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Mehr als Verzicht auf Fleisch Veganer schauen über den Tellerrand

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Vegane Ernährung ist schon mehr Mainstream, als mancher denkt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Veganer sind freudlose Menschen, die gern verzichten und ohne Genuss leben. So lautet die weit verbreitete Meinung über Personen, die sich für ein Leben ohne tierische Produkte entscheiden. Doch Veganismus ist längst mehr als ein außergewöhnlicher Lebensstil.

Veganer sind längst keine Außenseiter mehr. In Deutschland gibt es rund 800.000 Menschen, die sich bewusst für ein Leben ohne tierische Produkte entschlossen haben. Die Motivationen sind so verschieden wie die Menschen selbst. Vegan zu leben bedeutet für die meisten von ihnen nicht nur, auf Eier, Fisch und Milchprodukte auf dem Teller zu verzichten, sondern auch Alternativen zu Lederschuhen, Federbetten, herkömmlicher Kosmetik und Waschmitteln zu finden. Wie spannend es sein kann, Neues zu entdecken und sein Leben so zu verändern, dass auch das Leben von Tieren anerkannt und hochgeschätzt wird, erzählen aktive Wegbereiter einer Szene in "Go vegan! – Warum wir ohne tierische Produkte glücklicher und besser leben".

Marlene Halser lässt als Herausgeberin in ihrem Buch knapp zwei Dutzend Veganer zu Wort kommen, die sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Da erzählen Anne Bonnie Schindler und Sara Rodenhizer davon, wie sie sich bewusst für die Eröffnung eines veganen Sexshops entschlossen haben, Raphael Fellmer erklärt, wie er ohne Geld sich und seine Familie ernährt und gleichzeitig daran arbeitet, seine Vision, ein Dorf, in dem sich jeder mit seinen besonderen Fähigkeiten einbringt, in die Realität umzusetzen. Aber auch Sandra Forster, die vom Vegan-Hype bereits genervt ist, weil es für sie im Veganismus nicht Neues mehr zu entdecken gibt, darf ihre Meinung sagen. Nebenbei bekommt der Leser ausgesuchte Informationen, wie veganes Backen gelingt, dass Wein kein veganes Genussmittel ist und über die Ergebnisse der "China Study".

So kann man nicht weiterleben

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In Großstädten gibt es bereits vegane Supermärkte.

(Foto: picture alliance / dpa)

Auch wenn die Personen, die in "Go vegan!" ihren Werdegang zum Veganismus aufgeschrieben haben, alles andere als eine homogene Gruppe sind, eint sie die Erkenntnis, dass man nicht weiterleben kann wie bisher, wenn man weiß, unter welchen inakzeptablen Umständen Tiere gehalten werden, um vor allem Fleisch, aber auch andere tierische Produkte billig anbieten zu können. Viele der Protagonisten der veganen Szene haben zuerst als Vegetarier gelebt.

Doch irgendwann, so berichtet beispielsweise Ariane Sommer, reichte der Verzicht auf Fleisch- und Wurstwaren nicht mehr aus. Dann nämlich, wenn man erfährt, dass Kühe ständig trächtig sein müssen, um rund ums Jahr Milch geben zu können, dass alle männlichen Küken vergast werden, weil sie einfach keinen wirtschaftlichen Wert haben und dass auch die Schlachtungen von Bio-Schweinen, Bio-Kühen oder Bio-Geflügel grausam und martialisch sind. So ist es für Sommer "eine logische Folge", bewusst keine tierischen Produkte mehr zu konsumieren. Die Moderatorin bezeichnet ihre Lebensweise als "a.v.a.p – as vegan as possible" (so vegan wie möglich). Für sie ist vegan kein Dogma und zu Ostern isst sie durchaus ein Stück Kuchen von ihrer Tante Gertrud, das wahrscheinlich Eier enthält.

Dennoch schwärmt das Model von den positiven Auswirkungen auf ihre Haut und ihre Gesundheit, seit sie sich vegan ernährt. Sommer ist sich im Klaren darüber, dass sie ein privilegiertes Leben führt, in dem Platz ist für eine Auseinandersetzung mit Veganismus. Das können sich nicht alle Menschen leisten.

Fleisch = Wohlstand

Fleisch gilt weltweit tatsächlich als ein hochwertiges Nahrungsmittel, das mit Wohlstand in Verbindung gebracht wird – genauso wie Leder und Wolle. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass die Abkehr vom Konsum tierischer Produkte mit Verzicht gleichgesetzt wird. Dass es jedoch auch gesundheitliche Aspekte gibt, die für eine vegane Ernährung sprechen, erklärt der Arzt Dr. Ernst Walter Heinrich und lässt auch nicht außer Acht, dass Vitamin B12 von vegan lebenden Menschen extra zugeführt werden sollte. Die vegane Ernährung von Kindern ist für Heinrich nicht nur vertretbar, sondern sogar notwendig, denn verschiedenen wissenschaftlichen Studien zufolge sind Fleisch, Fisch, Eier sowie Milch und Milchprodukte höchst gesundheitsschädliche Nahrungsmittel.

Weshalb sich trotz aller Erkenntnisse die Angst, mit einer veganen Lebensweise vor allem Mangel und Verzicht ins Leben zu holen, standhaft hält, auch darüber kann man im Buch lesen. Einerseits leben wir alle in einer konsumorientierten Gesellschaft mit einer Schar an einflussreichen Lobbyisten und andererseits in einer Kultur, in der es "normal ist, Tiere zu essen", erklärt Raphael Fellmer und plädiert für einen Kulturwandel, den jede und jeder mitgestalten kann. So war für die Generation der Großeltern Fleisch und Wurst eine kostenintensive Besonderheit, die nur sonntags oder zu besonderen Anlässen aufgetischt wurde. Heute ist das anders. Fleisch und Wurst kommen immer häufiger, in immer größer werdenden Mengen auf den Tisch. In vielen deutschen Haushalten sogar täglich.

"Allein in Deutschland ist die Produktion der Schlachtmenge von 1997 bis 2011 um fast 67 Prozent gesteigert worden", zitiert die Yogalehrerin Antje Schäfer das Statistische Bundesamt und plädiert gleichzeitig für mehr Achtung vor allen Lebewesen. Schäfer erklärt, warum es bei dieser Art von Fleischkonsum zu einem Ungleichgewicht auf der Erde kommen muss.

Veganer Supermarkt, vegane Mode

Um möglichst vielen Menschen den Weg zum veganen Leben möglich zu machen, gründete Jan Bredack die vegane Supermarktkette "Veganz", die bereits Filialen in Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg, München, Wien und Prag hat und auf große Resonanz stößt. Sein Anspruch ist es, auch als Veganer ganz normal einkaufen zu können. Die Zwillingsschwestern Anja und Sandra Umann entwerfen und schneidern vegane Mode, damit sie ihre Arbeit mit ihrem Anspruch von Achtsamkeit und Gewaltlosigkeit, die sie im Buddhismus kennengelernt haben, vereinbaren können. Sie sind auf der Suche nach Stoffen und Materialien, die sich gut auf der Haut anfühlen, lange halten und hochwertig verarbeitet sind. Damit stellen sich die beiden bewusst gegen das bisher gängige Geschäft im Modebusiness. Der Szene-Koch Björn Moschinski "veganisiert" Gerichte, die er aus seiner Kindheit kennt. Er ist der Überzeugung, dass Geschmack mehr bewirken kann als jeder Vortrag.

"Go vegan!" ist ein Aufklärungsbuch, das Menschen und deren Weg in ein veganes Leben vorstellt. Jede einzelne Geschichte ist individuell, spannend zu lesen und aufschlussreich. Veganer sind zudem gut vernetzt und einfallsreich. Das müssen sie auch sein, denn noch immer haben alle eine Vorreiterstellung, die auch anstrengend sein kann. Trotzdem, so ist sich der Sozialwissenschaftler Bernd-Udo Rinas sicher, wird man bald am Veganismus nicht mehr vorbeikommen.

Egal, ob veganer Ausnahmekraftsportler oder veganer Bio-Winzer: Bei der Lektüre von "Go vegan" wird klar, in Bezug auf die vegane Lebensweise gibt es viele individuelle Realitäten, Ansprüche und noch jede Menge offene Fragen. Doch eines haben alle im Buch vorgestellten Protagonisten gemeinsam: Sie sind interessiert, belesen, außerordentlich gut informiert und bereit, weit über ihren Tellerrand zu sehen.

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Quelle: n-tv.de

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