Kino

Zutritt nur für Auserwählte "Die Höhle der vergessenen Träume"

Was macht man mit einem unschätzbaren Schatz, den man der Öffentlichkeit nicht präsentieren kann? Richtig: Man dreht einen Film darüber. Genau das hat Werner Herzog getan. Der Regisseur konnte so nicht nur die bisher ältesten bekannten Wandmalereien in Szene setzen, sondern auch in den Kreis der Auserwählten gelangen.

szenenbild_55390005.jpg

Werner Herzog in der Chauvet-Höhle.

(Foto: Ascot Elite)

Die zufällige Entdeckung der sogenannten Chauvet-Höhle im Süden Frankreichs ist mehr als ein Glücksfall. Am 18. Dezember 1994 wurden Jean-Mari Chauvet, Eliette Brunel Deschamps und Christian Hillaire fündig. Die Höhlenforscher hatten sich im Flusstal der Ardèche auf die Suche nach verborgenen Höhlen gemacht. In einer Felsspalte spürten sie einen feinen Windzug, dahinter befand sich die Höhle, die heute legendär ist. Dem Leiter der damaligen Exkursion zu Ehren trägt die Höhle heute seinen Namen - Chauvet.

Die Höhle zu betreten, ist wie ein Zugang zu längst vergangenen Zeiten, wie ein verstohlener Blick in das Leben unserer Vorfahren vor mehr als 30.000 Jahren. Es ist wie ein Aufspüren von Indizien, die auf den Beginn der modernen Menschheit verweisen. Ein faszinierendes Abenteuer, das nur sehr wenigen Menschen vergönnt ist. Der Schatz der Chauvet-Höhle, der vor allem aus mehr als 400 Wandbildern, Fußabdrücken, Knochen- und Kohleresten besteht, ist unglaublich gut erhalten. Grund dafür ist ein abgestürzter Felsblock, der vor rund 22.000 Jahren den Eingang zur Höhle verschlossen hat. Die Forscher gehen heute davon aus, dass die Höhle ein Ort für rituelle Zeremonien gewesen ist.

Zum Schutz der Kostbarkeiten

szenenebild_55210014.jpg

Selbst von außen ist die Höhle spektakulär.

(Foto: Ascot Elite)

Um diesen Ort für weitere Forschungen zu erhalten, muss er auch in Zukunft geschützt werden. Eine Veränderung der Luftfeuchtigkeit in der Höhle, die unter anderem durch den menschlichen Atem hervorgerufen wird, könnte zu Pilzbefall führen. Dieser wiederum könnte die Wandmalereien nachhaltig beschädigen oder sogar unwiederbringlich vernichten.

Trotzdem sollen die imposanten Hinterlassenschaften unserer Vorfahren für alle sichtbar gemacht werden. Dieser Aufgabe hat sich der bekannte Regisseur Werner Herzog gestellt. Obwohl Herzog und sein Zwei-Mann-Team genau wie alle anderen nur ein paar Stunden in der Höhle sein durften und nur mit eingeschränkten Mitteln, wie akkubetriebenen Handscheinwerfern, gearbeitet werden konnte, schaffte es der Regisseur, den Zuschauer in den Bann der Chauvet-Höhle zu ziehen. Schon der Zugang zur Höhle ist geheimnisvoll. Er führt durch einen schmalen Gang und durch eine dicke Stahltür hindurch. Ständig bewachen Höhlenwächter den wahrscheinlich einzigen Eingang zu den archäologischen Kostbarkeiten.

Zugang nur für autorisierte Personen

In die Höhle dürfen nur autorisierte Besucher und ausgewählte Wissenschaftler. Alle Auserwählten dürfen sich nur auf speziell errichteten, schmalen Wegen aus Blechen bewegen, um die unangetasteten Böden nicht zu beschädigen. Glitzernd und ausgestattet mit imposanten Tropfsteinen wäre die Höhle schon ohne Wandmalereien eine echte Attraktion. Die verschiedenfarbigen Bilder, die über mehrere Jahrtausende erschaffen und mehrere Meter an den Wänden reichen, verschlagen einem geradezu den Atem. Der Besucher hat den Eindruck, dass Höhlenlöwen, Panther, Hyänen, Wollnashörner, Pferde und Mammuts über die Wände laufen, denn die Malereien sind nahezu perfekt an die Reliefs der Höhlenwände angepasst. Es lässt sich vermuten, dass die Tiere bewusst so gezeichnet worden sind, denn durch Fackellicht bekommen die Bilder eine einzigartige Dynamik. Die Tierbilder sind von unschätzbarem Wert und von erstaunlicher Schönheit. Menschen oder menschliche Wesen sind in der Höhle nicht dargestellt. Nur ein paar farbige Handabdrücke und der Unterleib einer Frau lassen sich in der Chauvet-Höhle als menschliche Abbilder erkennen.

Auch dem Regisseur selbst und seiner Begleiter ist die Ausstrahlungskraft der ältesten bisher bekannten Bilder anzumerken. Bewusst fängt Herzog die Gesichter der beteiligten Höhlenbesucher ein und filmt die Wissenschaftler bei ihrer Arbeit, die hauptsächlich außerhalb der Chauvet-Höhle erledigt werden muss. Auch die Größe der Höhle und der Malereien machen Eindruck. Die Höhle hat nach dem derzeitigen Vermessungsstand eine Grundfläche von mehr als 8100 Quadratmetern. Manche Wandbilder sind bis zu 12 Meter breit. Der Aufbau ist klar strukturiert. Mehr als 470 verschiedene Tiere sind bisher in der Höhle gezählt worden.

Reichlich Zusatzinformationen

Herzog schafft es in seinem Film, die uralten Schätze der Höhle in Szene zu setzen. Man merkt dem Filmemacher an, dass es auch für ihn ein unglaubliches Abenteuer ist, die Höhle besuchen zu dürfen, einen Film darüber zu drehen und damit auch allen nicht autorisierten Menschen einen Einblick in die Geheimnisse der Chauvet-Höhle zu verschaffen. Auch wenn die vielen Zusatzinformationen, die nicht direkt etwas mit der Höhle zu tun haben, manchmal von den visuellen Eindrücken des Zuschauers ablenken, ist die Arbeit von Herzog und seinem Team nicht hoch genug einzuschätzen.

Von der Faszination getrieben, scheint sich Herzog jedoch mit seinem Epilog am Ende des Filmes etwas zu verrennen. Vergleiche des Menschen mit Albino-Krokodilen, die in der Nähe der Höhle, von dem aufgeheizten Kühlwasser eines Kernkraftwerkes gezüchtet werden, lassen den Zuschauer dann doch etwas ratlos zurück. Dennoch wird es "Die Höhle der vergessenen Träume" mit einer Spielzeit von 86 Minuten in so manches Klassenzimmer und so manche DVD-Sammlung schaffen - am effektvollsten natürlich in 3D.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema