Musik

"Verrückt und sehr beängstigend" Faithless tanzen auf dem Corona-Vulkan

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Sorgt sich um die Musikindustrie: Sister Bliss von Faithless.

(Foto: Blue Laybourne / BMG)

Dance Musik ist zum Tanzen da. Doch in der Corona-Krise wird so ziemlich jeder Hüftschwung ausgebremst. Umso mutiger ist es von Faithless, ihr neues Album "All Blessed" trotz allem zu veröffentlichen. Eine Platte voller Botschaften an die Feiergemeinde.

Die 90er waren nicht nur das Jahrzehnt von Kirmes-Künstlern und -Kapellen der Marke DJ Bobo, Dr. Alban oder Captain Jack. Sie brachten mit Faithless oder The Prodigy auch Bands hervor, die Dance Musik höhere Weihen verliehen und Genregrenzen zu sprengen verstanden. So wird auch manch eingeschworener Grunge-Rocker aus jener Zeit das eine oder andere Album der beiden im Schrank stehen haben. Und bei "Insomnia" (Faithless) oder "Firestarter" (The Prodigy) geht noch immer nicht nur bei ehemaligen Loveparade-Jüngern sprichwörtlich der Punk ab.

"Wir waren zusammen auf Tour und auf Festivals. Wir hatten zum Teil auch die gleichen Mitarbeiter", erinnert sich Sister Bliss, wie sich die Faithless-Mitgründerin und Band-Keyboarderin Ayalah Bentovim mit Künstlernamen nennt, im Interview mit ntv.de. Der Tod von The-Prodigy-Shouter Keith Flint, der sich im März 2019 das Leben nahm, geht ihr entsprechend nahe. "Ich frage mich, was ist passiert, dass er so verzweifelt war, sich sein eigenes Leben zu nehmen. Er war ein so liebenswerter Kerl, wirklich süß und charmant und immer zu Späßen aufgelegt", rätselt sie noch heute.

"Immer etwas Bedeutungsvolles"

Doch selbstredend ist das nicht das eigentliche Thema des Gesprächs mit Sister Bliss, auch wenn es darin ebenfalls viel um Verzweiflung geht. Es ist vielmehr "All Blessed", das mittlerweile siebte Studioalbum von Faithless, das soeben erschienen ist. Ganze zehn Jahre hat es bis zu seiner Veröffentlichung gedauert. Sister Bliss sieht das allerdings ebenso wenig eng wie die 2011 erfolgte Ankündigung der Band, sich aufzulösen.

"Wir haben viel Zeit darauf verwendet, uns selbst zu hinterfragen", erklärt die Musikerin. Nicht zuletzt habe es an ihrem Bandkollegen Rollo, der als Mastermind von Faithless gilt, gelegen, ob und wie es mit der Gruppe weitergehen sollte. "Wir versuchen immer, etwas Bedeutungsvolles zu schaffen", erläutert Sister Bliss, dass man sich eben nicht irgendwie weiter durchwursteln, sondern das Projekt nur angemessen fortführen wollte.

Dass es für Faithless dann doch eine Zukunft gibt, zeigte sich schon 2015, als die Gruppe erneut zusammenkam und auf Tour ging. Im selben Jahr erschien mit "Faithless 2.0" ein Remix-Album, auf dem so bekannte DJ-Größen wie Avicii, Armin van Buuren oder Eric Prydz den Songs der Band noch einmal ein neues Antlitz verliehen. Auch deshalb könne von einer zehnjährigen Leere zwischen "All Blessed" und dem 2010 erschienenen Studio-Vorgänger "The Dance" keine Rede sein, sagt Sister Bliss. "Bei uns ist trotzdem musikalisch viel passiert."

Toleranz und Inklusion

Unter anderem wäre da natürlich auch das Projekt namens R Plus zu nennen. Mit ihm veröffentlichten Rollo und Sister Bliss 2019 das Album "The Last Summer". Ein, wie der Titel schon verrät, eher beschwingtes Album, auf dem auch Rollos berühmte Schwester Dido zu hören ist. "All Blessed" dagegen kommt - anders als von ihr in einem ntv.de-Interview Anfang des vergangenen Jahres noch vorhergesagt - ohne Didos sanften Popgesang aus.

Das hat auch einen Grund. Denn thematisch falle das neue Faithless-Album deutlich weniger unbeschwert aus als der mit R Plus vertonte "letzte Sommer", sagt Sister Bliss. Didos feenhafte Ausstrahlung habe dazu nicht so wirklich gepasst. "Ein großes Thema auf dem Album ist Immigration und Migration. Man kann die Zeitung nicht aufschlagen, ohne Menschen zu sehen, die ihr Zuhause verlassen, vor Kriegen flüchten und auf ein besseres Leben hoffen", schildert die Musikerin eines der zentralen Motive auf dem Album.

So rücke auch die Frage nach dem Mitgefühl in den Fokus. "Wer sind wir als Menschen ohne Mitgefühl für die, die anders sind oder weniger Glück haben? Zu wem werden wir, wenn wir das, was wir haben, nicht mit anderen teilen?", wirft Sister Bliss als Fragen in den Raum. Faithless, so viel steht für sie fest, habe durch die unterschiedlichen ethnischen Hintergründe und Geschlechter jedenfalls stets "die Vorteile von Toleranz und Inklusion repräsentiert".

Maxi Jazz auf Abwegen

Apropos unterschiedliche Ethnien: Maxi Jazz, der nicht nur mit seiner ikonischen Stimme Faithless-Klassiker wie "Insomnia", "God Is A DJ" oder "Mass Destruction" geprägt, sondern auch durch seine Erscheinung die Band mitbestimmt hat, ist inzwischen nicht mehr mit von der Partie. Und das nicht nur, weil er seinen Plan, auf Jamaika ein Haus zu bauen, in die Tat umgesetzt hat. "Er hat angefangen, Gitarrenmusik zu schreiben. Er wollte nun diese Art von Musik erkunden", erklärt Sister Bliss. So ist der Rapper seit 2015 mit einer Formation namens Maxi Jazz & The E-Type Boys aktiv.

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"Ich vermisse ihn schrecklich", sagt Sister Bliss. "Ich liebe Maxi wie verrückt", macht sie überdies deutlich, dass der Abgang des 63-Jährigen nicht etwa im Streit erfolgte. Doch das aktuelle Interesse des Sängers an Blues, Jazz und akustischen Klängen habe zur Stoßrichtung von Faithless einfach nicht gepasst. Gleichwohl sei nicht ausgeschlossen, dass es in Zukunft wieder zu einer Zusammenarbeit komme.

Eine Zukunft, die angesichts der andauernden Corona-Krise jedoch nicht zuletzt für Unterhaltungskünstler äußerst ungewiss ist. Erst recht, wenn man wie Faithless eigentlich Musik macht, um mit ihr die Menschen zum Tanzen zu bringen. "Es ist komplett verrückt und sehr beängstigend. Nicht nur, wenn es darum geht, ein Album zu veröffentlichen, sondern mit Blick auf die gesamte Industrie", bringt Sister Bliss die Sorte von Verzweiflung auf den Punkt, die derzeit ihre gesamte Branche umtreibt.

"Das wäre mir eine Ehre"

Die Situation sei dabei in Großbritannien noch verheerender als in Deutschland, ist sie sich sicher. Hier gäbe es keinerlei Unterstützung vonseiten des Staates. "Keine Festivals, geschlossene Clubs, Massenentlassungen bei den Venues - die ganze Branche steht vor dem Kollaps", zeichnet die Musikerin ein düsteres Bild. Dabei komme doch gerade Musik in diesen Zeiten eine herausragende Bedeutung zu. "Sie ist es, die uns zusammenbringt. Sie ist es, die uns verbindet", warnt Sister Bliss davor, die Kultur im Kampf gegen Corona vollständig zu opfern.

Tatsächlich ist "All Blessed" eher ein Album für die Clubs geworden als für die Hitparaden. Trotzdem hätte Sister Bliss nichts dagegen, noch einmal einen Gassenhauer wie "Insomnia" zu landen. "Das wäre natürlich toll. Aber dafür gibt es keine Formel", erklärt sie.

Vielleicht käme ja alternativ ein Auftritt der Formation bei der 2021 wieder in Berlin geplanten Loveparade infrage. Schließlich war "Insomnia" 1996 so etwas wie die inoffizielle Hymne des Techno-Spektakels. "Das wäre mir eine Ehre. Ich stünde sofort parat", zeigt sich die Musikerin von der Idee begeistert. Doch bis dahin ist es noch ein steiniger Weg. Der Tanz auf dem Corona-Vulkan ist schließlich noch lange nicht vorbei.

Quelle: ntv.de