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Männer leiden still "Na, ihr Pussies?"

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"Oh Mann, ich habe Fieber! Wer ruft jetzt meine Mama an?"

(Foto: picture alliance / Andreas Geber)

Als Mann Mitte 40 hat man es nicht leicht - weder im Job noch zu Hause in der Familie. Jan Weilers Kommissar Kühn weiß das und er tut etwas dagegen, liest einen Männlichkeitsratgeber, macht Diät, hat Hunger, ist gereizt. Klappe, Muschi!

Ein Mann leidet leise. Das liegt in den Genen. Früher, als er noch Mammuts gejagt und so für das Überleben der ganzen Sippe gesorgt hat, hätte der leiseste, weinerliche Laut tödlich sein können. Beim ersten Niesen ist also Vorsicht geboten. Die Frauen verstehen das nicht, sofort wird süffisant das Wort "Männergrippe" in den Mund genommen. Der leise leidende Mann bleibt bei den Fakten: Er greift zum Fieberthermometer, steckt es sich unter den Arm, wartet und hält der Frau dann triumphierend die rote 40 entgegen. Es sind aber nur 37,8 Grad, der Blickwinkel hat etwas verfälscht. Egal, das leise Leiden geht weiter.

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Jan Weiler: Schriftsteller und Kolumnist.

(Foto: Tibor Bozi)

Auch Martin Kühn leidet leise und für sich. Er ist Kommissar in München, verheiratet, Vater zweier Kinder und Mitte 40. Sein BMI liegt etwas über der Normalnorm, sein Blick auf das Wesentliche wird von einem Bauch behindert. Seine Kondition war früher besser in Schuss, ebenso sein Körper. Und da gibt es ja noch das Problem mit seiner Prostata. Irgendetwas ist da, der Amtsarzt hat Kühn zum Proktologen geschickt, wo er aber nie aufgetaucht ist. Warum auch? Das ändert doch nichts: Er ist immer noch der Mann, der seine Frau einmal betrogen hat, dessen Gehalt hinten und vorne nicht reicht und in dessen Keller eine chemische Bombe tickt, die sein noch gar nicht allzu altes, fremdfinanziertes Eigenheim auf der Weberhöhe in München wertlos macht. Schlimme Sache das.

"Ho, ho, hu - Du geiler Typ!"

Also greift er zu einem Männlichkeitsratgeber irgendeines unbekannten belgischen Autors. Obwohl, so unbekannt ist der gar nicht mehr, denn sein Buch steht in Deutschland auf den Bestsellerlisten und wird in den Zeitungen und im TV hoch und runter diskutiert. Kühn liest es heimlich, auch wegen der darin enthaltenen Diät und den täglichen Tipps: "Ho, ho, hu - du geiler Typ!" Diese Worte dem morgendlichen Spiegelbild entgegengeschleudert - und der Tag kann nur ein guter werden.

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Kühn hat Hunger: Roman
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Sind Männer wirklich so einfach gestrickt und so durchschaubar? Der Männlichkeitsratgeber macht es glauben: erst einmal Null-Diät. Nur Wasser mit etwas Ingwer. Tagelang. Genau, da wird Mann hungrig. Kühn auch. Seine Familie, seine Arbeitskollegen, seine Mitmenschen um ihn herum bekommen das auch zu spüren: Ist eine Frau, die ihre Tage und nicht gut geschlafen hat, schon eine tickende Zeitbombe, ist ein Mann, der hungert und sein abendliches Feierabendbier ungeöffnet stehen lassen muss, mindestens das Gleiche. Kühn muss aber einen Mord aufklären: Eine junge Frau wurde tot in einer Sickergrube einer Baustelle gefunden. Sie hatte ihr Leben noch vor sich - im Gegensatz zu Kühn, wie er selbst manchmal denkt.

Gefühle raus lassen!

Also weiter im Männlichkeitsratgeber: Einfach mal ins Büro gehen und rufen: "Na, ihr Pussies?!" Guter Tipp, denkt Kühn, dem vor allem sein Kollege Steierer gehörig auf den Sack geht, denn sie beide buhlen um einen Posten eine Etage höher und deutlich besser bezahlt. Wenn Kühn diesen Job kriegt, dann könnten sich seine Probleme in Luft auflösen. Nicht alle, aber so einige. Aber wir sind hier ja nicht bei "Wünsch dir was", sondern bei Jan Weilers drittem Kühn-Roman "Kühn hat Hunger".

Mann Mann Mann

"Du bist Sparta! Du trägst Sandalen! Ab morgen erscheinst du in Sandalen zum Anzug! Leg die Füße auf den Konferenztisch! Und wenn dich jemand kritisiert, dann gibst du mit dem groben Keil zurück: Klappe, Muschi! Sowas darf man sagen, wenn man ein Mann ist. Auch zu Männern übrigens. Trau dich! Die Wirkung wird dich überraschen. Ebenfalls überraschend: Du kannst auch im Winter Sandalen tragen. Mit dicken Socken ist das überhaupt kein Problem. Und wenn du dich mal langweilst mit dem Outfit, kannst du variieren: Es gibt nämlich auch sehr gute Badelatschen! Aber hier hat meine Toleranz natürliche Grenzen: Badelatschen immer, aber Flipflops nie. Nie. Nie!"

Kühn hat Hunger auf das Leben. Auf sein altes Leben: Auf ein Motorrad, spontane Spitztouren, Festivalbesuche, Rockmusik. Früher war halt doch alles besser: Seine Kinder sahen in ihm noch eine Respektsperson. Seine Frau liebte ihn und er liebte sie. Gut, das ist eigentlich immer noch so. Bei beiden. Vielleicht sollte er ihr das mal wieder sagen? Wie sehr er sie doch noch immer liebt, selbst nach rund 20 Jahren Ehe? Ja, das sollte er. Aber was sagt der Männlichkeitsratgeber dazu? Mann sein, den Macker raushängen lassen, Entscheidungen einfach treffen und nicht etwa Kompromisse diskutieren. "Du bist der Mann!"

Leise leiden - und darüber reden!

Kühn entscheidet sich anders. Zugegebenermaßen erst sehr spät - aber eben noch nicht zu spät. Er lässt den Männlichkeitsratgeber Männlichkeitsratgeber sein, was gut so ist, denn es war kein Belgier, der ihn verfasst hat, sondern eine aus Frauen bestehende niederländische Comedy-Truppe. Irgendwie hat es Kühn schon geahnt. So maskulin wie zu seinen Vadders Zeiten ist die Welt schon lange nicht mehr. Gut so, denkt Kühn.

Der Mann hat sich weiterentwickelt. Probleme mit sich selbst ausmachen? Wozu hat Mann denn Frau und Kinder?! Wozu heißt es denn: in guten wie in schlechten Zeiten? Probleme ansprechen, miteinander reden, diskutieren - das macht der Mann von heute. Aber leise leiden ist irgendwie immer noch schön.

Quelle: n-tv.de

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