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Schürzenjäger, Antisemit, begnadeter Komponist Wagners dunkle Flecken bleiben

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Richard Wagner schafft es auch 2013 noch, zu provozieren.

(Foto: picture alliance / dpa)

Richard Wagner war nicht nur einer der genialsten Komponisten. Er war als Mensch eine mittlere Katastrophe und verbreitete als Schriftsteller judenfeindliche Theorien. Kein Wunder, dass er auch heute noch polarisiert.

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Angela Merkel und ihr Mann Joachim Sauer führen jährlich das Defilee der Prominenten zum Festspielhaus in Bayreuth an.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der eine denkt an einen 1,66 Meter großen Mann im Samtwams mit unter dem Kinn verschwindenden Koteletten und Barett auf dem Kopf. Ein anderer erinnert sich vielleicht an die Schlagzeile "Nazi-Tannhäuser sorgt für Opernskandal". Und ein Dritter sieht die Fotos aus der Klatschspalte vor sich, auf denen Kanzlerin Angela Merkel und Vertreter der Polit-Elite in festlicher Abendrobe den Grünen Hügel in Bayreuth erklimmen. So unterschiedlich die Bilder, so unterschiedlich die Meinungen, die aufeinanderprallen, geht es um einen der bedeutendsten Komponisten und gleichzeitig einen der umstrittensten Deutschen: Richard Wagner.

Wer war der Mann, an dem sich noch 200 Jahre nach seiner Geburt die Geister scheiden? Sein Leben jedenfalls hätte das Herz jedes Opernlibrettisten höher schlagen lassen: Der am 22. Mai 1813 in Leipzig geborenen Wagner ist Revoluzzer, Hetzer gegen Juden, kennt sich mit Drogen aus, er ist ein Opportunist, der für seinen Vorteil zu fast allem bereit ist und auch Freunde vor den Kopf stößt, ein Ehebrecher und unverbesserlicher Schürzenjäger, läuft angeblich gerne mal in seidene Frauenkleider gehüllt durch seine Villa Wahnfried und ist chronisch pleite, weswegen er sich durchs Leben schmarotzt und nicht nur einmal vor seinen Gläubigern kreuz und quer durch Europa fliehen muss.

"Märchenkönig" hilft aus der Patsche

Egomanie, Exzentrik und Größenwahn sind ihm auch als Komponist nicht fremd. Er will die Oper grundlegend erneuern und mit seiner Musik nichts Geringeres, als die Gesellschaft verändern. Bei seinen ersten Schritten auf dem internationalen Opernparkett scheitert er allerdings kläglich – mal werden seine Werke ausgebuht, mal kurz vor der Premiere als unaufführbar abgesagt. Erst langsam stellt sich der Erfolg ein und die Schar seiner Anhänger wächst, die seiner Kritiker auch. Aber so richtig rund läuft es noch nicht. Denn auch der Schuldenberg ist einmal mehr unüberschaubar geworden.

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Ort der Sehnsucht fast jeden Wagner-Fans: das Festspielhaus in Bayreuth.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Zu Wagners Glück ist unter seinen Verehrern einer, der ihm aus der Patsche helfen kann: Ludwig II. von Bayern. Der "Märchenkönig" vergöttert den Komponisten, liebt dessen Musik und kennt den gesamten Text des "Rings" auswendig. Gerne öffnet er für Wagner seinen Geldbeutel und finanziert ihm seinen größten Traum: ein Festspielhaus, in dem ausschließlich die eigenen Werke aufgeführt werden dürfen und in dem das von Wagner ersonnene Gesamtkunstwerk Wirklichkeit werden soll.

Und genau dieses Festspielhaus im fränkischen Bayreuth wird noch bis heute jedes Jahr aufs Neue zum Mekka von Musikliebhabern aus aller Welt. Prominente Dauergäste sitzen dort neben Wagner-Fans, die über zehn Jahre auf ihre Eintrittskarte zum musikalischen Glück warten mussten. Gemeinsam harren sie auf harten Stühlen in einem stickigen Saal aus und lauschen in einem bis zu fünf Stunden dauernden Gesangsmarathon den Klängen Wagners, die ohne Zweifel mit zu den schönsten, komplexesten und packendsten gehören, die je komponiert wurden.

Aber bei der Beschreibung der Wirkung von Wagners Kompositionen reichen echten Fans Superlative nicht aus. Von einer Musik, die süchtig macht, ist da die Rede, von Rausch, Ekstase und Überwältigung. Das klingt nicht nur bombastisch, sondern ist auch so gemeint. Aber es gibt da ein Problem.

Unter den Menschen, die sich der Wirkung von Wagners Musik nicht entziehen können und sich an ihr berauschen, war auch er: Adolf Hitler. Daher stellt sie sich immer wieder, die eine große Frage: Darf man Musik genießen, bei der auch dem obersten aller Nazi-Verbrecher die Tränen kamen?

Wagners Judenhass ist keine Marotte

Hitlers Begeisterung für den Wahlbayreuther und dessen hervorgehobene Stellung im Nationalsozialismus sind der neuralgische Punkt jeder Wagner-Diskussion. Natürlich kann man es dem Komponisten weder anlasten, dass Hitler ein enger Freund des Wagner-Clans war, noch, dass Bayreuth zur Kultstätte der braunen Bewegung wurde und die Nationalsozialisten Wagners Musik missbrauchten – so untermalte beispielsweise der Walkürenritt in der NS-Wochenschau erfolgreiche Luftangriffe der Deutschen und die Nazis hörten sich vor ihren Parteitagen regelmäßig die "Meistersinger von Nürnberg" an.

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Wagners Schwiegertochter Winifred war eine glühende Verehrerin von Hitler (Foto von 1939).

(Foto: AP)

Aber da ist eben auch Wagners menschenverachtendes Pamphlet "Vom Judenthum in der Musik", in dem er den Juden die Fähigkeit zum musikalischen Ausdruck abspricht und für seine Argumentation als einer der ersten von einem religiös motivierten Judenhass zu einem frührassistischen Antisemitismus wechselt. Vor diesem Hintergrund erscheint es problematisch, dass so mancher Wagner-Anhänger die Hetzschrift gerne als Marotte abtut, damit kein Verdacht auf das musikalische Schaffen des Komponisten fällt.

Aber so einfach ist das nicht, denn auch diese Frage bleibt zentral: Kann man die Musik Wagners von seinem Antisemitismus trennen? Ja, meint Udo Bermbach. In seinem  Buch "Mythos Wagner" beschreibt der Politologe Wagner als einen Linksradikalen, der die Revolutionäre von 1848 aktiv unterstützte und demokratischen Idealen folgte. Diese politische Ausrichtung aber hätte nicht dem Bild eines von den Nazis verehrten Nationalkomponisten entsprochen. Als einer der ideologischen Vordenker hätte Wagner nur interpretiert werden können, weil seine Nachfahren während des "Dritten Reiches" die Vergangenheit ihres Ahnen und seine Vorstellungen so manipulierten, wie sie am besten in den braunen Kram passten.

"Dumpfe Vorstellungen von der Welt"

Anders sieht das der Kulturwissenschaftler Jens Malte Fischer. Er weist in seiner Essaysammlung "Richard Wagner und seine Wirkung" nicht nur nach, dass die Nationalsozialisten konkrete Ansatzpunkte in Wagners Schriften aufgriffen und weiterführten, sondern macht Spuren von Antisemitismus in der Charakterisierung einiger Wagnerscher Figuren und deren Art zu singen aus. Für das heutige Publikum seien diese Hinweise nicht mehr nachvollziehbar, Wagners Zeitgenossen aber hätten die Anspielungen sehr wohl verstanden.

Trotz des gefährlichen Zusammenschlusses von der "narkotischen Macht der Musik" und einer teilweise "sinistren, dumpfen Vorstellungen von der Welt und ihren Menschen, wie sie sind und wie sie sein sollen", gelängen Wagner aber "Passagen und ganze Werkteile, bei denen man das alles vergessen kann und soll", resümiert Fischer. Man dürfe allerdings nicht vergessen, dass das antijüdische Pamphlet die "fatale Folge" gehabt hätte, dass "der Antisemitismus (…) salonfähig wurde" und "durch die Wortmeldung eines künstlerischen Genies an Akzeptanz erheblich gewann".

Wagner bleibt ein kompliziertes Kapitel deutscher Geschichte. Musikalisch schwingt sich seine Musik zu selten erreichten Höhen auf, politisch blickt man in tiefe Abgründe. Und deswegen soll auch ein weiteres Bild nicht ungenannt bleiben, das dem einen oder anderen bei Wagner durch den Kopf gehen mag: Hitler, der auf dem Balkon des Bayreuther Festspielhauses steht und den Arm in die Höhe streckt.

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Quelle: n-tv.de

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