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Menstruation, Masturbation und Muschischleim Die Untiefen der "Feuchtgebiete"

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Da geht es schon auch mal unter die Gürtellinie: Carla Juri als Helen Memel in "Feuchtgebiete".

(Foto: Majestic)

Ja, ohne die unterschiedlichsten Körperflüssigkeiten kommen die "Feuchtgebiete" definitiv nicht aus. Aber ist der Film nach dem Roman von Charlotte Roche auch tatsächlich skandalös, ekelig und provokativ? Eins ist er in jedem Fall: ein Schaulaufen der großartigen Hauptdarstellerin Carla Juri. Zumeist mit ziemlich wenig Klamotten.

Kokettiert sie? Ist sie schüchtern? Naiv? Oder trägt sie einfach nur das latent verdrehte Schauspieler(innen)-Gen in sich? So richtig wird man aus Carla Juri nicht schlau. Denn auch wenn sie nun in "Feuchtgebiete" mit der Hauptfigur Helen Memel eine 18-Jährige spielt, ist die 1985 geborene Schweizerin ja kein Kind mehr. "Mir waren die Figur und die menschliche Geschichte wichtig und das, was hinter den Provokationen steckt", sagt Juri nach kurzem Überlegen im Brustton der Überzeugung. Auch wenn der bei ihr eher flüsternd daherkommt.

Wie bitte? Hatte sie denn gar keinen Respekt vor dieser Herausforderung? Keine Skrupel, sich vor der Kamera nackig zu machen, sämtliche Körperöffnungen - zumindest zwischen den Frames - preiszugeben und über Hämorrhoiden und Analfissuren, Menstruation und Masturbation, Anal- und Oralverkehr, Muschischleim und Spermakrusten zu sinnieren? Hatte sie keine Angst davor, ihre erste große Rolle in der Verfilmung eines der umstrittensten Bücher der jüngsten Zeit überhaupt zu absolvieren? Hat sie sich keine Gedanken über den Rummel gemacht, der sie so sicher wie das Amen in der Kirche bei diesem unheiligen Kinodebüt erwarten würde? Und keine Sorgen darüber, was danach kommt? "Ich habe den eindimensionalen Medienhype ausgeblendet", sagt Juri abermals in ihrem bedächtigen Hochdeutsch mit unverkennbarem schwizerdütschen Akzent. "Film ist Kunst und Kunst ist größer als das eigene Leben."

Nicht nur ein "Ekelfilm"

Während einem noch der Mund vor perplexem Staunen über diese Aussage offen steht, ist Zeit, zumindest kurz und bündig das Geschehen in "Feuchtgebiete" zusammenzufassen. Wenigstens für all die, die das Buch von Charlotte Roche nicht gelesen haben. Und sich womöglich trotzdem darüber - und über die Verfilmung natürlich erst recht - echauffieren. Als sich die 18-jährige Helen bei der Intimrasur versehentlich eine schmerzhafte Analfissur zuzieht, muss sie ins Krankenhaus. Während sich das Ärzteteam um Professor Notz (Edgar Selge) um ihre Verletzung kümmert, versüßt sich Helen den Krankenhausaufenthalt damit, ihren Phantasien freien Lauf zu lassen. Phantasien, in denen all die oben erwähnten Dinge eine Rolle spielen und die bei Otto-Normal-Frau ansonsten maximal hinter verschlossener Badezimmertür ausgelebt werden dürften. Aber in jedem Fall nicht vor einem Millionenpublikum.

Im Krankenhaus trifft Helen zudem auf den Pfleger Robin (Christoph Letkowski). Anfangs von ihrer unverblümten Art noch irritiert, beginnt die außergewöhnliche Patientin ihn zusehends zu faszinieren. Doch das ist nicht das einzige Beziehungsgeflecht, das sich hinter all dem Sperma, Blut und Vaginalsekret, das über die Leinwand schwappt, entspinnt. Auch Helens Kampf mit der Trennung ihrer Eltern, ihr schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater (Axel Milberg) und die dramatischen Kindheitserfahrungen mit ihrer Mutter (Meret Becker) sind zentrale Motive des Films - um einiges zentraler als im Buch. "Feuchtgebiete" ist nicht nur ein "Ekelfilm". Es ist auch eine Liebesgeschichte und Familientragödie.

Und es ist ein Psychogramm. "Wenn Nacktheit keinen Sinn ergibt, sondern ich das auch angezogen spielen und erklären könnte, wäre sie unberechtigt", erläutert Juri ihre Haltung zu den freizügigen Szenen in dem Film. "Bei Helen hat Nacktheit eine emotionale Dimension. Das ist ihr seelischer Zustand", erklärt die Schweizerin weiter, weshalb sie die Entblößung am Set und nun auch vor einem Millionenpublikum "riskiert" hat. Sich selbst erkennt sie dabei in dem Charakter nicht: "Ich bin Schauspielerin, das ist mein Beruf. Ich muss nicht selber sein wie meine Figuren."

Ausflug in die Sauna

Naiv? Nein, auf einmal klingt der Twen aus dem Tessin schon geradezu abgeklärt. Regisseur David Wnendt erzählt gern die Anekdote, wie er mit Juri und der gesamten Filmcrew gemeinsam in die Sauna gegangen ist, um einen gewissen Gleichstand zwischen der Hauptdarstellerin und dem Team herzustellen. Und er weiß, dass sich bei Weitem nicht alle Schauspielerinnen, die für die Besetzung der Helen potenziell in Frage gekommen wären, derart nüchtern mit der Rolle auseinandersetzen konnten. "Aber das war oft gar nicht so sehr die Angst vor der konkreten Nacktheit beim Dreh", sagt Wnendt. "Die große Sorge war eher: Was passiert hinterher? Was werden die Medien schreiben? Werde ich mein Leben lang im Supermarkt angespuckt und als Avocado-Schlampe beschimpft werden?"

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Er hat nicht nur Mut zum Schnauzer: Regisseur David Wnendt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Doch auch für ihn stand mit der Übernahme der Regieverantwortung bei "Feuchtgebiete" durchaus einiges auf dem Spiel. Für sein sensibles Sozialdrama "Kriegerin" im Neonazi-Milieu - mit dem er sein Diplom an der Filmhochschule absolvierte - wurde Wnendt vor zwei Jahren mit Lobeshymnen geradezu überschüttet. Mit der Verfilmung von Charlotte Roches Roman hat er sich nun abermals eines heiklen Themas angenommen. Eines Themas, bei dem erneut eine Frau im Mittelpunkt stehen sollte. Und eines Themas, bei dem ihm ein zwiespältiges Echo diesmal von vornherein gewiss war - ganz egal, wie er sein Werk umsetzen würde. Doch davon wollte er sich nicht abschrecken lassen. "Ich kannte und mochte den Roman schon lange, bevor es darum ging, einen Film daraus zu machen. Und ich habe darin immer auch etwas anderes gesehen als die Provokation oder den Ekel", sagt Wnendt.

Und in der Tat: Manch einer, der den Streifen ungesehen schon mal als "Skandalfilm" oder "Porno-Provokation" abgestempelt hat, dürfte über die äußerst mannigfaltigen Untiefen, die die "Feuchtgebiete" auf der Leinwand offenbaren, durchaus erstaunt sein. "Wir wollten nicht unter allen Umständen krasser sein als das Buch und da noch eins draufsetzen. Es sollte schon die eklige oder auch erotische Ebene geben, aber der Film sollte nicht darauf reduzierbar sein. Denn auch das Buch kann man darauf eigentlich nicht reduzieren", erläutert Wnendt seinen Ansatz. Und fährt fort: "Die Schauspielerin war wirklich nackt. Und die Kamera konnte sich ganz frei um sie bewegen. Aber Absprache war etwa, dass wir keine Großaufnahmen ihrer Genitalien machen oder echten Sex zeigen. Das war in meinen Augen einfach nicht nötig."

"Skandalfilm" ab 16

Herausgekommen ist somit ein Film, der so "skandalös" ist, dass ihn die Freiwillige Selbstkontrolle gar schon für Jugendliche ab 16 für geeignet hält. Ein Film, der den Monolog-Stil der literarischen Vorlage gekonnt in eine leinwandgerechte Form überführt, ohne den Geist des Buches dabei zu verraten. Ein Film, der es durch äußerst geschickte Inszenierung schafft, auf allzu explizite Szenen weitgehend zu verzichten und trotzdem eindeutig zu sein. Ein Film mit einer herausragenden Hauptdarstellerin Carla Juri, die das Himmelfahrtskommando zu den "Feuchtgebieten" derart glaubwürdig angenommen hat, dass man sie mit Sicherheit demnächst noch in zahlreichen weiteren, auch angezogenen Rollen sehen wird. Und ein Film, der mit deutschem Regisseur, Schweizer Protagonistin und zumindest halb-britischer Vorlage (Charlotte Roche ist gebürtige Britin) internationales Flair und eine "Trainspotting" nicht ganz unähnliche Atmosphäre versprüht - und das nicht nur, weil beide Streifen über eine nur allzu denkwürdige "Klo-Szene" verfügen. Der Vergleich mit "Trainspotting" sei auf jeden Fall ein Kompliment, findet Wnendt. Schließlich sei das "ein unsterbliches Meisterwerk".

Darüber, ob es wirklich nötig ist, die intimsten Intimbereiche zu thematisieren, kann und darf man trefflich streiten. Und so war und ist es natürlich programmiert, dass diese Diskussion, die schon Roches Romanveröffentlichung begleitet hat, nun zum Filmstart abermals hochkocht. Ebenso wie die Debatte, ob "Feuchtgebiete" nun wirklich einen emanzipatorischen Akt weiblicher Selbstbefreiung und eine Rebellion gegen übertriebene Hygienedogmen darstellt oder im Gegenteil nicht viel mehr ist als eine plumpe "Wichsvorlage", wie sogar Roche selbst einmal ihr Buch scherzhaft charakterisiert hat.

Apropos "Wichsvorlage": Im Film dient einer Gruppe von Männern dazu eine Pizza, über der sie sich erleichtern. "Das waren echte Pornodarsteller, die das auch wirklich gemacht haben", berichtet Wnendt frei von der Leber weg. Und löst zugleich auf: "Das meiste, was man da in Zeitlupe sieht, ist angerührtes Sperma - Eiweiß mit weißer Farbe und dergleichen." Das meiste. Wem das schon zu viel an Information ist, dem ist definitiv von einem Ausflug in die "Feuchtgebiete" abzuraten. Und auch darüber, ob Sie Ihrer Großmutter eine Freikarte für den Film schenken wollen, sollten Sie ein klein wenig länger nachdenken. Denn natürlich wäre es unredlich, zu verhehlen, dass bei all den Geschichten dahinter die "Feuchtgebiete" nicht zuletzt durch die Zurschaustellung von Körpersäften geflutet werden.

"Wenn man Schwänze, Sperma und andere Körperflüssigkeiten ekelhaft findet, kann man es mit dem Sex auch direkt bleiben lassen", philosophiert Helen Memel in Buch und Film. Man kann das quasi eins zu eins übersetzen: "Wenn man Schwänze, Sperma und andere Körperflüssigkeiten ekelhaft findet, kann man es mit dem Kinobesuch auch direkt bleiben lassen." Wer die entsprechenden Darstellungen indes mit dem ihnen durchaus innewohnenden Humor erträgt, wird feststellen: "Feuchtgebiete" ist ein richtig guter Film geworden.

"Feuchtgebiete" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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