Unterhaltung
Leonardo DiCaprio spielt Dom Cobb.
Leonardo DiCaprio spielt Dom Cobb.(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Dienstag, 28. Dezember 2010

Die Kraft des Kopfkinos: Traum oder Realität? "Inception"!

von Thomas Badtke

Illusion oder Wirklichkeit? Kino lädt zum Träumen ein - und besitzt gleichzeitig die Magie, Träume wahr werden zu lassen. Mit "Inception" hat Christopher Nolan ein epochales Meisterwerk geliefert.

Welches ist der widerstandsfähigste Parasit? Ein Bakterium? Oder ein Virus? Nein, ein Gedanke. Simpel und komplex zugleich. Ein Gedanke ist resistent und hochansteckend. Wenn ein Gedanke einen Verstand erst einmal infiziert hat, ist es fast unmöglich, ihn zu entfernen. Ein Gedanke, der vollkommen ausgeprägt ist, vollkommen verstanden - der bleibt haften. Und er kann gestohlen werden.

Und genau darin ist Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) der Beste. Er ist spezialisiert darauf, in die Träume anderer Menschen einzudringen und Geheimnisse aus deren Unterbewusstsein "zu extrahieren". Das ist nicht ungefährlich. Aber ein Klacks gegenüber einer "Inception": Einen Gedanken in den Verstand eines anderen zu pflanzen. Das muss Cobb tun, denn nur so kann er darauf hoffen, jemals seine beiden Kinder in seiner Heimat USA wieder zu sehen und in seinen Armen zu halten. Cobb steht dort unter Mordverdacht.

Traumfilm mit Traumbesetzung

So schnell die Story erzählt ist, so tiefgründig und vielschichtig ist die Umsetzung des Plots. Verantwortlich dafür zeichnet Regisseur Christopher Nolan. Er hat bereits mit "Memento" bewiesen, dass es möglich ist, anspruchsvolle komplexe Themen so filmisch zu verpacken, dass sie die breite Masse ansprechen. Nolan schaffte es in den vergangenen Jahren auch, der bereits totgesagten "Batman"-Reihe wieder Leben einzuhauchen. Der jüngste Teil "The Dark Knight" überzeugte nicht nur die Kritiker: Er brachte Heath Ledger als "Joker" posthum einen Oscar ein. Aber auch die Kinokassen klingen, er schaffte es, mehr als eine Milliarde Dollar einzuspielen. Gewissermaßen als Belohnung gab es vom Filmstudio Warner Bros. "grünes Licht" für die Umsetzung von "Inception", dessen Drehbuch direkt dem scheinbar verworrenen Verstand Nolans entsprungen ist.

Zehn Jahre dauerte es von der Idee in Nolans Verstand bis zum endgültigen Dreh. Der Cast allein macht bereits deutlich, wie viel Herzblut Nolan in dieses Projekt investiert hat: Selbst die Nebenrollen sind mit Filmstars besetzt, die bereits bewiesen haben, dass sie auch schauspielern können: Die Oscar-Gewinner Michael Caine ("Harry Brown", "Gottes Werk und Teufels Beitrag") als Cobbs Vater und Marion Cotillard ("Ein gutes Jahr", "La vie en rose") als Cobbs Frau zeigen das überdeutlich. Ken Watanabe (Saito), der etwa in "Der letzte Samurai" oder "Briefe aus Iwojima" brillierte, Cillian Murphy ("28 Days Later", "Sunshine") und Nachwuchsstar Ellen Page als "Traum-Architektin" Ariadne ("Hard Candy", Oscar- und Golden-Globe-Nominierung für "Juno") sind ebenfalls außergewöhnlich gute Darsteller.

Ellen Page und Marion Cotillard: die weiblichen Stars in "Inception".
Ellen Page und Marion Cotillard: die weiblichen Stars in "Inception".(Foto: REUTERS)

Bei der Hauptrolle weicht Nolan allerdings von seinen letzten Filmen ab: Statt Christian Bale ("Batman"-Reihe und "The Prestige") schlüpft DiCaprio in die Rolle des Dom Cobb. Sie ist ihm nach Filmen wie "Departed", "Blood Diamond" (für den er eine Oscar-Nominierung erhielt) oder Martin Scorseses Verfilmung des Bestsellers von Dennis Lehane, "Shutter Island", wie auf den Leib geschnitten.

Traum im Traum im Traum

Cobb ist die Hauptfigur des Films, kein aalglatter Held, sondern ein gebrochener Charakter, und sein Trauma um den mysteriösen Tod seiner Frau ist der rote Faden, an dem sich der Film entlang bewegt. Atemberaubende Actionsequenzen wie der visuelle Leckerbissen einer in Super-Slowmotion gezeigten Explosion eines Cafes mitten in Paris, bei der sich die zerstörten Teile immer weiter und weiter zerkleinern; oder der Kampf Mann gegen Mann im schwerelosen Zustand in einem sich bewegenden Hotelflur wechseln sich ab mit faszinierend-paradoxen Aufnahmen des "zusammengefalteten Paris" oder der in sich geschlossenen Treppe.

Dazu wird, spielerisch und fast ganz nebenbei, erzählt, was eine Inception ist, wie sie vonstatten geht, wie man sich dagegen wehren kann oder was beim Scheitern einer Extrahierung droht. Nolan schafft es, wie bei "Memento", mehrere Handlungsstränge gekonnt miteinander zu verknüpfen und zwar so, dass der Zuschauer folgen kann - selbst wenn es sich um den Traum in einem Traum in einem Traum handelt.

Ein Traum in Noten

Die Wucht der Bilder, die Nolan mit seinen Traumwelten zeichnet, wird zudem treffend vom Score aufgegriffen. Der stammt aus der Feder des ebenfalls Oscar-prämierten Komponisten Hans Zimmer, der zudem noch ein Freund Nolans ist und auch bereits die düstere Stimmung von "The Dark Knight" musikalisch eingefangen hat. Zimmer, dessen Kompositionen meist zwar eingängig sind, aber dafür immer im Ohr bleiben und so unverwechselbar für einen Film stehen ("Fluch der Karibik"), kreierte für "Inception" zunächst elektronische Muster, die dann mit "richtigen Instrumenten" eingespielt wurden. Das Schmankerl dabei: Die Gitarrenstücke der Filmmusik lieferte Johnny Marr von der 80er-Jahre-Kultband "The Smiths". Zimmer griff also wieder einmal auf die Kraft eines Orchesters zurück.

Und genau das sorgt für die unverwechselbare Klangtiefe der Musik, die die Handlung des Films umspielt und teilweise sogar vorwärts zu drängen scheint. Höhepunkt dabei ist die Szene, als Cobb am Ende des Films nach der "Inception" am Flughafen landet, das Terminal betritt und nicht weiß, ob er gleich verhaftet wird oder ein freier Mann ist. Diese Bilder werden nur von der Musik geführt.

Alles real oder doch nur ein Traum?

Bleibt die Frage nach Illusion und Wirklichkeit. Sie greift den Anfang des Films auf und umschreibt das Ende, als Cobb seine Kinder in die Arme schließt, es Nolan aber dennoch schafft, die Zuschauer im Unklaren zu lassen, ob die Realität über den Traum gesiegt hat. Nolan ordnet nichts Geringeres als das in Hollywood so geliebte Happy End der Möglichkeit unter, weiterzudenken und zu fragen: Was wäre wenn?

Der "Inception"-Regisseur und seine Stars: Christopher Nolan (r.) mit Marion Cotillard (M) und Leonardo DiCaprio (l.).
Der "Inception"-Regisseur und seine Stars: Christopher Nolan (r.) mit Marion Cotillard (M) und Leonardo DiCaprio (l.).(Foto: REUTERS)

Das ist vielleicht auch ein Grund, warum "Inception" so erfolgreich ist. Der Film hat mittlerweile mehr als 800 Millionen Dollar eingespielt. Er ist 2010 nach "Toy Story 3" der zweiterfolgreichste Streifen an den Kinokassen gewesen, ein Blockbuster wider Willen und damit ein Traum, der für das Filmstudio zur Realität geworden ist. Ein Traum, der durch die erschienenen und mit Zusatzmaterial vollgepackten  DVDs und Bluerays, die es möglich machen, den 148-Minuten-Film, im Gegensatz zu so mancher Kinovorführung, am Stück und ohne Pause zu sehen, noch realer werden dürfte. Ein Traum, aus dem man eigentlich nicht aufwachen will - wenn es ein Traum ist. 

 

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Quelle: n-tv.de