Musik

Robbie Williams kramt im Archiv Große Gesten, kleiner Ertrag

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Robbie hat sich schonmal warm angezogen.

Robbie Williams traut sich was: Auf seinem neuen Album versucht sich der Pop-Entertainer an einer Melange aus Eighties-Stadionrock, James Last-Bombast und russischer Folklore. Der Entertainment-Über-Schuss geht allerdings nach hinten los.

Licht aus! Spot An! Robbie Williams is back! Nach dreijähriger Studio-Funkstille meldet sich Englands Show-Heavy-Weight-Champion mit einem neuen Album zurück. Und wer Robbie Williams kennt, der weiß: Der Mann mit den Tiger-Schlüppis und der implantierten Entertainment-DNA backt nur ungern kleine Brötchen.

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Hat er sich ein bisschen übernommen?

Bereits der Anblick des Covers gibt die Richtung vor. In zweifacher Ausführung steht er da: verschwitzt, auf den ersten Gong wartend und umgeben von Fight Club-Erinnerungen. Was mag sich jetzt wohl aus den Boxen schälen? Kantiger Boygroup-Punkrock? Dreckiger Noise-Pop? Oder gar pumpender Hinterhof-Dubstep? Weder noch. Der eröffnende Titeltrack startet mit seichtem Piano-Geklimper und einem Sänger am Mikrofon, der sogleich mit der Tür ins Haus fällt: "Good evening, children of cultural abandon/ You searched for a saviour, well here I am", flüstert Robbie Willams.

Sekunden später fällt der Vorhang. Von allen Seiten drängen sich bombastische Arrangement-Pakete in den Vordergrund. In opulenter James Last-meets-007-Manier brennt der gute Robbie ein TV-Show-Soundtrack-Feuerwerk ab. Mit Bläsern, Streichern und scheppernden Beckenschlägen im Gepäck verneigt sich der Entertainer vor Prime Time-Formaten, die in den Achtzigern Millionen Menschen an die Fernsehsessel fesselten. Zeitgemäß klingt anders, keine Frage. Auch in puncto Harmonien hat Robbie Williams in der Vergangenheit schon wesentlich Eingängigeres abgeliefert. Aber gut, es knallt. Welcome to "The Heavy Entertainment Show"!

Ku Fu-Geschrei im Hintergrund

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Robbie-Fans der jüngeren Generation sollten sich auch für den Rest des Albums ihre Eltern an die Hand nehmen. Sicher, punktuell verliert sich Herr Williams auch in gegenwärtigen Sphären. Ein bisschen Gute Laune-Pop ("Love My Life"), eine Prise Standard-R'n'B ("Sensitive") und ein Hauch von Hip Hop, garniert mit Waberndem aus der Art-Pop-Küche ("Best Intentions"), lassen vermuten, dass im Küchenradio von Ayda Field auch so einige Frequenzen von Hit-Radiostationen gespeichert sind. Aber die eigentlichen Eckpfeiler des Albums orientieren sich eher am antiken Erbe der Pop- und Rock-Geschichte.

Die beiden rockigen Speerspitzen "Mixed Signals" und "Motherfucker" beispielsweise lassen den 80s-Stadionrock hochleben. Da springen plötzlich Bilder von geleckten Kerlen wie Bryan Adams und John Farnham vor dem geistigen Auge auf und ab. Noch ein "Paradise City"-Solo obendrauf und schon möchte man als Mittvierziger seine alten Vinyl-Schätze wieder aus dem Keller holen.

Weitaus weniger Applaus hingegen ernten Wodka- und Kaviar-Grüße à la "Party Like A Russian" und "I Don't Want To Hurt You". Hier mimt Robbie Williams den Dancefloor-Ivan Rebroff. Groteske Moskau-Chöre treffen auf Blue System-Backgrounds. Auweia.

Auch in Roxy Music-Kreisen macht sich Robbie dieser Tage keine Freunde ("Bruce Lee"). Seine Hommage an Bryan Ferrys Über-Hit "Lets Stick Together" geht eher nach hinten los. Da hilft auch kein Kung Fu-Geschrei im Hintergrund. Von manch Perle der Musikgeschichte sollte man lieber die Finger lassen.

Gemeinsam mit seinem alten Songwriting-Buddy Guy Chambers und diversen anderen Zuarbeit-Hochkarätern wie Rufus Wainwright, Stuart Price und Ed Sheeran lässt Robbie Williams anno 2016 die größtmögliche Sound-Bombe platzen. Dumm nur: nach dem großen Knall bleibt nicht sonderlich viel haften. Der pompös aufbereiteten "Heavy Entertainment Show" fehlt es an Struktur und Nachhaltigkeit. Einen richtigen Hit im Stile von "Let Me Entertain You", "Angel" oder "Rock DJ" sucht man hier vergebens. Stattdessen bekommt man ein Referenz-Potpourri serviert, bei dem nicht nur jüngere Fans des Öfteren die Augenbrauen zusammenziehen. Ich sag nur: James Last, Ivan Rebroff, Blue System.   

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Quelle: ntv.de

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