Musik

Lieben und geliebt werden Mick Hucknall ist simply wonderful

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Still red after all those years: Mick Hucknall.

(Foto: Dean Chalkley)

Einzigartig, der Mann. Seine Stimme, sein Look, seine Musik. Und dann ist er auch noch einer der lockersten Gesprächspartner, witzig, offen, keine Spur von Allüren. Er fragt, ob mein Handy kaputt sei oder ob ich eine teure "Spider-App" hätte. Er ist beruhigt, als ich ihm sage, dass das gesplitterte Display durch einen Sturz verursacht und nicht mit Absicht oder gar teuer erstanden wurde. "Ok, gut, denn das wäre ja genauso bescheuert, wie Jeans mit Löchern zu kaufen, diese Mode habe ich noch nie verstanden." Ganz entspannt zieht er ab und zu an einer leichten E-Cohiba und sagt frank und frei: "Ich mag Nikotin. Nikotin verleiht einem eine gewisse Wachheit." Über sein neues Album mit Simply Red sprechen wir, über Kinder, Elternzeit, alte Männer und darüber, wie er textet.

n-tv.de: Als wir uns das letzte Mal getroffen habe, wurde dein Gepäck am Flughafen konfisziert.

Mick Hucknall: Oh ja, ich weiß, ich musste zu einer Veranstaltung und hatte keine Zahnbürste dabei. (lacht) Aber sie haben mir alles nachgeschickt.

Kurz danach hast du mit Simply Red dein 30-jähriges Bandbestehen gefeiert - ich habe das Gefühl, die Chancen stehen nicht schlecht für eine 40-Jahr-Feier.

Oh ja, warum nicht! Wenn man Geburtstage und Jahrestage nicht feiert, dann ist man wahrscheinlich ein sehr miesepetriger Mensch, ehrlich gesagt. Man muss es ja nicht übertreiben und das 34. Bandjubiläum feiern, aber besondere Anlässe verlangen doch nach besonderen Maßnahmen.

Und wie steht es mit eigenen Geburtstagen? Der nächste, der ansteht, ist ja schon speziell …

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Mick Hucknall - ein moderner Vater.

(Foto: Dean Chalkley)

Du meinst, weil ich nächstes Jahr 60 werde? (lacht) Tja, mir selbst bedeutet es gar nicht so viel, ich will das nicht überbewerten. Andere legen da viel mehr Gewicht rein. Es ist grundsätzlich nichts Falsches daran, es ab und zu krachen zu lassen. Aber meine Prioritäten haben sich verändert, seit 2007 und dem American-Soul-Album lag mein Hauptaugenmerk immer darauf, möglichst viel zu Hause sein zu können, nicht immer unterwegs auf Tour. Das war ein kleines Projekt. Ich wollte was machen, aber ich wollte nicht verpflichtet sein, alle zwei Jahre etwas Neues mit Simply Red abliefern zu müssen. Das hätte bedeutet, dass ich Konzerte geben muss, ununterbrochen, und dann dachte ich: Ich werde meine Familie nur sehr selten sehen und das will ich nicht. Ich war gerade Vater geworden und dann hätte ich mein Kind nie gesehen. Was ist der Sinn daran?

Und dann hast du gesagt, Schluss jetzt.

Ja, ich habe zu meinem Manager gesagt, dass ich eine Pause machen möchte. Ich wollte mich ja nicht auflösen, ich hatte nicht vor, Schlagzeilen zu produzieren wie" Simply Red trennen sich!" Wir haben zwar so etwas wie eine Abschiedstour gegeben, aber das sollte ja nicht für immer und ewig sein. Wir haben es "Farewell" genannt - das bedeutete jedoch nicht, dass wir tot sind! Außerdem brauchte ich eine Pause, weil ich ja nicht Songs am laufenden Band produzieren kann. Ich bin ja keine Maschine. Wenn der Song nicht zu mir kommt, dann versuche es ich nicht mal, einen zu schreiben.

Wie war das Prozedere jetzt bei deinem aktuellen Album?

Das ging irgendwie schnell. Vor acht Monaten hab ich angefangen, zu texten. "Thinking of You" ist entstanden, als ich gerade ferngesehen habe. Da hab ich mein Handy genommen und die Zeilen schnell eingetippt. Dann habe ich über die Melodie nachgedacht und die in mein Handy gesungen. Ich würde sagen, das hat alles 15 Minuten gedauert und ich dachte: "Oh mein Gott, ich habe eben einen kompletten Song geschrieben". Den hab ich meinem Produzenten geschickt, er mochte ihn und schon ging es los.

Deine erste neue Single.

(lacht) Das klingt echt süß. Ich habe schon lange nicht mehr das Wort "Single" gehört.

Aber das war das erste Lied, was ausgekoppelt wurde, so nennt man das, und dann das nächste und dann noch eins …

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Wieder da? Nie weg gewesen trifft's wohl eher.

(Foto: Dean Chalkley)

Ja, ich liebe das, das ergibt echt Sinn! Ein ganzes Album ist etwas sehr Gutes, aber manche Songs gehen unter. Durch die Möglichkeit, auf so vielen Kanälen gespielt zu werden, auf so vielen Plattformen, in so vielen Charts auftauchen zu können, bekommen einzelne Songs in meinen Augen eine ganz andere Bedeutung als früher. Ein Künstler möchte ja, dass alles von ihm gehört und am besten auch gemocht wird.

Was, denkst du, ist die größte Veränderung im Musikbusiness in den letzten Jahren?

Die positivste Veränderung ist das, was ich gerade gemeint habe, dass man Stück für Stück einzelnen Songs, die herauskommen, eine gewisse Tragweite ermöglicht. Und ganz ehrlich: Ich bin 59, die Dinge passieren, wie sie nun mal passieren, die Veränderungen gehen ständig voran und ich kann und will gar nichts dagegen oder dafür tun. Ich frage mich manchmal, ob ich das überhaupt verstehe. Was bedeutet es, einen Song zu streamen? Ich weiß schon, was das ist, aber ich weiß nicht, ob ich mich genügend dafür interessiere - versteht du, was ich meine? Ich habe eine Musiksammlung zu Hause, Schallplatten, und ich vertraue meiner Plattenfirma und meinem Manager, dass sie schon genau die richtigen Dinge für mich machen. Aber das ist auch ihr Job - ich mache die Musik und sie verkaufen sie.

Kommen wir nochmal auf die Pause zurück: Du hast aufgehört, weil du Vater wurdest …

Ja, weil ich all diese Geschichten der Kinder von Musikern und Schauspielern kenne, die ihre Eltern immer nur von hinten gesehen haben oder im Fernsehen. Das wollte ich für mein Kind nicht. Mein Vater war immer für mich da, jeden einzelnen Tag! Und zwar die ersten 16 Jahre meines Lebens. Ich glaube, ganz intuitiv wollte ich das auch. Ich wollte das damals nicht so sagen, weil es sich so kitschig anhört: "Hucknall bleibt wegen Kind zu Hause". (lacht)

Finde ich nicht, es klingt einfach nett, liebevoll. Aber vielleicht ungewöhnlich für einen Mann. Klingt nach einem Vater, der sein Kind liebt.

Ja, und inzwischen kann ich auch darüber sprechen. (lacht). Ich bin ja immer noch sehr gern zu Hause. Ich mache das wahrscheinlich auch noch, wenn sie 30 ist.

Davon ist auszugehen, sie bleiben die Babys.

Ich bin so froh, dass ich es gemacht habe, dass ich es durchgezogen habe. Ich denke, mein Kind ist ein ausgeglichenes Kind, meine Frau war ja auch da, wir waren also zu zweit. Sie ist 12 und warnt mich jetzt bereits davor, dass sie nächstes Jahr ein Teenager sein wird. Ich hätte immer Angst, dass ich zu viel verpassen könnte in der Entwicklung, das kommt ja nie wieder! Und jetzt eines noch, das klingt alles so lässig dahingesagt: Mir ist vollkommen klar, dass ich in einer privilegierten Situation bin und weiß, dass die meisten Menschen täglich arbeiten gehen müssen. Das ist mir absolut bewusst.

Komponieren oder texten kann man ja auch zu Hause.

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Ja, das ist natürlich ungemein wichtig für mich, weiterhin. Diese Arbeit, die Musik, die Band, das ist ein großer Teil meines Lebens, das ist, was ich kann und wofür ich bestimmt bin. Das kann ich ja nicht leugnen.

Es klingt zumindest alles ganz ausgewogen.

Ja, das war aber nicht immer so. Als wir "Stars" herausgebracht haben, waren wir zwei ganze Jahre auf Tour. Und das will ich nicht mehr. Das kann ich ehrlich gesagt auch nicht mehr (lacht).

Wenn deine Tochter sagen würde, sie will Musikerin werden …

… dann dürfte sie das machen. Man kann niemanden davon abhalten, das geht immer in die Hose. Ich würde mich sicher von ihr entfernen, beziehungsweise sie sich von mir, wenn ich ihr vorschreiben würde, was sie zu tun hat. Oft erreicht man damit ja auch genau das Gegenteil, selbst, wenn man es gut meint. Ich bin aber auf ihrer Seite und das soll auch so bleiben. Außerdem weiß ich schon jetzt, dass sie eine Künstlerin ist. Hier, ich zeige dir eine Zeichnung (Mick zeigt auf seinem iPhone ein Bild, das seine Tochter gemalt hat von Jane Goodall und ich muss ihm versprechen, dass ich die Geschichte dahinter aber nicht weitererzähle.)

Das neue Album soll so funky, so soulig und so "dirty" sein wie nie zuvor …

(lacht) Dirty, echt? Wer sagt das?

Hab' ich gelesen. Ich finde ja, dass es mich an Simply Red von früher erinnert. Ist das doof?

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Funky wie nie - Hucknall mit seiner Band.

(Foto: dpa)

Nein, gar nicht doof. Aber tatsächlich finde ich auch, dass wir noch nie so funky waren wie auf diesem Album. Ich schätze, das liegt daran, dass ich mich von meinem Alter habe inspirieren lassen. (lacht) Ich musste an das Album von Johnny Cash denken, kurz vor seinem Tod, so voller Dunkelheit und Weisheit, und ich dachte, nein, mir ist eher danach, den Leuten ein bisschen in den Hintern zu treten, sie zum Tanzen zu bringen, bämm, auf jeden Fall das absolute Gegenteil davon zu bringen, dass ich düster oder weise klingen könnte. (lacht) Also ja, ich bin kurz vor 60, und ja, ich weiß ein paar Dinge, aber ich fühle mich einfach nicht alt. Also denke ich eher: Hey Leute, habt eine tolle Zeit, amüsiert euch, so lange es geht!

Ich liebe Simply Reds ruhige Songs am meisten - die gefielen auch schon immer den Kindern …

Das habe ich öfter gehört, dass Simply Red bei unterschiedlichsten Generationen gut ankommt. Das sagt mir, dass ich was richtig gemacht habe. Ich brauche diese Songs tatsächlich, sie gehören zu meinem Leben und zu meiner Persönlichkeit. Aber alles auf dem neuen Album repräsentiert mich, das bin ich!

"Sweet Child" - ist das für dein Kind geschrieben?

Ja, schon, aber auch für alle anderen Kinder. Wir leben in einer anstrengenden Zeit, in einer Zeit, in der wir kämpfen müssen. Wir müssen vor allem dagegen ankämpfen, dass wir von Leuten regiert werden, die uns anlügen. Ich hasse Lügen und noch mehr hasse ich Lügner. Wir müssen aufwachen und wirklich über die Zukunft nachdenken, darüber, was wir den Kindern hinterlassen.

Apropos Kinder: Kannst du dir erklären, wie es passieren kann, dass erwachsene Männer Greta Thunberg hassen? Wie kann man ein Kind hassen? Sei es auch noch so neunmalklug. Sie hat ja recht …

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(Foto: dpa)

Ich glaube, es geht gar nicht um sie persönlich. Ganz einfach, stell dir da Szenario vor: Da kommt ein junges Mädchen und sagt den Mächtigen der Welt, was falsch läuft. Das ist ja für viele, vor allem viele Männer, kaum auszuhalten, dass sie kritisiert werden. Und dann auch noch von einem Kind, das dafür überall auf der Welt Beifall erntet. Sie hat doch recht! "Sweet Child" ist für alle Kinder! 

Und "Complete Love"?

Ich wurde inspiriert von Nat King Coles "Nature Boy": "The greatest thing you'll ever learn is just to love and be loved in return". In meinem Song will ich ausdrücken, dass ich weiß, dass ich geliebt wurde, dass ich das weiß. Ich wurde geliebt, weil auch ich Liebe gegeben habe. Wenn ich also eines Tages sterbe, dann kann ich sagen, dass ich vieles richtig gemacht habe. Und das ist doch der Sinn des Lebens - lieben und geliebt werden.

Mit Mick Hucknall sprach Sabine Oelmann

Simply Red gehen im Oktober 2020 auf Tour

Quelle: n-tv.de

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