DVD

Stinkewindel statt Stinkefinger The Other F-Word: Vom Punk zum Papa

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Flea (bürgerlich: Michael Peter Balzary), Bassist der Red Hot Chili Peppers, mit Tochter Clara am Klavier.

(Foto: Studiocanal)

Windeln statt Widerstand, Future statt No Future, Reihenhaus statt Rumpelbude: Was passiert, wenn Punkrocker zu Familienvätern werden? Erst scheißt man auf alle Regeln und dann soll man sie seinen Kindern beibringen - wie geht das? Ein Film mit Musikern diverser Rockbands gibt tiefe Einblicke.

Punk – das heißt, auf Regeln und Konventionen scheißen, das bürgerliche Wertesystem verachten und nicht an morgen denken – nicht umsonst lautet der Slogan "No Future!" (gesungen oder eher rausgerotzt von den Punkband-Urvätern Sex Pistols in "God save the Queen"). Aber was passiert, wenn man doch älter wird als gedacht, wenn der Punkrocker bürgerlich wird, Kinder bekommt, vielleicht sogar heiratet?

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Daddy hat Schnittchen gemacht: Fat Mike von NOFX mit Töchterchen beim Frühstück im Bett.

(Foto: Studiocanal)

Dann muss eine Familienkutsche her, mit denen die Kinder in die Privatschule gefahren werden, in der aufgeräumten, sauberen Riesenküche im Reihenhaus mit Garten werden Brote geschmiert – und der einstige Bürgerschreck muss auf einmal aufpassen, was er sagt, und die Worte meiden, aus denen auf der Bühne seine Songs bestehen. Aus Fuck(ing) wird Father, Family, Future.

Im Bett bei NOFX

Wie das aussieht, zeigt der Dokumentarfilm "The other F-Word" – er gibt zum Teil sehr intime, emotionale, auch entlarvende Einblicke in das Privatleben bekannter Punk- und Rockbands wie Pennywise, Red Hot Chili Peppers, Blink 182, NOFX und Black Flag.

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Ron Reyes von Black Flag zeigt seinen Teenager-Kindern im Plattenladen, was gute Musik ist.

(Foto: Studiocanal)

Anfangs wird räsoniert über die eigene Vergangenheit und die Bedeutung von Punk: machen, was ich will, wie ich es will. Da heißt es: "Früher waren wir nihilistisch, uns war alles egal." Und: "Vaterschaft kommt in der Ethik des Punkrock gar nicht vor". Niemand hätte geglaubt, überhaupt so alt zu werden. Und nun sind sie doch so alt, oft doppelt so alt wie ihre Fans bei den Konzerten - und darum kommt ins Tourgepäck auch die Haarfarbe, um die ergrauten Stellen zu überdecken ("to keep the dream alive") und die Mütze, um die Geheimratsecken zu verstecken. Dazu Säureblocker wegen des vielen schlechten Essens on the road und Desinfektionsmittel wegen der vielen fremden Hände, die man schütteln muss ...

Tätowierte Normalbürger

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Schaukeln mit Papi: Lars Frederiksen von Rancid mit seinem Sohn Wolfgang.

(Foto: Studiocanal)

All das, samt einer Barbie-Puppe seiner (drei) Töchter, packt Pennywise-Sänger Jim Lindberg mit durchaus selbstironischen Kommentaren in den Koffer. Auch Lars Frederiksen von Rancid macht sich über sich selbst und die Situation lustig, die entsteht, wenn er mit seinem Sohn Wolfgang (!) auf den Spielplatz geht und der sich daraufhin recht schnell leert. "Cool, ein Spielplatz ganz für uns allein!" Da denkt er dann schon mal laut darüber nach, ob das Tattoo auf der Stirn wirklich sein musste - und hofft, dass sein Sohn, wenn er groß genug ist zu merken, dass sein Vater irgendwie krass anders aussieht, ihn dennoch so respektiert und generell Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilt.

Das alles hat nicht mehr viel zu tun mit dem "I don't care what you think" der Punk-Helden Black Flag. Punk kommt in den meisten der gezeigten, fast ganz normal spießigen Haushalten maximal als ironisches Zitat vor: etwa im Totenkopf auf dem Fußabtreter oder dem Frühstückstablett. Oder in einem "Ballspiel" mit einer vollen Windel. Ansonsten müssen die einstigen Verfechter totaler Anti-Autorität ihren Kindern beibringen, dass man nicht fuck und shit sagt und nicht mit dem Fahrrad quer über die Kreuzung fährt ... Sie schmieren Erdnussbutterschnittchen fürs Kind und sitzen mit der Tochter am Klavier. Sie singen Kinderlieder im Auto oder spielen die "entschärfte Version" der eigenen Songs. Schließlich trägt man jetzt Verantwortung, muss Vorbild sein.

Punkrock als Beruf

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Art Alexakis von Everclear beim Absingen von Kinderliedern mit seiner Tochter im Auto.

(Foto: Studiocanal)

Und Geld verdienen - von irgendwas müssen das große Haus und der Familienschlitten und die Privatschule doch bezahlt werden. Also weiter Punkrocken, obwohl das Alltagsleben rein gar nichts mehr mit Punkrock zu tun hat. Punkrock als Beruf quasi.

Und Berufsmusiker zu sein, das heißt heute, wo mit Plattenverkäufen kaum noch Geld zu verdienen ist: Konzerte, Festivals und Tourneen, wochenlang, monatelang. Das zehrt an den nicht mehr jungen Körpern, die ständige Wiederholung der immergleichen Slogans, Songs und Attitüden auf der Bühne nervt. Tourbus, Bühne, Tourbus, Bühne ... und das Geburtstagsständchen des Töchterchens kommt über Skype und zerreißt Daddy das Herz. Denn er wäre viel lieber daheim und würde mehr Zeit mit der Familie verbringen. Für sie da sein, für sie sorgen, dem Nachwuchs beim Großwerden zur Seite stehen.

Ich will nicht werden, was mein Alter ist

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"The Other F-Word" ist bei Arthaus erschienen.

Es anders machen als der eigene Vater - das wollen alle der gezeigten (durchweg männlichen) Punkrocker im Film. Auffallend ist, dass jeder von ihnen in seiner Kindheit gelitten hat - unter dem autoritären oder abwesenden Vater, der lieblosen Kindheit, der Vernachlässigung, den fiesen Mitschülern.

Das soll ihren eigenen Söhnen und Töchtern nicht passieren, sie sollen es besser haben - wie eine Wiedergutmachung der eigenen Kindheit: sie sollen nicht erleben, was ich erleben musste. Nachdrücklich wird die enorme Bedeutung der Kinder für das eigene Leben betont -  sie sind "das Wichtigste überhaupt". Hier wird "The other F-Word" sehr emotional, bei Flea von den Red Hot Chili Peppers fließen gar Tränen - wenn er etwa erzählt, wie seine Kinder seinem Leben einen Sinn gegeben hätten. Nicht die Kinder müssten den Eltern dankbar sein, sondern ganz im Gegenteil die Eltern den Kindern: "Ich verdanke meinen Kindern mein Leben."

Punk is dann doch dead

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Jim Lindberg mit seiner Familie am Strand - bei Pennywise stieg er für etwa drei Jahre aus, um mehr Zeit für sie zu haben.

(Foto: Studiocanal)

Der Spagat zwischen Tourleben und Familie - wie wird er gemeistert? Wie wird der Widerspruch zwischen dem "Sex, Drugs and Rock'n Roll"-Leben und der Rolle als sorgender, anwesender Familienvater aufgelöst? Für einige der Musiker im Film kann das nur bedeuten: Ausstieg. Raus aus der Band, raus aus dem stressigen Tour-, rein ins Familienleben. So verließ Sänger Jim Lindberg Pennywise nach 19 Jahren (kehrte nach etwa 3 Jahren aber zurück). Punk is not dead - aber für den Familienvater irgendwie schon.

Die DVD zu "The other F-Word" ist bei Arthaus erschienen, in Deutschland ist sie ab dem 18. April 2013 im Handel erhältlich. FSK-Freigabe trotz des F-Wortes ab 6 Jahren.

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Quelle: n-tv.de