Musik

Der Welpenschutz ist vorbei AnnenMayKantereit sind erwachsen - oder?

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"Wenn er so sitzt, dann sollte man ihn lieber nicht ansprechen ..."

Liebeslieder, Tanzmusik, auch Gesellschaftspolitisches, verpacken die Herren von AnnenMayKantereit in ihrem zweiten Album - und trotz tiefer Stimmen, ernster Themen und schlauen bis witzigen Texten gelingt es Christopher Annen (Gitarre), Henning May (Gesang, Klavier, Gitarre), Severin Kantereit (Schlagzeug) und Malte Huck (Bass), eine gewisse Leichtigkeit auf ihr neues Album "Schlagschatten" zu zaubern. Den Trubel der letzten Jahre haben sie gut überstanden: von Straßenmusikern zum Geheimtipp. Dann die Hardest-Touring-Band Deutschlands mit bis zu 120 Konzerten im Jahr. Später einer der erfolgreichsten heimischen Acts der letzten Jahre mit einem Debütalbum ("Alles Nix Konkretes"), das in Deutschland und Österreich auf die 1 ging, sowie mit eigenen Festivals, die Wochen vorher ausverkauft waren. Jetzt haben sie ein neues Album am Start, damit "vier Antworten und tausend Ebenen", wie Malte findet, und einmal mehr wir im Gespräch klar: Eine richtige Band, die entsteht einfach, die kommt nicht vom Reißbrett und aus keiner Casting-Show, da ist vieles gewachsen. Und so zogen sie sich im Sommer zurück nach Spanien, mieteten sich ein Haus, richteten ein provisorisches Studio ein und gaben sich ihrem ganz persönlichen Arbeitsrhythmus hin. Mit n-tv.de sprechen sie über Fehler, Kritik, Lagerkoller und gute Antennen.

n-tv.de: Wie geht's an diesem wunderschönen sonnigen Tag?

Malte Huck: Noch sind wir frisch.

Ihr müsst frisch sein, ihr seid noch jung - auch wenn ihr bereits eine beachtliche Karriere hingelegt habt. Meinen letzten Text über euch habe ich betitelt mit "Erwachsen in Endstadium"- weil ihr so klingt. Ihr seid es aber nicht, oder?

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Severin: Nee, überhaupt nicht.

Malte: Als ich das das letzte Mal gefragt wurde - also gestern, um ganz ehrlich zu sein (lacht) - habe ich gesagt, ich bin tatsächlich immer noch nicht erwachsen. Die anderen schon ein bisschen mehr. Aber bei mir liegt das daran, dass ich das jüngste Geschwisterkind bin, und da bleibt man irgendwie immer der Kleine.

Kriegst du noch alles hinterhergetragen?

Malte: Das leider nicht, aber mir wurde nun mal immer gesagt, dass ich ja "der Kleine" bin . Und das hat auch voll funktioniert: Ich fühl' mich nicht erwachsen (lacht).

Severin: Ist ja auch immer eine Frage, wie man "erwachsen" definiert. Ist man dann unabhängig von den Eltern? Emotional? Finanziell?  

Lasst euch doch Zeit mit dem Erwachsenwerden. Es soll Ü50-Jährige geben, die sich nicht erwachsen fühlen. Die werden dann allerdings irgendwann von ihren Kindern eingenordet, weil die Berufsjugendlichkeit auch mal peinlich wird.

Severin: Es hat auch mit der Summe der Erfahrungen zu tun, denke ich. Wie viel und was man erlebt hat. Es gibt Leute, die sind viel früher erwachsen als andere.

Die kommen erwachsen auf die Welt …

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Severin: Ja. Aber zum Beispiel Ortswechsel, die machen einen erwachsener.

Oder Kritik - macht die auch erwachsener oder nervt das nur? Vor allem, wenn sie so unqualifiziert ist, wie es nun mal oft leider der Fall ist.

Malte: Naja, das bringt einen natürlich überhaupt nicht weiter. Es scheint üblich geworden zu sein, dass man sich "im Internet" anpöbeln lassen muss, oder auch, dass man sich einordnen lassen muss, auch wenn man selbst sich gar nicht einordnen will. Die Leute haben immer Erwartungen an eine Band, man soll das Sprachrohr sein, man soll politischer sein, man soll lustiger sein, man soll doch auch mal ruhig sein, so geht es ewig weiter. Aber unser Rezept ist eigentlich ganz einfach: Wir machen das, was sich für uns gut anfühlt. Wir machen das, was wir fühlen, machen zu müssen. Und das ist Musik. Das ist aber auch Kunst. Ich meine, in einer Galerie stellt sich auch keiner vor ein Bild und sagt: "Da müsste mal ein bisschen mehr Grün rauf."

Euer Song "Weiße Wand" regt da wohl besonders die Gemüter auf …

Malte: Da singen wir über etwas, das uns sehr auf dem Herzen liegt. Wir wollten auch mal politische Töne von uns geben (lacht). Das ist allerdings eine Sache, die einem nicht einfach in die Wiege gelegt wird, wir tasten uns da ran. Wir sind jung, wir machen Fehler.

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Severin: Natürlich regen uns Kritik und Kommentare anderer und unserer Fans auch zum Denken an. Wir haben nun mal eine gewisse Reichweite, da bleibt das nicht aus. Aber wir sagen nur die Dinge, hinter denen wir stehen, und nicht die Dinge, die andere wollen, dass wir sie sagen. Das hat ein bisschen gedauert, ehe wir uns da auch was getraut haben. Bei unserem ersten Album war ja im Entstehungsprozess noch gar nicht so eine Aufmerksamkeit da, niemand hat etwas von uns gewollt. Beim zweiten Album hatten wir jetzt mehr Zeit und eine ganz andere Herangehensweise. Wir wollen auf keinen Fall den Zeigefinger erheben. Wir wollen gesellschaftskritisch sein, aber uns nicht über andere stellen.

Das klingt sehr vernünftig …

Severin: Ja, mal ehrlich. Wir sind vier weiße Jungs, die mit unglaublichen Privilegien geboren wurden. Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie gut es uns geht. Und wie schlecht anderen. Schön ist es, wenn die Leute dann anfangen, zu diskutieren.

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Guckt ihr euch die Kommentare unter Youtube-Videos an?

Severin: Ab und zu schon, na klar. Aber es frustriert uns echt nicht. Wir halten uns übrigens immer viel mehr an den positiven Kommentaren fest. Wenn die Leute schreiben: "Danke, dass ihr so einen Song geschrieben habt", dann bedeutet uns das mehr als Hass-Kommentare.

Malte: Es gibt ja inzwischen Trolle, deren Aufgabe einzig und allein darin besteht, Hass im Netz zu säen. Und schon gibt es eine Diskussion der anderen Art. Wir vier gucken uns die Kommentare sicher auch sehr unterschiedlich an. Kommt auf den Song an …

Warum auch immer fällt mir jetzt "Marie" ein - was steckt hinter dem Lied?

Severin: Hat schon mit Verliebtsein zu tun (lacht). Ja, aber auch mit vielen anderen Dingen wie manche Zeilen erahnen lassen (zum Beispiel wird Henning Mays Mutter erwähnt, oder dass sein bester Freund viel zu früh gestorben ist, Anm.d.Red.).

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Malte: Alle Lieder, die auf dem Album sind, haben etwas mit uns zu tun, da können wir hundertprozentig hinterstehen. Mit wem was genau, das ist auch gar nicht wichtig. Am schönsten ist es, wenn der Hörer selbst etwas hineininterpretieren kann, weil er zum Beispiel einen Bezug zu einer Marie hat, oder weil man gerade verliebt ist oder eben auch nicht.

Severin: In den letzten Jahren haben wir uns musikalisch und inhaltlich einfach ausprobiert. Wir testen aus, in welche Richtung das alles gehen kann. Und zuerst war das nur musikalisch der Fall, aber jetzt eben auch inhaltlich.

Severin: Henning ist schon der Haupttexter. An manchen Texten feilen wir mit herum, ist aber auch schwierig. Und dann gibt es ja noch die "Babys". So nennen wir die Songs, die einem von uns persönlich am nächsten sind. Dann dürfen die anderen was dazu sagen, aber der Texter hat das letzte Wort. Und Henning ist schon der beste Schreiber von uns. Er hat mir sehr viel beigebracht. Man macht sich mit Texten ja verletzlich, und das kann man mal besser und mal weniger gut aushalten. Man muss dahinter stehen.

Euch ist es wichtig, eine Aussage zu haben, oder?

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Lustige Posts sind schon okay ...

Severin: Schon, ja. Wir wollen zeigen, welche Werte wir haben. Aber wir wollen niemanden überreden. Und zusätzlich dazu, dass wir eine Band sind, sind wir ja auch einzelne Personen mit einzelnen Meinungen, da muss man manchmal auch erst sortieren.

Seid ihr aktiv auf Facebook und Instagramm?

Malte: Schon, aber wir hängen nicht die ganze Zeit da drin, wir posten jetzt echt nicht alles. Manchmal wollen wir auch einfach nur "da" sein, ohne dass wir das teilen. Am besten finde ich immer, wenn wir Fotos sammeln und die dann zu einem bestimmten Anlass zusammen raushauen. Es ist noch keine Selbstverständlichkeit für uns.

Severin: Viele posten ja ganz direkt und ständig, da ist es schwierig für uns, den Mittelweg da zu finden. Wir wollen nicht unser Essen posten, da komme ich mir albern vor. Aber lustige Posts sind schon wichtig.

Es besteht ja auch  immer die Möglichkeit, dass man andere mit seinen tollen Fotos neidisch macht, das ist doch unangenehm …

Malte: Ja, man muss aber unterscheiden zwischen privat - ich hier am Pool , oder beruflich - wir hier im Tourbus. Das gelingt natürlich nicht immer.

Ihr habt euer Album in einem klitzekleinen Dorf in Spanien aufgenommen - habt ihr nicht auch mal einen Lagerkoller, wenn ihr ständig zusammen seid?

Schlagschatten (Ltd.Fanbox inkl. CD und 2LP)
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Severin: Wir sind alte Freunde, beste Freunde, wir kennen uns alle wirklich sehr sehr gut, und deswegen sind wir an einen fremden Ort gefahren. Wir wollten das nicht in unserer üblichen Umgebung aufnehmen. Wir haben einen Monat da gelebt - geschrieben, aufgenommen, Videos gemacht, aber es gab natürlich auch Momente in denen man sagt, dass man da jetzt raus muss. Wir haben wirklich gute Antennen füreinander, das eskaliert nicht. Ich erkenne schon allein daran, wie Malte sitzt, dass ich ihn jetzt besser nicht anquatsche.

Malte: Wie sitze ich denn dann? (lacht)

Severin: (lacht) Naja, wir waren auch froh, als wir dann fertig waren. War aber eine krass gute Zeit. 

Ihr habt einen neuen Produzenten an Bord - war der alte nicht traurig, dass er nicht mehr mitmachen durfte?

Severin: Moses Schneider war so wichtig für uns, dem verdanken wir echt alles, aber er konnte nachvollziehen, dass wir es anders machen wollten. Und Markus Ganter hat jetzt auch voll gut in unsere Gruppe gepasst, mit seinem neuen Ansatz. Er hat unser Konzept verstanden, uns sehr geholfen, das war so interessant. Der Blick von außen war uns sehr wichtig, und das ist alles megaschön gelaufen.

Die Tour ist ausverkauft, oder?

Severin: (lacht) Ja, ich glaube, das meiste ist ausverkauft. Das ist unfassbar, schon bevor unser Album rausgekommen ist! Wir spielen mal in kleinen Clubs und dann wieder in der Berliner Wuhlheide, das ist wirklich krass.

Malte: Und im Januar geht's los, da bereiten wir die Tour vor. Dann sind wir drei Monate unterwegs, dann kommen Festivals, und dann schau'n wir mal.

Zum Schluss die Muttifrage: Was haben eure Eltern gesagt, als ihr ihnen verkündet habt, nur noch Musik zu machen?

Severin: Das war ein langer Prozess, sie hätten gern mehr Sicherheit für mich gehabt. Mittlerweile finden sie es cool, was wir machen.

Malte: Meine Eltern vertrauen mir da. Aber ich habe eben auch ältere Geschwister, deswegen sind sie sehr entspannt, irgendwie routiniert. Sie haben gesagt: Du machst das schon.

Mit Malte Huck und Severin Kantereit sprach Sabine Oelmann.

Quelle: n-tv.de

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