Musik

"Wir sind musikalisch polygam" Mia ist voll in Mode

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Immer in Mode: Frau Mieze Katz.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Ihr neues Album "Biste Mode" präsentieren die vier Mittdreißiger von Mia den Medien in ihrem eigenen Proberaum/Studio/Hauptquartier im Nordosten von Berlin. Es gibt Burger, Bier und gute Cocktails, die Band versteht es zu feiern. Auch auf dem Album selbst geht es zumeist ausgelassen und frohgemut zu. Mehr als je zuvor sprengt die einstige Schülerband um Sängerin Mieze Katz die Genregrenzen, die Platte ist elektronischer und tanzbarer als gewohnt. Einer der Gründe für so viel musikalische Lebensfreude: Mieze, inzwischen 36 Jahre, hat sich verliebt.

n-tv.de: Die Band Mia wird in diesem Jahr volljährig. Gibt es einen offiziellen Geburtstag?

Mieze: Ja, das ist der 31. August. Der Tag, nachdem Lady Diana starb. Wir gründeten uns, während im Hintergrund die Banderole "Achtung. Achtung, Sondermeldung" über den Fernseher flimmerte.

Kann man euch denn als erwachsene Band bezeichnen?

So kindlich verspielt, wie wir sind, wohl eher nicht. Wir haben diese Spielfreude, diese Lust am musikalischen Abenteuer, nie abgelegt. Wir haben einen Haufen erlebt, uns ein robustes Fell zugelegt und machen immer noch den gleichen Quatsch wie früher.

Der Titelsong "Biste Mode" hat so einen leichten Reggae-Einschlag. Mich erinnert die Nummer an No Doubt oder Blondie.

Mieze (schreibt "Blondie" in ihr Notizbuch): Cool. Ja, die Nummer hat was Weltmusikalisches, für uns ist das ungewohntes Terrain und gerade deshalb spannend. Ich war gerade mit meinem Freund im Urlaub in Thailand, dort habe ich dem DJ einer Strandbar das Album gegeben. Er hat es laufen lassen und nachher gesagt, dass "Biste Mode" sein Lieblingslied ist. Mich interessiert es sehr, wie unsere Platten an anderen Ecken der Welt aufgenommen werden, das ist gelebte Feldforschung.

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Mega verliebt und immer mit Notizbuch!

(Foto: imago/Strussfoto)

Der Ausdruck heißt so viel wie "Ich habe dich auf dem Kieker". Was hat das mit Mia zu tun?

"Biste Mode" ist so eine Alt-Berliner Redewendung, die viele gar nicht mehr kennen. Selbst die Jungs in der Band teilweise nicht. Meine Mama hat diesen Spruch mir gegenüber immer rausgehauen, ich kenne die Formulierung also von klein auf. Bei dem Lied selbst denke ich an Hildegard Knef und an die Chansons des alten Berlins, auch wenn die Jungs sie nicht gerne hören.

Sind Mia denn gerade Mode?

Das gefällt mir total, dass man den Titel auf verschiedene Arten verstehen kann, und eben auch so in Richtung "Bist du angesagt oder nicht?" Dass die Leute den Titel oft nur vage verstehen, macht einen großen Raum auf und bietet viel Platz für Interpretationen. Die Frage, ob wir Mode sind, ist mir nicht so wichtig. Uns geht es um die Doppeldeutigkeit des Titels an sich.

Das neue Album ist auffallend extrovertiert. Die Songs sind viel lauter und weniger traurig als die des letzten Albums. Wie kam das?

Mieze (schreibt "extrovertiert" auf): Super. Ich sehe das auch. Wir gehen mehr nach draußen als nach drinnen. Wir haben sehr viel Kraft und Energie in diese Platte gesteckt, insgesamt sehr viel Aufwand betrieben. Das ist erfüllend, wenn du auch siehst, wie energiegeladen sie ist.

Hattet ihr euch das von Anfang an so vorgenommen?

Ja, es gab den Masterplan, ein bestimmtes, schnelles Tempo zu halten. Wir wollten eine Platte wie aus einem Guss machen, sie sollte sich so anfühlen und anhören wie ein DJ-Set. Mia sind eine Band mit klassischem Instrumentarium, die Elemente aus der Elektronik benutzt, in dieser Reihenfolge haben wir das bislang gemacht. Dieses Mal wollten wir es andersherum machen, mit der Elektronik anfangen und das Band-Instrumentarium als Option gegebenenfalls mit dazu nehmen. Einige Stücke haben wir in diesem Stil aufgenommen, aber auf halbem Wege festgestellt, dass es so nicht geht. Wir haben das Dogma über Bord geworfen, sonst hätte es Songs wie "Biste Mode" oder "Lauffeuer" nicht gegeben.

Die Fremdgeh-Hymne "Schick mich", die du im Duett mit Felix Räuber von Polarkreis 18 singst oder der an Großraumdiscos auf Ibiza passende House-Kracher "Berg und Tal" entstammen dann wohl der Frühphase der Produktion.

Mieze notiert sich "Ibiza".

Was schreibst du da eigentlich immer auf?

Begriffe, die mir gefallen. Man lernt ja auch aus solchen Interviews Neues. Die Ibiza-Assoziation, naja, kommt schon hin, aber man kann "Berg und Tal" natürlich auch in einer kleinen Bar hören und tanzen. Die Nummer ist ein Experiment, in der wir im weitesten Sinne ein 90er-Jahre-Revival mit Disco paaren und schauen, wie weit Synthesizer und Gitarre zusammenpassen.

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Record-Release Konzert im Stadion An der Alten Försterei (mit Andi Penn).

(Foto: imago/Matthias Koch)

Ihr lasst euch nicht einzäunen, oder?

Niemals. Wir sind musikalisch polygam. 15 Songs aus 15 Schubladen? Ist doch super. Das passiert nicht bewusst oder aktiv, aber es passiert. Die Devise von Mia lautet "Egal, wer du bist, du bist bei uns willkommen." Die Band ist eine Kneipe, in die jeder gerne rein darf. Wir probieren zu gerne aus, um uns beschränken zu können.

Dauerte es deshalb so lange, bis die neue Platte fertig war?

Wir sitzen nicht da und legen die Beine hoch, aber natürlich kann man unseren Output nicht mit dem anderer Bands vergleichen. Bei uns muss alles stimmen - Inhalt und Musik, und das braucht so viel Zeit, wie es braucht. Wir geben keinen Scheiß raus. Diese vier Köpfe unter einen Hut zu kriegen, ist jedes Mal eine Aufgabe und überhaupt nicht einfach.

Du sagst, im Song "Nein! Nein! Nein!" geht es um "18 Jahre Gegenwind". Den muss man sich auch erst mal verdienen.

Süß gesagt.

Braucht ihr das, dass sich die Leute an euch, eurer Musik, euren Texten reiben?

Man muss immer schauen, wo die Kritik herkommt. Generell eine Meinung zu haben, das ist etwas, das wir unterstützen. Kritik immer abzulehnen, ist sicher keine Option, sie kann ja auch berechtigt sein. Ich denke auch, dass unser Umgang mit Kritik immer konstruktiver geworden ist. Manches verletzt einen, aber es gibt auch immer Momente, in denen man aus dem Gegenwind etwas macht, das einen zum Lachen bringt.

Du singst "Mein Herz ist ein kompliziertes Ding, bei dem ich mir manchmal selbst im Wege bin". Ist das für dich was Besonderes, ein Liebeslied wie "Sekunde" zu schreiben?

Das Lied zu schreiben ist mir leichter gefallen als das Geständnis an sich. Gerade weil ich beim Schreiben meine Worte besser sortieren kann.

Du hast dich also während der Arbeit an "Biste Mode" verliebt.

Ja. Sehr. Und ich bin immer noch verliebt, bis über beide Ohren.

Was hat die Liebe mit dir gemacht?

Wenn ich verliebt bin, gerät das ganze "System Mieze" durcheinander. Das verwirrt mich und stellt mich auf den Kopf, aber das ist ja auch sehr gesund. In dem Lied geht es um den Moment, in dem alles in Unordnung gerät, in dem Kontrolle und Vernunft Pause haben und die Hormone die Steuerung übernehmen. Die Liebe gibt mir sehr viel Kraft, sie ist meine Tankstelle.

In "United States of Ich & Du" singst du "Ich gründe einen neuen Staat". Wie würde so ein Mia-Land aussehen?

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Bitte lassen Sie Ihre Koffer unbeaufsichtigt.

Bunt auf jeden Fall. Bei uns sind alle willkommen. Wir sagen nicht "Hey, das Indie-Kid ist viel cooler als der Geschäftsmann", nee, es geht ums locker lassen. Wir mögen nicht, dass die Leute immer so viel Angst gemacht bekommen. Wir sagen: "Bitte lasst eure Koffer mal unbeaufsichtigt".

In "Geld", dessen Video ihr auf Kuba gedreht habt, geht es um Gerechtigkeit. Was ist eure Einstellung zum Geld?

Es wäre schön, wenn kein Mensch auf der Welt mehr über Geld nachdenken müsste.

Mit Mieze Katz sprach Steffen Rüth

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Mia auf Tour:

07.10.15 München,Backstage
08.10.15 Nürnberg, Hirsch
09.10.15 A - Wien, Flex
16.10.15 CH - Zug, Kulturzentrum Galvanik 
17.10.15 Wiesbaden, Schlachthof 
18.10.15 Krefeld, Kulturfabrik 
22.10.15 Stuttgart, DasCann
23.10.15 Jena, F-Haus
24.10.15 Gießen, MuK
29.10.15 Wilhelmshaven, Kulturzentrum Pumpwerk 
30.10.15 Leipzig, UT Connewitz
31.10.15 Worpswede, Music Hall 
03.11.15 Köln, Gloria 
04.11.15 Hamburg,Große Freiheit
05.11.15 Berlin, Huxley’s

Quelle: ntv.de