Musik

Web-2.0-Shows via Stageit.com Konzerte am "virtuellen Lagerfeuer"

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Die Dame am Ticketschalter hat dann mal nicht so viel zu tun ...

(Foto: imago stock&people)

Jason Mraz hat es schon getan, ebenso Tom Morello und John Allen. Sie setzten sich auf dem heimischen Sofa vor eine Webcam und spielten für ihre Fans ein interaktives Livekonzert. Technisch möglich macht diese Web 2.0-Konzerte im kleinen Kreis die US-Plattform Stageit.com, bei der inzwischen knapp 30.000 Künstler einen Account haben. Auch in Deutschland werden die Webcam-Konzerte immer populärer.

Es ist Samstagnachmittag in Virginia, als der US-Singersongwriter Tim Barry allein in seinem Studio ein quasi imaginäres Publikum begrüßt. Der ehemalige Sänger der Band Avail arbeitet an seinem nächsten Soloalbum. Ein paar neue Songs will er schon mal live vorstellen. Seine Zuschauer hocken derweil zum Teil Tausende Kilometer entfernt vor ihren Computern. Barry hat etliche Fans in Deutschland, dort ist es bereits 22 Uhr und damit beste Stagetime. Wie sein Publikum auch sitzt der Musiker vor einem Laptop und hat Webcam und Mikrofon aufgebaut. Er spielt sein erstes Konzert auf der US-Plattform Stageit.com. "Mann, ist das merkwürdig", sagt er. Nach dem Ende eines Songs klatscht niemand. Stattdessen ist Stille im Studio. 

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Die Künstler können agieren, wann und wo und wie sie wollen ...

Kennt man alles schon von YouTube und Co? Nein, so nicht. Via Stageit sieht man echte Live-Shows,  bei denen das Publikum mit dem Künstler kommunizieren kann, Backstage-Flair inklusive. Die Musiker treten zuhause oder auf Tour im Hotelzimmer auf. Auch Shows auf Häuserdächern oder kürzlich auf einem Floß im Pool gab es schon. Die Tickets sind limitiert und oft blitzschnell ausverkauft. Aufgezeichnet und archiviert werden die Konzerte nicht. Und egal wie viele Zeitzonen entfernt ein Künstler ist, die Zuschauer sind ihm näher als üblich. Wer eingeloggt ist, kann sich über eine Chatfunktion Songs wünschen, den Musiker zu seiner Gitarre ausfragen oder sich mit anderen Fans für kommende Konzerte verabreden. 

Ganz nah mit dem Star - und doch so fern

Barrys halbstündiges Konzert ist eine "Zahl was du willst"-Show, der Musiker kann den Preis selbst bestimmen. Bezahlt wird in "Notes", so heißt die Stageit-Währung. Zehn "Notes" sind ein US-Dollar (0,73 Euro). Während und nach dem Konzert können Fans für alle sichtbar "Tips" geben. Wer den Künstler am großzügigsten unterstützt, wird als "Top Supporter" eingeblendet. Nach der Show bekommt der Musiker die Kontakte dieser Fans, um sich persönlich zu bedanken. Wie in sozialen Netzwerken kann man Künstlern auch folgen. Stageit läuft auf dem Laptop, dem Tablet, dem Smartphone. Auch der Musiker braucht nur einen Rechner, ein Mikro und eine Webcam. Wichtig ist vor allem ein stabiles Internet.

Ausgedacht hat sich das Ganze Evan Lowenstein, selbst Musiker, der vor 14 Jahren mit seinem Zwillingsbruder als Folkrock-Duo Evan and Jaron in den US-Billboard-Charts den Hit "Crazy For This Girl" landete. Lowenstein vermisste auf der Spielwiese der Social-Media-Kommunikation etwas, das persönlicher und kommunikativer war als das Zählen von Facebook-Likes und Twitter-Followern. Er wollte Künstler und Publikum näher zusammenbringen. Und er war sich sicher, dass Fans dafür bezahlen würden. "Intimität kann man nicht raubkopieren", betont er - und nennt sein Unternehmen ein "virtuelles Lagerfeuer".   

Nach einer sowohl technisch als auch finanziell harten und turbulenten Entwicklungszeit, in der Lowenstein wie besessen arbeitete und ein kleines Vermögen verpulverte, stellte er seine Plattform 2011 auf dem South by Southwest Festival (SXSW) in Austin (Texas) vor. 2012 kürte Billboard das Unternehmen mit Sitz in Los Angeles zu einem der besten Start-ups des Jahres. 2013 wurde Stageit bei der Musikmesse Midem im französischen Cannes ausgezeichnet. Etwa seitdem erfährt die Plattform einen Schub auch bei Musikfans in Deutschland. "Nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda", sagt Lowenstein im n-tv.de-Interview.

Zu den Investoren gehört der Napster-Mitbegründer und Ex-Facebook-Berater Sean Parker. Unter den Künstlern, die bereits Stageit-Shows spielten, sind Crosby Stills & Nash, Jackson Browne, Indigo Girls, Rick Springfield, Korn, Ingrid Michaelson, Chuck Ragan und Dave Hause. Manche limitieren ihre Karten auf 50, andere lassen 5.000 Zuschauer zu. Einen Account bei Stageit haben mittlerweile etwa 30.000 Künstler. Nach Angaben von Lowenstein geben Fans im Durchschnitt 15 US-Dollar für ein 30-Minuten-Konzert aus. Mindestens 63 Prozent darf der Künstler behalten, das ist in der Branche viel, der Rest geht an Stageit.

Laut US-Magazin "Business Week" verdiente der Singersongwriter Bob Schneider bei einer Show knapp 1.200 US-Dollar. Der "Tip Jar" von R&B-Sänger JoJo stieg laut "Los Angeles Times" während eines 50-Minuten-Auftritts auf 5.000 US-Dollar an. Man darf  raten, wie viele Millionen Male ihre Songs bei Spotify für solche Summen gestreamt werden müssten.

Reich durch Fans

Lowenstein sagt: "Der größte Moment für mich war, als wir der Musikindustrie zeigen konnten, dass ein Künstler 50.000 Dollar nur mit einer Webcam, einer Internetverbindung und großartigen Fans verdienen kann." Diese Summe verbuchte die kanadische Indieband Walk off the Earth. Das größte Publikum zog mit etwa 11.000 Zuschauern Jason Mraz an. Eine Durchschnittssumme, die ein Künstler bei Stageit verdienen kann, mag der Firmenchef nicht beziffern. Der Rekord einer Show liege bisher bei 72.800 US-Dollar. Viele große Künstler hielten ihre Konzerte für eine intime Atmosphäre jedoch bewusst klein. Dann sei es indes nicht ungewöhnlich, dass sich das Publikum die Show 100 US-Dollar pro Person kosten lasse.      

Stageit selbst schreibt derweil keine schwarzen Zahlen. "Wir sind noch nicht gewinnbringend, aber wir verhelfen definitiv vielen Künstlern dazu", sagt Lowenstein. "Wir setzen Millionen von Dollar für Künstler um." Konkreter will der 40-Jährige in diesem Punkt aber nicht werden. Derzeit steckt er alles Geld wieder in die Plattform, bei der sechs festangestellte Mitarbeiter beschäftigt sind. "Wenn wir nicht in weiteres Wachstum investierten, wären wir sofort profitabel", betont er. Stageit will die Musik zwar als Kerngeschäft behalten, plant aber auch einen Ausbau in Richtung Comedy, Kochen und Sport.

Neu im Team ist Marc Geiger, Chef der Musikabteilung bei der renommierten US-Künstleragentur William Morris Endeavor, der Musiker mit Rang und Namen zu Stageit bringen soll. Ebenfalls an Bord ist US-Filmproduzent Dana Brunetti ("The Social Network", "Captain Phillips"), der bei einer Expansion im Sektor Film und Fernsehen helfen soll. Ferner verhandelt Lowenstein mit möglichen Partnern in Asien. Zwei Jahre lang sei Stageit konkurrenzlos gewesen, inzwischen beobachte er das Entstehen ähnlicher Unternehmen, sagt er. "Das gefällt mir aber, denn letztlich helfen wir zusammen Künstlern, Geld zu verdienen."       

Der Hamburger Singersongwriter John Allen erfuhr im vergangenen Herbst von Stageit. Vor einiger Zeit absolvierte er selbst seinen ersten Webcam-Gig. Er saß dabei auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer, etwa 45 Fans waren zugeschaltet. Da Allen bisher nur in Deutschland tourt, konnten ihn endlich auch mal Freunde aus England und den USA live sehen. Auch Allen spielte eine "Zahl was du willst"-Show - und war mit den Einnahmen hochzufrieden.

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Damit kann man Geld verdienen, tatsächlich!

Mehr als 200 Euro kamen bei seinem Konzert zusammen, das meiste wie üblich über den "Tip Jar". "Das lohnt sich", sagt der Musiker, der 2013 sein Debütalbum "Sounds Of Soul And Sin" veröffentlichte und schon mit dem britischen Shootingstar Frank Turner und dem australisch-britischen Geheimtipp Emily Barker tourte. Musiker wie Allen, die noch keinem größeren Publikum bekannt sind, treten oft im Vorprogramm auf - und gehen dabei häufig komplett leer aus. Die einzigen Einnahmen stammen dann aus Verkäufen von CDs und T-Shirts nach der Show - um wenigstens das Bahnticket wieder raus zu haben. Eine Stageit-Show mit einigen Hundert Euro Gewinn ist da ein gutes Geschäft. Seinen Top-Unterstützern schickte Allen später als Dank handgeschriebene Songtexte und Mixtapes mit einem Brief dazu. "Stageit ist eine tolle Art, Kontakt zum Publikum herzustellen", sagt auch er.                 

Bekanntlich verdienen Künstler schon seit Jahren kaum noch Geld mit Plattenverkäufen, sondern leben vom Touren. Für das klassische Konzertgeschäft ist eine Plattform wie Stageit indes keine Konkurrenz. Der Präsident des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft, Jens Michow, sagt: "Live ist live und live bleibt live." Es gebe ständig neue Technologien, von denen jedoch keine das Gefühl ersetzen werde, "mit Tausenden Fans ein Konzert in einer Arena zu erleben". Deutschland sei ein "überbordendes Liveauftrittsland", in dem jeder die Konzerte seiner Lieblingsbands besuchen könne. Stageit bediene zwar einen Markt, der sich sicher noch weiterentwickeln könnte, "aber den Veranstaltern keinen Cent wegnimmt".       

Das war auch niemals die Idee hinter der Konzertplattform. "Ziel war es, das Tourgeschäft zu ergänzen und um neue Möglichkeiten zu erweitern", sagt Lowenstein. Umfragen und Daten von Stageit ergaben ihm zufolge, dass Fans sogar eher ein echtes Livekonzert einer Band besuchen wollten, wenn sie vorher einen Webcam-Gig gesehen hatten. Die Atmosphäre einer Stageit-Show formulierte übrigens wohl niemand so schön wie die Freundin von John Allen. Die stellte nach einem Konzert von Chuck Ragan, US-Folksänger und Frontmann der Band Hot Water Music, fest: "Ich habe das Gefühl, als würde Chuck jetzt nur für uns spielen."

Link zur Plattform: stageit.com

Quelle: ntv.de