Unterhaltung
Sonntag, 28. August 2016

Seufzer, Kater und Entzug: Geschichten, dass einem die Haare wehtun

Von Solveig Bach

Missbrauch, Alkoholismus, Armut, Tod: Die Themen von Lucia Berlin haben es in sich. Umso überraschender sind die Geschichten, die die US-Amerikanerin darüber schrieb. Miniaturen, die gleichzeitig schmerzhaft präzise und voller Schönheit sind.

Das Hörbuch ist bei Osterwold-Audio erschienen.
Das Hörbuch ist bei Osterwold-Audio erschienen.

Wenn sich die literarischen Beilagen in aller Welt uneingeschränkt einig über eine Autorin sind, darf man schon mal aufhorchen. Besonders, wenn die Literaturrichter des Lobes voll sind. Die Autorin, die dieses Wunder vollbracht hat, heißt Lucia Berlin, geboren 1936 in Alaska, gestorben 2004 in Marina del Rey bei Los Angeles.

Selten haben Daten weniger über ein Leben ausgesagt wie im Fall von Berlin. Sie zog unzählige Male um, quer durch die halbe Welt, war dreimal verheiratet, alleinerziehende Mutter von vier Söhnen. Das unstete Leben ihrer Kindheit setzte sie als Erwachsene fort, bucklig durch eine Skoliose, "neurotisch, alkoholkrank, unsicher" nach dem Aufwachsen in einer zerrütteten Familie und dem Missbrauch durch den Großvater. Sie arbeitete als Aushilfslehrerin, Telefonistin, Putzfrau, Krankenschwester in der Notaufnahme.

Und sie schrieb. Etwa 80 Kurzgeschichten hinterließ Berlin, in denen eine autobiografisch geprägte Ich-Erzählerin Bruchstücke ihrer Existenz preisgibt. Wer jetzt allerdings larmoyante, bittere oder gar zynische Texte einer gebrochenen Frau erwartet, irrt gewaltig. Berlin hat ihrem verkorkst erscheinenden Leben offenbar eine Menge abgewinnen können, vor allem hat sie daraus Texte destilliert, die nun von Anna Thalbach gelesen einen geradezu magischen Sog entfalten.

Biografische Literatur

Berlin schreibt beispielweise darüber, dass sie es einfach nicht schafft, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen. Als Beispiel muss unter anderem eine Situation herhalten, in der sie an einem herrlichen Morgen beim Kaffeetrinken Vögel füttert, die dann wiederum von einer Katze gefressen werden. Sie wird ausgerechnet in jenem Moment überrascht, in dem noch das selige Lächeln über die angelockten Vögel auf ihrem Gesicht liegt. In Verbindung mit dem inzwischen stattgefundenen Blutbad auf der Terrasse ist der gute Eindruck beim neuen Nachbarn unwiederbringlich dahin. Berlin stellt das einfach so fest, ebenso wie die Tatsache, dass Ärzte Krümmung zu dem sagten, was ihrer Meinung nach ein ausgeprägter Buckel war.

Von dem Großvater, der sie als Kind missbraucht hatte, berichtet sie geradezu begeistert, welch großartige Zahnprothesen er machen konnte. Eines Tages zeigt er ihr die perfekte Nachbildung seiner eigenen Zähne einschließlich des "krank aussehenden rosa Zahnfleisches" und lässt sich anschließend von ihr alle Zähne ziehen, um diese Prothese tragen zu können. Gleichzeitig stirbt ihre Schwester, betrinkt sich die Mutter, die blutige Prozedur wird illustriert mit dem Rassismus des Großvaters, der die Behandlung von Schwarzen ablehnte und dies mit Schildern in den Fenstern kundtat. Danach fühlt sich die Enkelin dem alten Mann seltsam verbunden und erwartet das irgendwie ebenso von ihrer Mutter. "Du hasst ihn doch nicht immer noch, Mama?" Aber die Mutter hasst ihn inbrünstig weiter "Oh doch."

Makadam, der Name einer Straße klingt wie ein Freund. Ein Zimmer wäre sonnig gewesen, wenn es nicht geregnet hätte. Im Entzug unter all den Straßensprittis ist sie die einzige Frau und macht ihren Schlafanzug mit einem roten Tuch ein wenig ansehnlicher. Dieser Art sind die Erzählungen, exakt beschreibend, dabei seltsam wertfrei, fast humorvoll.  

Verliebt ins Leben

Möglicherweise war das Drama so Teil ihres Lebens, dass sie daran nichts Schlechtes sehen konnte. Sensibel verflechten sich in Berlins Erzählungen Schrecken und Hoffnung, Ehrlichkeit und Depression, Spott, Suff und Sterben. Das muss eine großartige Person gewesen sein, die sich in die Röntgenaufnahme eines Jockeys verlieben konnte.

"Es ist nicht so, dass ich mir über die Zukunft besonders viel Sorgen mache", sagt eine ihrer Figuren, eine alternde Frau. "Es ist meine Vergangenheit, die ich nicht loswerden kann, die mich wie eine große Welle trifft, wenn ich es am wenigsten erwarte." Obwohl ihre Geschichten schon zu Lebzeiten in Zeitschriften und kleinen Buchauflagen veröffentlicht wurden, löste erst der Erzählband nach ihrem Tod wirkliche Begeisterung aus.

Über den Tod der Schwester schrieb Berlin in der Erzählung "Einen Augenblick noch" von Wäschewaschen, Plätzchen backen, Bibliotheksbücher abgeben, "der Tod zerreißt die Zeit", die langsam und laut wird. Der Zustand, in dem sogar die Haare schmerzen. Das muss einem erstmal einfallen.

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Quelle: n-tv.de