Essen und Trinken

40 Tugenden und eine Sünde Das Fünfte Element

"Aqua ardens" passte zwar nicht ins aristotelische Weltbild, das in Feuer und Wasser zwei einander ausschließende Elemente sah. Doch das Lebenselixier half selbst gegen Nebel.

"Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör", lässt Wilhelm Busch seine "Fromme Helene" im 16. Kapitel "Die Versuchung" sagen. Von wegen fromm! Damen sollen ja eine Schwäche für's Likörchen haben, nicht nur bei Sorgen.

"Likör" ist eigentlich ein Lehnwort aus dem Französischen. Das französische liqueur stammt von lateinischen liquor ab, und das heißt eigentlich nichts weiter als "Flüssigkeit". Die Geschichte unseres Likörs verliert sich im Dunkel mittelalterlicher Alchimistenküchen - und begann als Heilmittel! Ärzte und Apotheker jener Zeit suchten nach einem Allheilmittel, das vor Krankheiten schützt und verlorene Lebens- und Liebeskräfte zurückbringen sollte. Die Herstellung berauschender Getränke kannten allerdings schon die Babylonier. Pharaonen schätzten ihn, die antiken Griechen wurden als trinkfreudig beschrieben. Die Gelehrten des Altertums wussten also um die Wirkung berauschender Getränke, nur wussten sie nicht warum.

Im 13. Jahrhundert gelangte die Technik der Destillation von Alkohol per Kreuzzug nach Europa, also aus dem arabischen Raum. Welch Wunder, hatte doch Mohammed die völlige Ausrottung aller Reben verlangt. Selbst in Syrien und Kleinasien, woher der Rebstock ursprünglich stammt, wurden die Reben vernichtet. Doch arabische Ärzte stellten schon im 8. Jahrhundert durch Weindestillation eine Arznei her, die sie Al-kahol nannten. Al-kahol bedeutete ursprünglich im Arabischen "Bleiglanz", ein feines kosmetisches Pulver. Das Wort machte einen Bedeutungswandel durch und bezeichnete schließlich den feinsten Bestandteil des Weins, den Weingeist, den erstmals Paracelsus "Alkohol" nannte.

Etliche Alchimisten versuchten sich mit primitiven Destillierapparaten an der Herstellung von "Aqua ardens" (Feuerwasser). Erst allmählich lernte man, die flüchtigen Bestandteile des Weins durch Kühlung zu verdichten. Apropos dichten: Mist war ein probates Mittel, die Destillierapparate abzudichten. Was herauskam war brennbares Wasser - ein Anachronismus. Durch zum Teil mehrfache Destillation hatte das "aqua" wohl einen ganz schönen Alkoholgehalt und brannte gut und mit heller Flamme. "Aqua ardens" passte nicht ins aristotelische Weltbild, das in Feuer und Wasser zwei einander ausschließende Elemente sah. Alchimisten nannten es daher auch "das Fünfte Element", das zu Feuer, Wasser, Erde und Luft hinzu kam.

Gebrannter Wein - Branntwein - wurde zum König der Heilmittel. Er berauschte, konservierte und konnte Heilkräutern die Säfte entziehen. Er wurde eingesetzt gegen Halsschmerzen und Blasensteine, Würmer und Pest, Aussatz, Gelbsucht, Ruhr und Gicht. 40 "Tugenden" wurden dem Weingeist nachgesagt. Aber offensichtlich setzte früh der Missbrauch ein, denn schon 1723 wurde in einem Ärztebuch "Vom Brauch und Missbrauch des Branntweins" vor Trunksucht gewarnt: Im Übermaß genossen, mache er trunken, schläfrig und untauglich zu wichtigen Verrichtungen. Denn das "Lebenselixier" wurde selbst gegen "den bösen Herbstnebel" getrunken. Ob daher das Wort "benebelt" kommt? Und so warnte schon 1496 die Polizei in Nürnberg: "Wir haben uns bei hochgelehrten erfahrenen Doktoren der Arznei fleißig erkundigt und haben gehört, dass der Branntwein den Menschen, besonders schwangeren Frauen und jungen arbeitssamen Leuten, mehr als anderen schädlich ist und ihnen viel und mancherlei schädliche und tödliche Krankheiten und Seuchen bringt und erzeugt."

Zurück zum Likör. Die klebrige Angelegenheit gilt bei "Fachleuten" als Geheimwaffe in Liebesdingen. Sie interpretieren das französische liqueur nämlich anders. Danach soll der Liqueur etwas mit dem französischen "lit" (Bett) und coeur (Herz) zu tun haben. Doch gut Ding will Weile haben. Die Herstellung eines Likörs ist nichts für Eilige. Neun Monate bis ein Jahr vergehen, ehe ein guter Tropfen präsentiert werden kann.

Wenn Sie also Ihrem holden Weibe ihren - selbstverständlich eigenhändig produzierten - Lieblingslikör kredenzen wollen, müssen Sie vorausschauend planen. Wenn Sie jetzt anfangen, sind Sie zum Muttertag 2009 in der Lage, die Dame Ihres Herzens nicht mit der üblichen Flasche aus dem Douglas-Angebot zu "überraschen", sondern Sie können säuseln: "Komm, wir trinken ein Likörchen ..."

Zutaten:
1 l Wodka
800 g Früchte
400 g Zucker

Zubereitung:
Früchte waschen und gut abtropfen lassen. Stiele, wenn vorhanden, entfernen. Die Kerne bleiben in den Früchten. Früchte mit fester Schale wie Birnen, Pflaumen, Aprikosen, Pfirsichen oder Schlehen werden mit einem scharfen Messer oder einem Zahnstocher "gepiekt". Bei weichen Früchten wie Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren oder Brombeeren ist das nicht nötig. Wollen Sie Zitrusfrüchte verwenden: Da müssen die Kerne entfernt werden und die Früchte klein geschnitten werden.

Alle Zutaten werden in ein großes Gefäß getan, das man fest verschließen kann. Das Gefäß kommt an einen kühlen und dunklen Ort. Und nun heißt's warten- drei Monate lang. Allerdings müssen Sie auch noch etwas tun: Mehrmals in der Woche muss der Gefäß geschüttelt werden; so löst sich der Zucker schneller.

Ist das Vierteljahr um, wird der Likör durchgeseiht (am besten durch ein Tuch), wenn nötig mehrmals. Der Likör wird dann in Flaschen gefüllt, die werden gut verkorkt. Sie müssen nochmals an einem kühlen und dunklen Ort mindestens ein halbes Jahr "reifen".

Nun können Sie die Geheimwaffe einsetzen - aber bitte vorsichtig ein. Sie wissen ja, wie die fromme Helene endete: "Hier sieht man ihre Trümmer rauchen. Der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen."

Viel Spaß wünscht Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de