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Der Fachwechsel steht an: Anna Netrebko bastelt an ihrer Karriere.
Der Fachwechsel steht an: Anna Netrebko bastelt an ihrer Karriere.
Freitag, 16. August 2013

Jetzt sind Verdis Heroinen dran: Anna Netrebko erobert neue Ufer

Von Katja Sembritzki

Anna Netrebko, der Star der Opernszene, bringt mit "Verdi" ein neues Album auf den Markt. Und das ist nicht nur ihre erste Studio-CD seit fünf Jahre und ihr Beitrag zum 200. Geburtstag des Komponisten. Es markiert eine neue Phase in der Karriere der Sopranistin.

Mit dunkler, geheimnisvoller und dramatischer Stimme intoniert Anna Netrebko die einleitenden, gesprochenen Worte der Auftrittsarie der Lady Macbeth - und landet damit den sprichwörtlichen Paukenschlag gleich zu Beginn ihres neuen Albums "Verdi". Denn wer einen solchen Anfang wählt, der will nicht weniger als ein stimmgewaltiges Statement abgeben: So klingt es, wenn eine Operndiva gesanglich zu neuen Ufern aufbricht.

"Meine Stimme ist in den letzten Jahren tiefer und dunkler geworden. Da musste ich reagieren und das Programm ändern", erklärte die 41-jährige Sopranistin in einem dpa-Interview. Vorbei ist es mit den lyrischen Mädchenrollen wie der Violetta aus Giuseppe Verdis "La Traviata" oder der Adina aus Gaetano Donizettis "Liebestrank", mit denen Netrebko seit 2002 auf den größten Opernbühnen der Welt einen triumphalen Erfolg nach dem nächsten feierte. Jetzt sind die dramatischen Sopran-Partien an der Reihe.

Die CD ist bei Deutsche Grammophon/Universal erschienen und kostet 14,99 Euro.
Die CD ist bei Deutsche Grammophon/Universal erschienen und kostet 14,99 Euro.

Auf ihrem ersten Studioalbum seit fünf Jahren, aufgenommen im Teatro Regio in Turin unter der Leitung von Gianandrea Noseda, gibt Netrebko daher Einblicke in die Porträts fünf starker Frauen aus dem Verdischen Repertoire und präsentiert teils klippenreiche Arien, die sie bisher noch nicht auf der Bühne gesungen hat. Und die schon so manche Sopranistin das Fürchten gelehrt haben.

Mit Gänsehaut-Garantie

Für das CD-Cover allerdings musste Netrebko schon im Vorfeld der Veröffentlichung in Opern- und Fanblogs böse Kritik einstecken. Zu künstlich, zu gephotoshopt sei ihr Porträt. Im dpa-Interview bezeichnet sie das Bild als "ein Experiment" und fügt etwas reumütig hinzu: "Es tut mir leid, wenn es einigen nicht gefällt - ändern kann man das jetzt sowieso nicht. Das nächste Cover wird auf jeden Fall anders."

Der Gesang aber bleibt hoffentlich so beeindruckend wie auf der "Verdi"-CD. Die Tatsache, dass sich ihre Stimme verändert hat, voller und reifer geworden ist, Netrebko sich aber gleichzeitig ihre Leichtigkeit, ihre unbändige Energie und ihre technische Brillanz bewahrt hat, sorgt immer wieder für Gänsehaut.

Aber Netrebko singt die Partien nicht nur, sie interpretiert jede der Heroinen auf einzigartige Weise: da ist eine machtgierige Lady Macbeth, deren eiskalter Ehrgeiz sie in den Wahnsinn treibt; eine gebrochene Elisabetta, die Don Carlos liebt, aber dessen Vater heiraten muss; eine Johanna von Orleans ("Giovanna d’Arco"), getrieben von der leidenschaftlichen Suche nach Gerechtigkeit; eine zerrissene Elena ("Die sizilianische Vesper"), die in ihrem Schmerz versinkt und eine verzweifelte Leonora ("Der Troubadour"), die sich nach Liebe und Tod sehnt.

Von Verdi zu Wagner

Bei einer der Troubadour-Einspielungen kommt es zu einer kleinen Wiedervereinigung: Rolando Villazón, der bereits im letzten Jahr eine CD mit Verdi-Arien vorgelegt hat, ist im Hintergrund in der Titelrolle des Manrico zu hören. Jahrelang galten der mexikanische Tenor und die russische Sopranistin als Bühnentraumpaar und zusammen wirbelten sie ab 2005 den oftmals doch recht angestaubten Opernbetrieb mit ihrem jugendlichen Temperament gehörig auf. Sie wurden wie Popstars bejubelt und die Klatschpresse stürzte sich auf sie. Oder anders gesagt: Die Werbemaschinerie lief unermüdlich – und tut es heute noch.

Während sich Villazón allerdings wegen stimmlicher Probleme eine längere Auszeit nehmen musste und erst langsam wieder den Weg zurück ins Sängerleben findet, gönnte sich die mit Bassbariton Erwin Schrott liierte Netrebko nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes 2008 nur vier Monate Pause, dann zog es sie zurück auf die Bühne.

Auch der nächste Karriereschritt ist übrigens schon geplant: Für 2016 hat Netrebko ihr Rollendebüt als Elsa im "Lohengrin" von Richard Wagner angekündigt. Dass ihr der Gesang dabei kein Kopfzerbrechen bereitet, überrascht nach dem fulminanten "Verdi"-Album nicht. Es gebe da vielmehr ein anderes Problem, gesteht sie, nämlich "dass ich dieses komplizierte Wagner-Deutsch lernen muss". Aber auch diese Klippe wird Anna Netrebko bestimmt mit Bravour meistern.

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Quelle: n-tv.de