Kino

Horrorkomödie "Get Out" Ein Alptraum in Weiß

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Wird von der Mutter seiner Freundin hypnotisiert: Chris (Daniel Kaluuya)

(Foto: dpa)

Die dunklen Zeiten des Rassismus liegen lange hinter uns, heutzutage sind wir alle gleich. Stimmt so? Stimmt nicht! "Get Out" hält uns den Spiegel vor und zeigt, dass die postrassistische Gesellschaft nur eine bequeme Lüge ist.

Ein junger Mann geht eine leere Straße entlang und fummelt dabei nervös an seinem Handy herum: Er hat auf dem Weg zum Haus der Eltern seiner Freundin zwei Straßennamen verwechselt und ist dabei in einem dieser typisch US-amerikanischen Vororte mit den perfekt getrimmten Rasenflächen und den spießigen weißen Gartenzäunen gelandet. Die Gegend wirkt wie ausgestorben, bis aus der Dunkelheit ein weißer Sportwagen auftaucht und ihn im Schritttempo begleitet. Die Scheiben sind abgedunkelt, aus dem Auto tönt der 40er-Jahre-Song "Run, Rabbit, Run" über einen Bauern, der auf Kaninchenjagd geht. Der junge Mann dreht auf dem Absatz um, aus Nervosität wird pure Panik, aber da ist sein Schicksal natürlich schon besiegelt.

Bereits die Anfangsszene von "Get Out" dreht die ungeschriebenen Gesetze des Filmbusiness um 180 Grad: Ginge alles mit rechten (also weißen) Dingen zu, wäre das Opfer ein unschuldiges weißes Mädchen, das sich zufällig in ein heruntergekommenes schwarzes Ghetto verirrt hat und von einem tiefergelegten Crewschlitten verfolgt wird, aus dem Gangsta-Rap pumpt. In "Get Out" wird indes ein kräftiger schwarzer Mann zum Gejagten - eine Szene, die nicht rein zufällig Erinnerungen an den Tod von Trayvon Martin weckt, der vor einigen Jahren auf dem Nachhauseweg in einem Vorort in Florida erschossen wurde, weil er wegen seiner Hautfarbe für einen Kriminellen gehalten worden war.

Regisseur Jordan Peele spielt im Verlauf des Films immer wieder mit Szenen, die man aus den Nachrichten kennt - und gibt ihnen durch die persönliche Perspektive einen neuen, noch verstörenderen Dreh. Das klappt vor allem deswegen so gut, weil die eigentliche Geschichte auf den ersten Blick wie die Blaupause eines klassischen Horrorfilms wirkt, nur eben mit umgedrehten Vorzeichen: Die hübsche und sehr weiße Rose (Allison Williams) will ihren neuen Freund Chris (Daniel Kaluuya) ihren Eltern vorstellen, die irgendwo auf dem Land wohnen. "Hast du ihnen erzählt, dass ich schwarz bin?", fragt Chris besorgt. "Nein, wieso, sollte ich?", entgegnet Rose, und überhaupt: Ihre Eltern seien total liberal und ihr Dad hätte zum dritten Mal Obama gewählt, wenn das möglich gewesen wäre. Alles gut also?

Schwarzer Schimmel und "Die Nacht der lebenden Toten"

Natürlich nicht. Da kann Rose' Dad (Bradley Whitford) den neuen Freund seiner Tochter bei der Begrüßung noch so fest an sich drücken und von der Bereicherung fremder Kulturen schwafeln, irgendetwas stimmt nicht auf dem Anwesen, das so frappierende Ähnlichkeiten mit einer Südstaatenplantage hat: Die beiden schwarzen Hausangestellten scheinen in den 1950ern hängengeblieben zu sein, der Keller darf nicht betreten werden ("Wir mussten ihn versiegeln, wir haben schwarzen Schimmel) und Rose' Mutter hypnotisiert ihren Gast gleich am ersten Abend - angeblich, um ihm dabei zu helfen, sich das Rauchen abzugewöhnen.

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Machen gute Miene zum weißen Spiel: Rose (Allison Williams) und Chris (Daniel Kaluuya)

(Foto: dpa)

Viel mehr kann man von der Handlung zwar nicht verraten, ohne fies zu spoilern (wer überrascht werden möchte, sollte deshalb auch auf den Trailer verzichten, der eigentlich bereits alles verrät) - aber wer weiß, dass "Die Frauen von Stepford", "Rosemaries Baby" und "Die Nacht der lebenden Toten" zu Regisseur Peeles Inspirationsquellen gehören, ahnt bereits ungefähr, in welche Richtung sich der Film entwickeln wird. Als Zuschauer weiß man auch deshalb oft nicht so genau, ob man jetzt lachen oder heulen soll, aber genau dieser bitterböse Humor zeichnet "Get Out" aus - und hilft dabei, dem angeblich so postrassistischen Amerika die Maske herunterzureißen.

Am Ende entlädt sich die aufgestaute Energie schließlich in einer genüsslich inszenierten Gewaltorgie, die den Zuschauer auf irritierende Art und Weise befriedigt im Kinosessel zurücklässt - mit ein paar frischen Antworten und vielen neuen Fragen. Eines aber steht ohne Zweifel fest: "Get Out" ist uneingeschränkt empfehlenswert.

"Get out" startet am 4. Mai in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de

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