Essen und Trinken

Tut gar nicht weh! Heute schon gezipfelt?

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"Zipfeln" kann man auch beim Spazierengehen.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Statt "Wie geht‘s denn so?" fragt mich mein Kollege Wolfram jede Woche: "Und was kochst Du heute?" Nicht, dass ihn eine detaillierte Antwort sonderlich interessiert, denn mit dem Kochen hat's der Wolfram nicht so. Aber es ist einfach die etwas anders ausgedrückte Frage nach meinem Befinden, weil er weiß, dass ich jede Woche über eine "anmachende" Geschichte nachgrübele, wie ich schnöde Rezepte auf eine gewisse Art an der User bringen kann.

Auf meine Antwort in dieser Woche guckte Wolfram ziemlich verdutzt, verzog schmerzhaft das Gesicht und sagte: "Aua!"

Bei meinem Kollegen Martin wäre mir das nicht passiert, denn es geht um "Blaue Zipfel". Das unterscheidet den Preußen vom Franken: Der letztere weiß Bescheid (bei den blauen Zipfeln).

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Die in den südlichsten, westlichsten, nördlichsten und östlichsten Zipfeln Deutschlands gelegenen Gemeinden Oberstdorf, Selfkant, List und Görlitz geben einen Zipfelpass heraus.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Martin, Bamberger mit Leib und Seele, aber berufsmäßig in Berlin gestrandet, schwärmt von Bamberger Hörnchen, Rauchbier und - "Blauen Zipfeln". Nun bekommt man ja an den Gestaden der Spree nicht in jedem Supermarkt ungebrühte fränkische Würstchen und dieses "geräucherte" Bamberger Bier. Ich jedenfalls habe derartige Spezialitäten in der Hauptstadt noch nicht entdeckt. Wikipedia allerdings belehrt mich: Es gibt sehr wohl EINE EINZIGE Brauerei im Berliner Wedding, die Rauchbier herstellt. Allerdings nur saisonal. Aber dank Martin weiß ich - wie Wolfram Preuße - wie Bamberger Rauchbier schmeckt. Gewöhnungsbedürftig für hiesige Geschmäcker und nicht jedermanns Sache, aber mir hat's gemundet.

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Zwar sind die Zipfel(mützen) rot, aber bei der Kälte dürfte so manches blau anlaufen.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Bei den "Blauen Zipfeln" allerdings musste ich in die Trickkiste greifen. Nun kann man für dieses Rezept sicher auch die niedlichen Nürnberger Rostbratwürstchen verwenden, aber die bekomme ich hier auch nur gebrüht und "aromaversiegelt". Ich habe also experimentiert und beim Fleischer meines Vertrauens grobe rohe Rostbratwürste gekauft und diese "gefränkelt". Sicher in den Augen von Franken und Oberpfälzern eine Untat - aber was soll der arme Berliner tun?

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Ohne blauen "Zipfel", aber mit blauer Zunge: der Bärliner Knut.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Mir haben meine "Blauen Zipfel" geschmeckt, sie sind - wie schon erwähntes Rauchbier - für preußische Zungen allerdings etwas "Spezielles". Freunde, als Probanden "missbraucht", guckten leicht erschüttert (ähnlich wie Wolfram) auf die bleichen "Zipfel" und fragten: "Hat die der Schlag getroffen?" Und nach dem Essen: "Das nächste Mal grillst Du aber wieder???" Aua …

Böse Zungen (Berliner?) behaupten, dass die Bezeichnung "Blaue Zipfel" daher kommt, dass Nürnberger (und Bamberger) nach einer durchzechten Nacht die blässlich-bläulichen Zipfel zum Katerfrühstück essen, um wieder nüchtern zu werden. Vielleicht ist ja doch was Wahres daran?

Zutaten (4 Personen):
4 grobe ungebrühte Bratwürste (bei Nürnberger Bratwürstchen benötigt man pro Person 4 bis 6)
¼ l Weinessig
¼ l trockenen Weißwein (natürlich aus Franken!)
¾ l Wasser
5 große Zwiebeln
4 Lorbeerblätter
5 Pimentkörner
5 Wacholderbeeren
10 schwarze Pfefferkörner
3 Möhre
1 Petersilienwurzel
½ Sellerieknolle
1 Tl Salz, 1 Prise Zucker

Zubereitung:
2 Zwiebeln und Gemüse putzen, Zwiebeln in Ringe und 1 Möhre, den Sellerie und die Petersilienwurzel in Stückchen schneiden. Das Wasser zum Kochen bringen, Essig, Wein, die Gewürze, Zwiebelringe und das Gemüse (bis auf die restlichen 2 Möhren und 3 Zwiebeln) dazugeben. Mit Salz und Zucker kräftig abschmecken und alles etwa 20 Minuten auf kleiner Flamme köcheln lassen.

Die restlichen 3 Zwiebeln schälen, in Ringe schneiden; die beiden Möhren putzen und stifteln. Den Sud durchseihen, aufkochen und die Zwiebelringe und Möhrenstifte dazugeben und nochmals eine Viertelstunde köcheln lassen. Zwiebelringe und Möhrenstifte sollten noch "Biss" haben.

Vom Feuer nehmen und die Würste einlegen. Sie dürfen nur ziehen, nicht mehr kochen, sonst platzen sie. Die Würste müssen - je nach Größe und Anzahl - 15 bis 30 Minuten ziehen. Sie sind gar, wenn sie fest sind.

Die "Blauen Zipfel" aus dem Sud heben und auf tiefe Teller verteilen. Jeweils etwas von dem Sud mit viel Zwiebeln und einigen Möhrenstiften darüber geben und mit Bauernbrot oder Laugenbrezel, Bier oder Weißwein (Rauchbier und Frankenwein!!!) servieren. Ein Löffel zu Messer und Gabel ist ratsam.

Viel Spaß wünscht Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de