Essen und Trinken

Der König ist tot - es lebe der König! Der Pinkel ist nicht totzukriegen

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Grünkohlkönig Guttenberg dankt in Würde ab.

(Foto: dpa)

Da hat doch der ewig lächelnde Gesundheits-Philipp die taff gegelte Kämpfernatur Theo glatt aus dem Kraut geschlagen! Was dem Pinkel aber überhaupt nichts ausmacht.

Das muss man den Oldenburgern ja lassen: Sie sind ganz schön erfinderisch und hartnäckig. Wobei hier nicht die langbeinigen gleichnamigen Pferde gemeint sind, die dort schon seit dem 17. Jahrhundert gezüchtet werden, sondern die Bewohner von "Ollnborg” daselbst.

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Pinkel-Wiegen: Vor oder nach dem Äten?

(Foto: picture alliance / dpa)

Offenbar kamen und kommen sich die Oldenburger zu unbeachtet vor in der deutschen Hauptstadt und ersannen jenen Dreh, der nun schon seit Jahren Bundespolitiker dereinst aus Bonn und nun aus Berlin in die ferne Stadt kurz vor der Nordsee führt. Wenigstens ein, zwei Mal im Jahr. Erst einmal aber begeben sich die Oldenburger Stadtoberhäupter höchstpersönlich in die ihnen ebenso ferne Bundeshauptstadt, mit sich führend einen ganzen Tross von Bediensteten nebst Speis' und Trank in ausreichender Menge. Denn die Oldenburger nutzen ganz unverhohlen den menschlichen Hunger aus für ihre Zwecke. Und das schon seit 1956. Das hat sich vermutlich bewährt, denn nicht nur ein oder zwei hauptstädtische Größen drängen sich an die beladenen Tische, sondern sie kommen zu Hunderten! Man gönnt sich ja sonst nichts…

Kein Wunder, dass man sich hinter vorgehaltener Hand (oder in eingeweihten Kreisen offen) erzählt, dass so manches große Projekt in Oldenburg seinen Ursprung im gemütlichen Teil jener Bonner/Berliner Runden hat. Die des Niedersächsisch Kundigen nennen das Gelage beim Namen: "Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten".

200 Kilogramm Grünkohl, 95 Kilo Kassler (ohne Knochen!), 50 Kilogramm Kochmettwurst, 38 Kilo Speck und 60 Kilo Pinkel wurden in diesem Jahr in die aufnahmewilligen Politpromi-Mägen gepresst! Wobei es sich bei diesem Pinkel nicht um einen "feinen Pinkel" handelt, sondern um eine etwas gröbere Erscheinung, die außerhalb der Pinkel-Hochburgen bei Laien mitunter heftiges Misstrauen auslöst.

So hebt wi dat immer doh’n

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"Gröönkohl-Äten" kann anstrengend sein.

(Foto: Sybille Daden/pixelio.de)

Ob nun die Niedersachsen den pinkelunwissenden Preußen nicht allzu viel zutrauen, lassen wir mal dahingestellt. Fakt ist, dass die Oldenburger das ganze Zeug mit sich schleppen! Dazu noch Massen an Roter Grütze (was sonst) zum Nachtisch und nennenswerte Mengen Spülmittel: friesisches Bier und "Löffeltrunk". Bei Letzterem handelt es sich um Weizenkorn, der desinfiziert und klebt nicht. Denn, so heißt es, man muss sich damit auch die Hände waschen können.

Getrunken wird der Klare unter Aufsagen von Trinksprüchen und traditionell aus Zinnlöffeln. Und die müssen nach dem Austrinken so trocken geleckt werden, dass beim Ablegen kein Rand auf dem Tischtuch entsteht. Feuchte Löffel nämlich führen zum erneuten Füllen desselben und zum Trinken und zum Ablegen und zum Trinkspruch murmeln und … und … und so weiter. Dabei genügt ein einziger feuchter Löffel in der Runde - und alle müssen wieder 'ran! So hebt wi dat immer doh’n.

Der eine kommt, der andere geht

Bei jedem "Gröönkohl-Äten" (in diesem Jahr futterten etwa 330 Gäste in der Niedersachsen-Vertretung in Berlin) wird ein König gewählt, der als Zeichen seiner Würde eine Grünkohl-Palme in die Hand gedrückt bekommt. Hier nun endlich kommen wir zu Theo und Philipp.

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Der scheidende König Guttenberg hat Grünkohlstab und -kette an Philipp Rösler übergeben. Oldenburgs OB Gerd Schwandner (2.v.l.) und Ministerpräsident David McAllister (2.v.r.) beobachten das Ganze.

(Foto: picture alliance / dpa)

Abgedankt hat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, zum Leidwesen der Opposition aber nur als Grünkohl-König, und gekrönt wurde Gesundheitsminister Philipp Rösler. Star des Abends war aber nicht die neue, sondern die scheidende Majestät. "Der Baron" frotzelte über "das Quotengeschwader" (von der Leyen/Schröder) und zog sich auch selbst durch den Kakao ("Inbegriff des feinen Pinkels"). Der Oberfranke, der schon immer lieber "eine Krone statt Gel auf dem Haupt" haben wollte, trug auch noch ganz frei(herr)mütig seinen Herzenswunsch vor: "Einmal im Leben möchte ich fränkische Weinkönigin sein!" Sollte mir da irgendwas entgangen sein an wichtigen Hintergrundinformationen???

Hundert Jahre "Gröönkohl-Äten"?

Wie dem auch sei, der Arzt, dem die Frauen vertrauen, kam irgendwie nicht so richtig zum Zuge. Nicht nur, weil dieses Mal in seiner Anwesenheit keine Frauen umfielen und Rösler nicht wieder Erste Hilfe leisten musste, sondern seine launige Antrittsrede kam ein wenig matt 'rüber.

Ganz auf sein Ressort bedacht sagte Rösler: "Wenn Sie jede Woche einmal Grünkohl essen, und das machen Sie 100 Jahre lang, dann können Sie richtig alt werden." Ja, sieht denn der Mann nicht über seinen Grünkohl-Tellerrand? Denkt er denn nicht an die Rentenversicherung? Die wird sich putzen, wenn sie für jede Menge Hundertjährige Rente abdrücken muss, bis die auch noch "richtig alt" sind! Und so, wie sich das Gesundheitsapostel Rösler gedacht hat, klappt‘ sowieso nicht: Das Grünzeug ist zwar gesund - schmeckt aber eigentlich nur mit anständig Fett. Pinkel eben. Und dann braucht man Spülmittel. Löffeltrunk eben. Und das jede Woche 100 Jahre lang und dann auch noch "richtig alt werden"? An dem Manne darf gezweifelt werden. Und außerdem: Wer soll denn bitteschön gesund alt werden, wenn man bis 67 ackern muss?

Ob der Grünkohlkönig selbst nach dem niedersächsischen Angriff auf den Cholesterinspiegel 100 und älter wird, ist fraglich. Doch wer will schon ohne "Gröönkohl-Äten" uralt werden? Bis 67 kommen wir auch mit "Grünkohl mit Pinkel, Speck und Kassler":

Zutaten (4 Personen):

2 kg Grünkohl
2 Zwiebeln
4 Scheiben Bauchspeck (durchwachsener Speck)
4 Fleischpinkel (Oldenburger Pinkel)
4 Scheiben Kassler ohne Knochen
2 EL Hafergrütze
3 EL Schmalz
1 TL Zucker
etwas Fleischbrühe (oder Wasser)
Salz, Pfeffer

Zubereitung:

Die Grünkohlblätter vom Strunk abzupfen, die harten Blattrippen entfernen und sehr gründlich mit viel Wasser waschen (Grünkohl ist oft recht sandig). Abtropfen lassen und mit reichlich kochendem Wasser blanchieren. Kalt abbrausen, damit die Farbe schön grün bleibt. Durch das Blanchieren verliert der Grünkohl etwas von seinen Bitterstoffen. Etwas abtropfen lassen und dann grob hacken.

Die Zwiebeln pellen und grob würfeln. Das Schmalz in einem großen Topf erhitzen und die Zwiebelwürfel darin andünsten. Den Kohl dazugeben, die Grütze einstreuen, den Zucker dazugeben und sparsam mit Salz und Pfeffer würzen, alles vermengen. Die Brühe oder das Wasser (1 bis 2 Tassen) angießen, Speck und Kassler obenauf legen und alles im fest zugedeckten Topf bei kleiner Hitze 1,5 bis 2 Stunden sanft schmoren lassen. Dann die Pinkel in den Kohl hinein legen und weitere 30 Minuten bei recht kleiner Hitze auf dem Herd lassen.

Pinkel, Kassler und Speck herausnehmen und gegebenenfalls den Kohl noch einmal abschmecken. In eine Schüssel schütten, die Fleischbeigaben auf das Kohlbett legen und servieren. Dazu schmecken Brat- oder Salzkartoffeln.

Tipp: Eine Menge Zeit und Arbeit erspart man sich, wenn man statt frischem Grünkohl welchen aus der Tiefkühltruhe nimmt. Dann braucht man etwa 750 g. Antauen lassen und dann zu den Zwiebelwürfeln in das Schmalz geben und wie im Rezept weiter verfahren.

Bekommt man außerhalb der Pinkelhochburgen keinen Pinkel, nimmt man stattdessen Kochmettwürste oder Brägenwurst.

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Grünkohl ist total gesund!

(Foto: picture alliance / dpa)

So schall dat ok wieter goh’n. Das wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de