Essen und Trinken

Wenn die Hose nicht passt Abhilfe naht

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(Foto: imago stock&people)

Eigentlich wird doch nur im Standesamt (oder vor dem Traualtar oder vor beidem, je nach Gusto) eine konkrete Frage gestellt, die auch konkret ohne Herumeierei beantwortet wird. Alle anderen Fragen des Lebens ziehen zumeist Antworten nach sich, die man mit "Ja, aber ...", "Nein, aber ...", "Ich denke mal so ..." oder mit "Als ich noch ..." beginnen kann. Oder man geht allen Nachfragen mit der Antwort "Fragen Sie meine Frau/meinen Mann/meinen Chef" aus dem Weg.

Und dann gibt es noch die Antworten, nach denen man überhaupt nicht gefragt hat, die man aber dennoch bekommt: Man zwängt sich in der Anproben-Kabine in eine neue Sommer-Jeans, und da die Kleiderkiste oft so eng ist, dass man im Spiegel zwar den Pickel auf der Nase, aber kaum die Hose am eigenen Hintern bewundern kann, wird der Sitz des Modewerks im mannshohen Spiegel vor der Kabine überprüft. Wenn dann aber das dürre Gerippe, das mit einem Stapel Hosen der Größe "Victoria Beckham" auf dem Arm auf eine leere Kabine lauert, durch die schmalen, blutleeren Lippen zischt: "Auch wenn Se sich noch so verrenken, se passt nich!" - dann, ja dann spricht man von "Senf dazugeben"!

Dabei kann der Senf nun wirklich nichts dafür, dass die Hose nicht passt. Die Redewendung stammt vermutlich aus dem 17. Jahrhundert, als Senf noch kein Allerweltsgewürz war, sondern als etwas Kostbares galt. Findige Gastwirte kamen wohl auf die Idee, zu jeder Speise etwas Senf dazuzugeben, um sie aufzuwerten - ob erwünscht oder nicht, ob es zum Gericht passte oder nicht. Dies war ebenso unangenehm wie ein unerwünschter Rat, und so bürgerte sich mit der Zeit das Sprichwort "seinen Senf dazugeben" ein.

Senf zählt zu den ältesten Gewürzen und wurde schon vor 3000 Jahren in China geschätzt. Seit Jahrhunderten wird aus den reifen Samen Speisesenf gemacht, das erste überlieferte Rezept stammt vom Römer Columella aus dem 1. Jahrhundert n. Chr.

Unsere heutige Bezeichnung kommt von dem lateinischen Namen "sinapis", im Gotischen wurde "sinap" daraus, althochdeutsch hieß er "senaf" und neuhochdeutsch schließlich "Senf". Kräuterweiblein verordneten mit Vorliebe Senfpflaster und Senfumschläge und empfahlen Senf für einen klaren Kopf und einen regen Verstand. Auch die alten Römer schätzten Senfsoße zu Fleisch und Fisch. Plinius der Ältere sagte dem "Sinapis alba" sogar Unkeusches nach: Drei mit der linken Hand gepflückte Blätter des weißen Senfs, zusammen mit Honig verspeist, entfachen die Liebesglut!

Wenn Sie's nicht glauben, können Sie das ja ausprobieren: Eine Handvoll Senfkörner auf eine feuchte Zellstoffunterlage streuen, feucht halten und nach einigen Tagen schon sprießen die Pflänzchen. Sollte das "Aphrodisiakum" nicht wirken, haben Sie garantiert die rechte mit der linken Hand verwechselt! Aber nicht traurig sein, das Experiment ist keine verlorene Liebesmüh: Die kleinen grünen Pflänzchen können wie Kresse roh gegessen werden; sie schmecken leicht scharf und sind reich an Mineralstoffen und Vitaminen und für Frühjahrsmüde eine belebende Wohltat.

Und nun "geben Sie Ihren Senf dazu" (denken nicht mehr an die zu enge Hose oder an die ausbleibende Wirkung der Senfsaat vom Fensterbrett) und bereiten einen "Senfrostbraten" zu. Senf nämlich regt den Speichelfluss und die Magensaftproduktion an und fördert somit die Verdauung. Dann klappt's vielleicht auch wieder mit der Hose ...

Zutaten (4 Personen):
4 Rumpsteaks
3 EL scharfer Senf
2 große Zwiebeln
2 EL Semmelbrösel
2 Eigelb
2 EL Butter (oder Öl)
Salz, Pfeffer, Zitronensaft, Öl zum Braten, gehackte Petersilie

Zubereitung:
Geschälte Zwiebeln halbieren und in feine Streifen schneiden. In der Butter bei starker Hitze unter stetigem Wenden glasig dünsten (dürfen nicht zu wässrig werden) und abkühlen lassen. Die erkalteten Zwiebeln mit Senf, den Bröseln und den Eigelb zu einer glatten Masse verrühren. Mit einem Spritzer Zitronensaft abschmecken.

Die Steaks auf beiden Seiten bei großer Hitze kurz anbraten. Salzen und pfeffern. Aus der Pfanne nehmen, das Backofengitter auf das Blech legen, die Steaks darauf geben. Auf den Fleischscheiben die Zwiebelmasse verteilen und im vorgeheizten Ofen bei Oberhitze gold-braun übergrillen.

Mit gehackter Petersilie bestreuen und am besten zu Bratkartoffeln servieren.

Viel Spaß wünscht Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de