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RAF-Aufarbeitung oder Live-Show Podcast ist, was man daraus macht

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Alterssimulationen von Burkhard Garweg (l-r), Ernst-Volker Wilhelm Staub und Daniela Klette, Mitglieder der inzwischen aufgelösten RAF. 

(Foto: picture alliance / dpa)

Investigativer Journalismus oder leichter Talk - Podcasts erobern immer mehr Formate. "Im Untergrund" erzählt von einer persönlichen Suche nach RAF-Terroristen. "Frau Bauerfeind" ist die erste Talk-Show vor Live-Publikum - für Ohren und Lachmuskeln.

Vor fast genau 20 Jahren hat sich die Rote Armee Fraktion aufgelöst. Der Akt war unspektakulär, ein Schlussstrich war er nicht. Viele Fragen sind offengeblieben. Die junge Journalistin Patrizia Schlosser gibt sich damit nicht zufrieden. Der Audible-Podcast "Im Untergrund" beschreibt, wie sie gemeinsam mit ihrem Vater, einem Ex-Polizisten, die drei letzten RAF-Terroristen sucht.

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Der Audible Original Podcast "Im Untergrund" begleitet die preisgekrönte Journalistin Patrizia Schlosser auf der Suche nach den letzten drei RAF-Terroristen.

(Foto: Audible GmbH)

Gemeinsam begeben sie sich auf die Reise in eine dunkle Vergangenheit. Sie besuchen Tatorte, suchen Weggefährten der Untergetauchten und erleben dabei einige Überraschungen. Das Format ist aufwendig und erinnert eigentlich schon an ein Hörbuch: Es gibt Rückblenden mit den historischen Fakten zur RAF-Geschichte, Erläuterungen zur Vorgehensweise der beiden, Gesprächsfetzen - sowohl tiefsinnige Diskussionen, als auch oberflächliches Geplänkel - Ausschnitte von Interviews. Alles zusammen verschmilzt zu einer großen Sound-Collage. Dabei liegt der Charme in der für Podcasts typischen Amateurhaftigkeit: Der Mut zur Lücke schafft Authentizität. Wie Patrizias Mutter sich mit den Maschinen in der Küche im Hintergrund abrackert und die Ton-Qualität stört, während Vater und Tochter die RAF-Geschichte wälzen, will man am Ende nicht mehr missen.  

Gesucht werden vor allem drei Personen: Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette. Das Trio soll der dritten Generation der RAF angehört haben. Die Staatsanwaltschaft legt ihnen die Sprengung des Gefängnisrohbaus Weiterstadt 1993 zur Last. Mittlerweile sind die drei zwischen 49 bis 63 Jahre alt. Die Suche gestaltet sich erwartungsgemäß schwierig. Nicht nur, weil die Gesuchten seit Anfang der neunziger Jahre abgetaucht sind, sondern weil das Gespann Vater und Tochter kaum unterschiedlicher sein könnte - Patrizia mit ihrer linken politischen Gesinnung. Und der alte Bayer, das "Bullenschwein", wie er selber sagt, der den Staat damals auf Gedeih und Verderb verteidigen musste - und es immer noch tut.

"Im Untergrund": Die Schuldfrage wiegt schwer

So verschieden die beiden sind - die eine wittert Opfer des Staates, der andere sieht nur Verräter am Staat - Vater und Tochter treiben dieselben Fragen: Was sind das für Menschen und was ist aus diesen Terroristen geworden? Aber je tiefer sie sich in das Dickicht der Vergangenheit vorkämpfen, desto mehr rückt eine andere Frage in den Vordergrund: Ist diesen politisch Aktiven in der RAF-Zeit nun Recht oder Unrecht durch den Staat widerfahren?

Fast banal kommt die Erkenntnis daher, dass die gefährlichsten Terroristen, die Deutschland jemals gesehen hat, am Ende auch nur Kriminelle sind. Denn aus purem Geldmangel sind die drei Gesuchten nach langer Abwesenheit als Panzerknacker wieder aufgetaucht. Staub, Garweg und Klette sollen Geldtransporter überfallen haben und allein bei ihrem letzten Coup im Juni 2016 in Cremlingen bei Braunschweig mehrere hunderttausend Euro erbeutet haben. Bei ihren wenigen Begegnungen mit Weggefährten der Gesuchten wird Patrizia und ihrem Vater zunehmend klarer: Geächtete, die jahrzehntelang in ihrem eigenen Saft schmoren, führen ein anderes Leben und drohen seltsam zu werden.

Hinzu kommt der Verdacht, dass nicht alle, die abtauchten, wohl Terroristen waren, sondern wohl eher Sympathisanten. War die pauschale Antwort des Staates auf die RAF und ihre Anhänger gerechtfertigt? Waren die Maßnahmen der Justiz einer Demokratie würdig?

Welche Strafe hatten und haben diese Menschen verdient? Die Ansichten reichen von Verhaften, Isolieren, Jagen oder Abknallen bis hin zur Überzeugung, dass sie vor einem autoritären Staat in Schutz genommen werden müssen. Patrizia und ihr Vater verkörpern nur zwei mehr oder weniger wabernde Ansichten auf dieser breiten Palette. Ein Schlussstrich mit der RAF ist nötig. Aber eine einfache Antwort finden auch sie nicht, sie können sich nur annähern - finden aber bereits darin ein bisschen Frieden.

Der unangefochtene Star in dem Podcast ist der Vater von Patrizia mit seinem liebenswerten, sanften bayerischen Dialekt. Er war nicht nur in Zeiten des RAF-Terrorismus Polizist, sondern unter anderem auch beim Münchener Olympia-Attentat 1972 im Einsatz. Den linken Ansichten seiner Tochter kann er einerseits gar nichts, andererseits aber auch erstaunlich viel abgewinnen. Das wechselseitige Abstoßen und Annähern der beiden fesselt mindestens genauso wie die Suche nach den Terroristen.

"Im Untergrund" bei Audible hören

"Frau Bauerfeind hat Fragen": Leichte Kost garantiert

*Datenschutz

Ein völlig anderes Hörerlebnis ist "Frau Bauerfeind hat Fragen". Die quirlige Live-Talk-Show mit Katrin Bauerfeind als Gastgeberin und unterschiedlichen prominenten Gästen wie Annette Frier, Olli Schulz, Dunja Hayali und Palina Rojinski strotzt vergleichsweise vor sehr gut inszenierter Oberflächlichkeit. Es gibt keine Suche, keinen tieferen Sinn, das Tempo ist schnell, "Frau Bauerfeind" will Unterhaltung pur - mit spritzigen originellen Schlagabtauschen.

Um dabei nicht allzu viel dem Zufall zu überlassen, haben sich die Macher, unter anderem Ralf Husmann, der als Autor und Produzent auch an Erfolgen wie "Stromberg“" und "Die Harald Schmidt Show" gearbeitet hat, etwas ausgedacht: Gastgeberin und Gäste nähern sich schon vor ihrer Begegnung auf der Bühne durch einen Fragebogen an. Das erspart das Vorgespräch. Die Antworten der prominenten Gäste dienen der Moderatorin auf der Bühne als Grundlage - eine Steilvorlage, die funktioniert.

Die insgesamt 50 Fragen reichen von "Was ist das Illegalste, was du bislang gemacht hast" bis zu "Was ist dein Tipp gegen Liebesummer?" Ausgelassenheit ist programmiert - auch wegen der 250 Zuschauer, die die Show live verfolgen, während der Podcast-Hörer dem Ganzen nur lauschen kann. Der Vorteil ist, der Talk ist atmosphärisch deutlich lebendiger als ein Studio-Gespräch. Und: Es gibt mehr Raum für Überraschungen. Großartig die Szene, wenn Annette Frier und Katrin Bauerfeind "Macarena" vor johlendem Publikum singen und tanzen. Das Gesamtkunstwerk kann der Hörer zwar nur erahnen, aber die Stimmung in der Show hilft der Fantasie ausgezeichnet auf die Sprünge. Den einen oder anderen Lacher kann man sich selbst beim Hören in der U-Bahn nicht verkneifen.

Die Podcast-Landschaft wächst. Das macht es spannender. Bislang hören nur 13 Prozent der Deutschen Podcasts. Da ist deutlich noch Luft nach oben. 

"Frau Bauerfeind hat Fragen" bei Audible hören

Quelle: n-tv.de

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