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Der Fluch des Stars Die Lena-Allianz ist zerbrochen

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Lovely Lena alias Lena, die Zicke.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es hat sich was verändert seit Oslo, das ist in Düsseldorf deutlich zu spüren. Nicht nur beim Verhältnis der Journalisten zu Titelverteidigerin Lena, sondern auch bei der Sängerin selbst. Sie kann es längst nicht mehr allen recht machen - und will es offensichtlich auch nicht mehr.

Erfolg macht einsam. Misserfolg aber auch. Nun kann man beim deutschen Fräuleinwunder Lena Meyer-Landrut allerdings wahrlich nicht von Misserfolg sprechen. Sie hat den Eurovision Song Contest vor einem Jahr phänomenal gewonnen, ihre beiden Alben erreichten mal eben locker Platin-Status und bei der Echo-Verleihung räumte sie zwei Trophäen ab. Kaum eine andere Person dürfte im vergangenen Jahr eine ähnlich starke mediale Präsenz gehabt haben. Im Guten wie im Schlechten, aber wie heißt es so schön: Auch schlechte Presse ist gute Presse. Ebenso kommt einem kaum jemand in den Sinn, der in jüngster Vergangenheit das öffentliche Erscheinungsbild derart geprägt hätte. Am Rande des Song Contests in Düsseldorf fällt das natürlich besonders auf. Wo man hinsieht, lächelt sie einen von Werbeflächen herunter an. Vor den Kneipen in der Altstadt steht sie am Eingang - als Pappfigur. Und am Rhein flattert ihr Konterfei auf Fahnen im Wind. Apropos Wind: Hätte die gleichnamige Gruppe, wenn sie seinerzeit den Song Contest gewonnen hätte, den öffentlichen Raum ähnlich stark vereinnahmt? Hätten es Alex Swings Oscar Sings? Hätte es Stefan Raab? Wohl kaum.

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Deutschland und Lena - das Abnabeln fällt schwer.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn man anderen Grand-Prix-Teilnehmern in diesem Jahr beim Reden über Lena zuhört, dann schwingt da durchaus so etwas wie Ehrfurcht mit. Eine, die den Wettbewerb schon einmal gewonnen hat, nötigt ihnen Respekt ab. Auch wenn sie sich hier für ein paar Tage im Licht der Scheinwerfer sonnen können, dürfte den meisten von ihnen die große Gefahr doch bewusst sein, dass sie nach ihren etwas mehr als 15 Minuten Ruhm wieder nach Hause reisen und dorthin verschwinden werden, wo sie hergekommen sind - in der Versenkung. Nur - the winner takes it all - der Sieger nicht. Und Lena. Sieg hin oder her. Denn anders als die, die auf das Wunder von Düsseldorf hoffen, hatte sie ihr Wunder von Oslo schon.

Zeitenwende

So ist Lena längst genau zu dem geworden, wofür sie früher - von den Medien, von der Öffentlichkeit, von Deutschland - nicht minder genau geliebt wurde, dass sie es eben nicht ist: Ein Star. Und das mit allen Begleiterscheinungen, die das mit sich bringt. Gewollt oder ungewollt. Bei keinem Auftritt eines Grand-Prix-Teilnehmers balgen sich Fotografen und Kameraleute in Düsseldorf mehr als bei der Titelverteidigerin. Wenn sie denn auftritt. Denn so rar wie sie macht sich auch kaum ein anderer. Immer wieder kann man im Pressezentrum beobachten, wie Interpreten aus den Teilnehmerstaaten sich für die Journalisten zum Foto aufstellen, ein spontanes Interview oder Ständchen geben. Im Catering-Zelt kann man ebenso neben dem dänischen Sänger wie neben Österreichs Interpretin zu Mittag essen. Und die britischen Hoffnungsträger Blue trifft man schon mal bei einem spätabendlichen Bummel durch Düsseldorfs Altstadt im Irish Pub.

Bei Lena scheint das komplett ausgeschlossen. Sie wird abgeschirmt und schirmt sich ab. Klar, es gibt immer wieder fixe Pressetermine mit mehr oder weniger ausgewählten Journalisten mit ihr. Klar, sie zeigt sich hier im offiziell vorgegebenen Rahmen von ihrer Sahneseite, verteilt Apfelkuchen und lächelt in die Kameras, so, als perlte der Rummel um sie genauso an ihr ab wie die Kritik, mit der sie sich in jüngster Zeit immer wieder konfrontiert sah. Doch darüber hinaus gibt es kaum ein Herankommen an sie. "Spricht sie jetzt mit (fast) keinem mehr?", fragt sich die Zeitung mit den vier großen Buchstaben. Und auch uns wird ein Interviewwunsch mit ihr abschlägig beschieden. Aus Zeitgründen, wie es heißt.

Ein Ständchen von Sjonni's Friends

In Oslo war das alles noch ganz anders. Hier zeigte Lena deutlich weniger Berührungsängste, war eine von vielen unter den Teilnehmern, die genauso unbefangen durch die Gegend streifte wie heute die Isländer Sjonni’s Friends, die just in dem Moment, in dem wir diese Zeilen schreiben, am Tisch hinter uns einem schottischen Internet-Reporter in Mikro und Webcam singen. Die Pressekonferenzen mit ihr und Stefan Raab glichen Partys, aus denen jeder mit einem breiten Grinsen im Gesicht herausging. In Düsseldorf indes geht man aus Lenas Pressekonferenz mit einem Stück Apfelkuchen im Magen heraus.

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Auf dem roten Teppich war Lena der Star.

(Foto: picture alliance / dpa)

Tatsächlich kann das einem auch auf den Magen schlagen, doch die Distanz ist bis zu einem gewissen Maß zwangsläufig. Sjonni’s Friends oder Blue können sich relativ frei bewegen, weil sie außer den eingefleischten ESC-Fans eh keiner auf der Straße erkennen würde. Und wenn doch, dann würden sie das wohl eher genießen. Sie wollen den Status, den die Deutsche (noch?) hat, erst oder - wie im Falle von Blue - wieder erreichen. Und das Interesse der Journalisten an ihnen teilt sich einigermaßen auf, während an Lena alles sofort zippelt und zuppelt. Die Tatsache, dass wir kein persönliches Interview mit ihr bekommen haben, regt uns so gesehen auch nicht wirklich auf. Dass Lenas Zeitplan eng gestrickt ist, glauben wir durchaus.

Party ohne Gastgeberin

Doch der neue Wind, der Lena umweht, ist nicht nur dem Teufelskreis der Popularität geschuldet. Es hat sich noch etwas anderes verändert seit Oslo, das ist deutlich zu spüren. Die vor einem Jahr so geschlossene Lena-Allianz ist zerbrochen. Wohl an beiden Enden, so sehr sich die Hannoveranerin nach außen hin auch um den Anschein bemüht, dass alles kein Problem und in Ordnung sei. Sie ist dünn wie ein Strich in der Landschaft. Als sie bereits kurz nach Ende des offiziellen Teils die Party beim Bürgermeister verlässt, wirkt sie genervt. Sie lädt hunderte Journalisten und andere Gäste zur Delegationsparty "12 Points" ein, mischt sich aber nach ihren Auftritten auf der Bühne nicht ein mal unter sie. Und die doch eher ironische Frage eines Reporters bei der Pressekonferenz, ob sie denn im Falle eines Siegs in Düsseldorf nächstes Jahr ihr Lied für den Song Contest selbst aussuchen wolle, beantwortet sie ernsthaft und bestimmt: "Ich werde es nicht nochmal machen." Ob sie das wohl genauso gesagt hätte, wenn ihr Auftritt in Düsseldorf mit der gleichen Euphorie gefeiert worden wäre wie ihr Sieg in Oslo?

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Feingefühl ist nicht seine Stärke: Stefan Raab.

(Foto: picture alliance / dpa)

Auch bei Lenas Proben, die in Oslo noch von lautstarkem Jubel begleitet wurden, der ihrerseits mit Faxen in Richtung der Journalisten belohnt wurde, fand zwischen der Sängerin und ihren Beobachtern in Düsseldorf praktisch keine Interaktion mehr statt. Warum auch? Der Jubel war verhalten. Und Lena, der Star, scheint sich lieber professionell mit der Vorbereitung ihres Auftritts zu beschäftigen als mit denen, die in ihrem nächsten Bericht die Welt über ihre Bühnenshow informieren. Und diese womöglich zerpflücken. Denn das ist natürlich das andere Ende der zerbrochenen Allianz. Weite Teile des einstigen Gefolges der Sängerin sind längst abtrünnig geworden und ihre frühere Generalbegeisterung ist einer Generalkritik gewichen - spätestens seit Lenas Tournee durch viel zu große Hallen. Ein - unter dem Eindruck der Euphorie über den Sieg von Oslo vielleicht sogar verständlicher - Fehler ihres Managements, der sie jedoch viel Reputation gekostet hat.

Bei der "12 Points"-Feier standen Lena-Fähnchen wie Sauerbier in Gläsern. Erst als der Moderator der Veranstaltung anlässlich der Live-Schalte der Hannoveranerin - von einem selbstverständlich sorgsam abgeschirmten Podium aus - in die TV-Total-Sendung dazu aufforderte, sie doch zu schwenken, erbarmten sich einige.

Raab in der Zwickmühle

So wird aus der einst gefeierten "Lovely Lena" kurz vor ihrer Mission Titelverteidigung in manchen Medien sogar Lena, die Zicke, weil sie in einem Interview mit TV-Dino Frank Elstner ziemlich pampig reagierte. So schlecht vorbereitet wie Elstner auf das Gespräch war, wären andere allerdings womöglich auch aufgestanden und gegangen. Und bei ihnen hätte es womöglich geheißen: richtig so.

Lenas "Pate" Stefan Raab, wie Frank Elstner ihn nannte und dafür von der Sängerin gleich mal wieder verbal eins übergezogen bekam, kann in seiner Funktion als ESC-Moderator wenig tun, um der Demontage der deutschen Grand-Prix-Hoffnung entgegenzuwirken. Stattdessen kanzelte er in gewohnter Weise ohne Rücksicht auf Verluste in der Pressekonferenz Journalisten ab. Doch auch sein Image von dem, der alles zu Gold macht, was er anfasst, hat mit der umstrittenen Mission Titelverteidigung bereits Risse bekommen. Erst recht, wenn das Ganze richtig schiefgehen sollte. Das ESC-Brimborium sei nur Unterhaltung, konterte Raab zu Recht die scharfe Kritik an dem Unterfangen. Allerdings: Etwas anderes ist Fußball auch nicht. Und Fußballvereine feuern ihren Trainer selbst dann schon mal, wenn er in der Vorsaison Meister geworden ist. Raab hingegen hat bereits seinen Song-Contest-Vertrag für kommendes Jahr in der Tasche.

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Germany 12 Points - go Lena!

(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist wie so oft bei den großen Lieben im Leben. Wenn sie zerbrechen, ist die Abnabelung besonders schmerzhaft, der Rosenkrieg mitunter unschön. Manche hätten wahrscheinlich das kleine, süße, freche Mädchen von Nebenan, als das Lena vor einem Jahr die Herzen eroberte, am liebsten konserviert. Doch so etwas kann man nicht konservieren. Und so kann es der Star Lena längst nicht mehr allen recht machen. Und will es offensichtlich auch nicht mehr. Die, die sich einstmals mit den Worten "Hallo, ich bin Lena, ich bin 18, und ich komme aus Hannover" vorstellte, wird mit Siebenmeilenstiefeln erwachsen. Ein Prozess, der unter dem Eindruck ihrer Turbo-Karriere noch einmal drastisch beschleunigt wurde. Kurz nach dem Grand Prix ist Frau Meyer-Landruts 20. Geburtstag. Wir drücken die Daumen, dass es ein fröhlicher wird und es - mit Blick auf den Grand Prix - am Besten richtig was zu feiern gibt.

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Quelle: n-tv.de

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