Titel "Mord im Mittsommer" auch im ZDF lief.

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Das 6. Buch der Sandhamn-Paperback-Reihe hat 400 Seiten und kostet 14,99 €.

(Foto: Kiepenheuer&Witsch)

In "Tod in stiller Nacht" ermitteln Thomas Andreasson und seine Kollegen im Fall einer ermordeten Journalistin. Natürlich ist auch Thomas' Jugendfreundin Nora wieder mit auf der Spur; dabei hat sie selbst ernsthafte Probleme, bei denen die mit ihrem sich wieder anschleichenden Ex-Mann Hendrik sowie ihren pubertierenden Sprösslingen die geringsten sind. In diesem bisher wohl spannendsten Band der Andreasson-Reihe gibt es den ganz normalen verdammten Alltag: Stress auf der Arbeit und falsche Hoffnungen, maulende Gören, die meistens tun, was sie nicht tun sollten, Rassismus und Fremdenhass, mal dumpf und brutal, mal politisch eingeschleimt, übergriffige Chefs und kriminelle Banken. Und eben auch Mord.

Aber auch Hoffnung trotz der Leiche am friedlichen Weihnachtstag, denn auch unter Schwedens Wintersonne gibt es glückliche Familien und Fürsorge, Kollegialität und Zivilcourage. Und Liebe, darum geht es doch eigentlich immer im Leben, aber auch Liebe, die in Hass umschlägt. Viveca Sten erzählt die Geschichte locker, teils mit trockenem Humor; die Charaktere auch der Nebenfiguren wie die des ewig brummigen Pathologen, des kuchensüchtigen Chefs, der neuerdings Möhren mümmelt, von Erik oder dem Neuen im Team, Aram, sind überzeugend. Häufiger Perspektivwechsel hält die Spannung von Seite zu Seite, bis zum Schluss, bis sich in einer unerwarteten Wendung alles erklärt. Die Autorin liefert Unterhaltung im besten Sinne - und endlich gibt es mal einen Kommissar aus dem hohen Norden, der weder mürrisch noch schlampig ist, keine kranke Seele und kein Alkoholproblem hat. Und noch dazu aussieht wie Brad Pitt! Was nicht heißt, dass Thomas Andreasson nicht auch vom Leben gebeutelt wurde, nicht schon mal dem Tod von der Schippe gesprungen ist und schmerzhafte Verluste hinnehmen musste. Die Schicksale der Haupthelden Thomas und Nora werden von Buch zu Buch weiterentwickelt. Deshalb lohnt es sich, die Bücher in der richtigen Reihenfolge zu lesen, vom tödlichen Mittsommer im ersten Fall bis zum jetzt vorliegenden Tod am Heiligen Abend. Erfreulicherweise gibt der Verlag die Reihenfolge aller vorliegenden Andreasson-Fälle mit an. Die deutsche Übersetzung (hervorragend: Dagmar Lendt) des in Schweden bereits erschienenen siebten Falls ist in Vorbereitung. Das lässt hoffen, denn Viveca Sten entlässt den Leser im sechsten Fall zwar mit der Aufklärung der Morde, aber Noras weiteres Schicksal bleibt im Dunkel.

Schärianer essen lieber

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Wer keine Muurikka zum Grillen hat, nimmt eine normale Eisenpfanne: Schärengarten-Filet mit Kabanossi.

(Foto: Lena Eriksson)

"Es gibt keine unschuldigen Stellen mehr auf der Insel", sagt Viveca, deshalb laufe ein großer Teil der Geschehnisse beim sechsten Fall nicht auf Sandhamn ab, sondern in Stockholm. Einer ihrer Insel-Nachbar habe ausgerechnet, dass sie in ihren Büchern schon fünf Prozent der Insulaner gemeuchelt habe. "Stockholmer gibt es mehr", unterstreicht Viveca ihre Entscheidung. Die malerische Schäreninsel hat nämlich nur 89 ständige Einwohner. In der Saison kommen dann noch 3000 "Sommerschweden" und 150.000 Tagestouristen, Verwandtenbesucher, Mittsommernachtsgäste und, und, und dazu. Diese Menschenmenge hat eigentlich genug Potential, aber wir sind ja auch erst beim siebten Fall.

Bis zum zehnten Fall für Thomas Andreasson habe sie schon vorgedacht, verrät die Autorin, mehr aber auch nicht. Ich lerne sie in Berlin kennen, wo ich sie wegen der beiden Neuerscheinungen treffe. Sehr sympathisch, quicklebendig und kommunikativ, zierlich und brünett; vom Äußeren her führt Viveca Sten das "Schweden-Klischee" von groß und blond ad absurdum. Mit ihr zu sprechen und zu essen macht großen Spaß. Sie selbst findet, dass in ihren Krimis zu wenig gegessen wird, denn "wir essen viel und gern in den Schären". Und ergänzt mit spitzbübischem Augenzwinkern: "Aber man kann dem Essen nicht immer trauen …" Womit wir die tiefgefrorene Leiche in "Tod in stiller Nacht" und die Lösung des kniffligen Falls lieber Andreasson & Co. überlassen - und uns den Lieblingsrezepten von Viveca und ihren Insel-Freunden im "Schärensommer"-Kochbuch zuwenden. Allesamt so unkompliziert wie lecker und vor allem überhaupt nicht tödlich!

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Das großformatige, gebundene Kochbuch hat 191 Seiten, viele Fotos und kostet 19,99 €.

(Foto: Kiepenheuer&Witsch)

Schon das Foto auf dem Einband macht große Lust, sich mit an den Tisch zu setzen und Krebse ohne Ende zu futtern. Im Innern machen großformatige Bilder, oft doppelseitig, eindrucksvoll sichtbar, wovon die Autorin erzählt. Die wunderschönen Naturfotos stammen von Jeppe Wikström, der gemeinsam mit Viveca Sten die Idee zu dem Buch über die Schären, ihre Menschen und deren Kochkünste verwirklichte. Food Stylist Tove Nilsson setzte die Rezepte praktisch um; jedes Gericht hat ein eigenes großes Foto von Lina Eriksson bekommen. Auf jeder Seite spürt man den Spaß, den alle Beteiligten zweifelsfrei hatten: "… und ich sage euch, unsere Nachbarn waren glücklich, als wir in meiner Küche auf Sandhamn alles probegekocht haben!" Das glaube ich sofort, ich bekam schon Hunger von Lesen und Gucken!

Vivecas Bullerbü

Der Schärengarten vor Stockholm besteht aus 24.000 kleinen Inseln in der Ostsee, die meisten unbewohnt, alle felsig bis auf das sandige Sandhamn. Sieben der bewohnten Inseln stellt Viveca Sten vor - die größeren Sandhamn, Södermöja und Harö, dazu die Insel des Naturmalers Bruno Liljefors, Bullerö, sowie die klitzekleinen Grönskär und Lygna am Schärenrand und Svenska Högarna, eine der entlegensten Inseln Schwedens. "Schärensommer" liest sich glatt weg, wenn Viveca erzählt: wie viele Arten von Blau Himmel und Meer zeigen, wer bei Frederik Ruhe sucht, was Sarah, die fröhlichste Leuchtturmwärterin in ganz Schweden, am liebsten tut, warum Tarzan auf Lygna so verdammt gefährlich lebt und warum in den Schären der Schnaps "besungen" werden muss. Am besten die halbe Nacht durch, sofern die Nachbarn oder die Kinder nicht protestieren. 

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Pflücken, bis die Finger lila sind: Blaubeerbullar mit Mandelmasse.

(Foto: Lina Eriksson)

Auf Sandhamn hat Vivecas Familie seit 1917 ein Haus, das ihr Urgroßvater gekauft hatte. Seither verbringen alle Generationen den Sommer auf Sandhamn, nunmehr bereits die fünfte. Sie wohnen "wie in Bullerbü, fünfzig Meter weiter wohnt Opa und dreißig Meter weiter die Cousins und Cousinen…" Und dann wird gemeinsam gekocht, gegessen und gefeiert. "Es wäre vielleicht übertrieben zu sagen, dass sich hier das ganze Leben ums Essen dreht", schreibt Viveca. Aber fast, denn es gibt ja so viel Leckeres. Insgesamt 60 Lieblingsrezepte aus den Schären beinhaltet das Buch, viel Fisch natürlich, aber auch Fleisch, Süßes und Grünes sind dabei. Sogar das Rezept ihres Ehemannes Lennart für "Aufgesetzten". Das ist der Schnaps, nach dem man so gut und laut singen kann, und von dem einem laut Viveca die Gesichtszüge entgleisen. Deshalb verrät sie auch ein paar abgeschwächte Varianten. "Einige dieser schönsten Sandhamn-Erinnerungen stammen von eben diesen Mahlzeiten, wenn wir zusammensitzen, bis der Himmel sich orangerot färbt und die Sonne am Horizont untergeht. Das Meer ist so glatt, dass es an dunkellila Seide erinnert, und die Inseln scheinen auf der blanken Oberfläche zu schwimmen. Kleine Momente des Glücks."

Angesichts der falunroten Holzhäuser auf den fantastischen Fotos, der zerklüfteten Felsen, naturbelassenen Wiesen, von Menschen, Tieren, weißen Segeln inmitten eines Wahnsinns-Blau der Ostsee kann jeder diese Liebeserklärung an die Schären verstehen. Auch Vivecas Mahnung zum Schluss des Buches, einen der schönsten Archipele der Welt zu bewahren: "Ein lebendiger Schärengarten braucht viele gute Köpfe - vom Sommergast, der seinen Müll trennt, bis zum findigen Inselbewohner, der neue Möglichkeiten sieht."

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"Ich malte mir aus, wie es wäre, eine Leiche im seichten Wasser zu finden."

(Foto: Jeppe Wikström)

"Bei mir stellt sich sofort ein Glücksgefühl ein, wenn ich an Bord der Fähre gehe, die uns zur Insel bringt; endlich sind wir auf dem Weg nach draußen. Wenn der schmale Sund auftaucht, die roten Häuser und die weißen Bojen, die an den Stegen auf den Wellen tanzen, wird mir warm ums Herz." All das erinnert an einen eigenen Urlaub und macht Lust auf den nächsten. Vielleicht auf Sandhamn? Denn wer nun glaubt, literarische Leichen schrecken ab, der irrt gewaltig. Im Gegenteil: Vivecas fantasievolle Mord- und Totschlag-Geschichten ziehen magisch an und die kleine Insel profitiert davon. Möglicherweise trifft man beim Spazierengehen am Weststrand auf die Autorin, der dort zum ersten Mal die Idee kam, einen Kriminalroman zu schreiben.

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Quelle: ntv.de